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weiblich, trans, sucht: Von Short Kings mit breiten Schultern

10. Juni 2025

Ein Kommentar von anonym 

Ich date nur in Phasen. Männer und die Dating-Culture zwingen mich zu längeren Pausen, die ich für mein Seelenheil brauche. Ich war genau in so einer Phase, als mich jemand anschrieb und sagte, er habe mein Insta durch Grindr gefunden und fände meine Bilder schön. Grindr ist ein notwendiges Übel, das queere Personen, wie ich, oft in Anspruch nehmen, um vielleicht zwischen unconsensual Dickpics, Taschengeld-Angeboten und hypermaskulinen Hetero-Männern mit Doppelleben doch noch eine vernünftige Konversation zu führen. Zum Glück wollte dieser jemand nicht auf Grindr verbleiben – oder ich hatte seine Nachricht übersehen zwischen Nachrichten, die sich lesen wie etwas zwischen Business-Talk und harter Pornografie. Als schlechte Texterin mit noch schlechterer Texting Personality verlor sich das Gespräch häufig im Sande, bevor mein Männerhass abgeklungen war und wir uns auf ein Date in Köln verabredeten. 

Dating als trans-feminine Person ist tricky, denn es gibt viele problematische Motive, mich zu daten: Identifizierst du dich als hetero, bist aber interessiert an Männern und willst nur eine trans Frau treffen, weil sie „male bodied“ ist, um dir so wenig über dich selbst eingestehen zu müssen wie möglich? Bist du bi und erklärst deine Anziehung zu mir mit „Ich steh ja auch auf Männer“? Bist du hetero mit offener genitaler Präferenz, willst mich aber nur wegen eines Teils meines Körpers, den ich hasse? Stehst du überhaupt hinter trans Personen oder findest du uns nur „exotisch“? Oder bist du schwul und sagst mir hinterher, du hast mich beim Sex als Mann wahrgenommen?

In diesem Fall hatte ich ein gutes Gefühl. Mein Date sah mich nicht als Sexobjekt. Er stellte mir ehrliche, respektvolle Fragen zu meiner Transidentität. Als ich aus dem Zug stieg und ihn zum ersten Mal sah, war ich ernüchtert. Ich wusste, dass er ein Short King war, aber hatte doch auf mehr King und weniger Short gehofft. Ich war mit meinen Schuhen über 1,90 groß und leider in Full-Face-Makeup, weil ich nie weiß, wann ich den Pinsel weglegen soll. Die Diskrepanz war deutlich – wie so oft, wenn ich auf Dates gehe.

Endlich ein gutes Date?

Wir gingen essen. Ich bestellte Nudelsuppe und kämpfte beim Gespräch damit, mein Make-up nicht mit einer Nudel zu verzieren. Er erzählte von seinem Leben in Deutschland, wohin er aus Kolumbien zum Studieren gezogen war. Wir lästerten über Gay- und Hookup-Culture. Ich glaube, er bezahlte – und obwohl ich Feministin bin und meinen mickrigen Kontostand gern geopfert hätte, fand ich die Geste süß. Da wir beide gerne Bier trinken, gingen wir noch in eine Bar. Seine Größe verschwand hinter seiner Körpersprache, seinem Charakter – vielleicht auch seinen breiten Schultern. Und dass wir saßen, half ebenfalls. Ich betrachtete ihn im Licht der Bar und fand ihn plötzlich einfach attraktiv.

Der Größenkomplex war schnell gelöst. Genau wie unsere Zungen, nach Bier und ein paar Schnäpsen. Zaghaft begann ich, mehr zu erzählen, hielt mich aber zurück. Aus Erfahrung weiß ich, dass Oversharing schon einiges ruiniert hat. Ich war selbstbewusst, hielt Augenkontakt, spielte mit meinen Haaren und erwiderte Komplimente mit derselben Energie. Als der Abend älter wurde, beschlossen wir, noch feiern zu gehen. Wir wollten beide nicht, dass der Abend endet. Wir trafen Freunde von ihm und tanzten in einem Gay Club. Nicht schlecht für mich – ich bin Tanzlehrerin. Ich bekam viele Komplimente, auch von ihm. Ein großes Lob von einem Kolumbianer.

Draußen fragte er mich, ob er mich küssen dürfe. Einer der romantischsten und heißesten Sätze auf einem ersten Date, wenn man mich fragt. Ich sagte natürlich ja. Er fasste mich an den richtigen Stellen an, während wir uns küssten und er meinen Lippenstift verschmierte. Danach sprachen wir sogar noch über Red Flags, in der Naivität des ersten Dates, dass man ja vielleicht zusammenkommen könnte. Im Rückblick war das nicht naiv. Dass er damals sagte, er sei ziemlich dominant, war schon ein kleiner Vorgeschmack auf unsere Trennung ein Jahr später.