Vom 03. bis zum 08. März fand das New Colossus Festival in New York City statt, bei dem Newcomer Bands aus aller Welt Shows spielen, um sich international zu vernetzen. Dieses Jahr war auch die Dortmunder Band Sloe Noon dort. Unsere Redakteurin und Person hinter dem Projekt, Anna, berichtet.
Alles ging damit los, dass mein damaliger Booking Agent mein Projekt dem Festival vorschlug, kurze Zeit später hieß es dann, wir könnten dort auftreten. Das war Anfang des letzen Sommers. Geschmeichelt fühlte ich mich und erzählte gleich euphorisiert meiner Liveband davon, in dem Wissen, dass es zu 90 Prozent nicht klappt. Denn hier ist der Haken: Das Festival zahlt keine garantierte Gage. Leider ist das bei sogenannten Showcase-Festivals so üblich, da sie mit Reichweite und Plattform dienen wollen und hauptsächlich Akteur:innen der Musikindustrie eingeladen werden. Ähnlich wie Support Shows für größere Acts, sind sie quasi das unbezahlte Praktikum der Musikbranche – kein Muss, aber doch irgendwie wichtig.
Kurz darauf wurde dann klar, dass wir aufgrund der Visa-Situation keinen Cent Gage annehmen könnten. Die Einreise mit einem ESTA umgeht die hohen vierstelligen Gebühren für ein Arbeitsvisum und ist eine rechtliche Grauzone für Showcase Festivals. So legte ich den Traum vorerst aufs Eis. Im Herbst kam jedoch sowohl der Booking-Agent, als auch mein Label mit positiven Erfahrungsberichten und Möglichkeiten auf mich zu. Da die Ankündigung des Festivals anstand, machte ich eine mutige und sich sehr mulmige anfühlende Entscheidung: Wir machen das einfach irgendwie.
Costa Quanta?
Wie bei einem Praktikum muss man sich also nun fragen: Wie finanziere ich das? Die Situation war folgende: Keiner von uns hat reiche Eltern und zudem bin ich alleine finanziell für das Projekt verantwortlich, was bedeutet, alle Reise- und Unterkunftskosten für mich und meine drei Live-Musiker zu finanzieren. Easy. Das bedeutete erstmal tagelang Förderanträge beim Land NRW und bei der Initiative Musik zu stellen – beide abgelehnt. Zwei bis drei Crash-Outs später ging es weiter. Eine Sache hatte ich noch nicht versucht: die Tourförderung von popNRW, die ich in dem Jahr nur glücklicherweise als Nominierte des popNRW Preises beantragen konnte. Zwar weniger als die Hälfte der Kosten, aber ich dachte das wird was. Abgelehnt, weil “keine Tour”.
Zu dem Zeitpunkt habe ich es nicht mehr eingesehen und bei popNRW so lange argumentiert, bis doch Gelder geschoben wurden und ich 1500 Euro bekommen habe – genug für die Flüge für alle. Check. Dann noch schnell beim Subrosa angerufen, einen Fundraiser organisiert und einen Online-Spendenaufruf gestartet. So konnten wir tatsächlich ziemlich genau den Rest der Summe für Unterkunft und sonstige Reisekosten auftreiben. Was wir letztendlich noch privat für Verpflegung ausgegeben haben, lasse ich mal aus Gründen der Verdrängung weg.

[Foto: Fabian Schwarze]
Currywurst trifft auf Big Apple
Danach begann eine Geschichte von fünf Freund:innen, fettigem Essen, viel Musik und nur einem kleinen Hotelzimmer, das wir uns noch mit unserem guten Freund Fabian geteilt haben, der auf eigenen Geldbeutel zum Fotografieren mitgekommen war. Die Einreise verlief zum Glück sehr stressfrei, der Grenzbeamte fragte mich zwar ziemlich viel, aber niemand wurde verhört und kein Koffer geöffnet. Dass wir keine Instrumente dabei hatten, machte die Einreise sehr viel einfacher. Müdigkeit und Jubel waren groß, als wir nach all der Aufregung endlich im Uber nach Soho zum Hotel saßen. Die monatelange Planung, Beratungstermine, Spendenaktion und Förderung waren nicht umsonst.
Fast alle von uns hatten vorher noch nie Europa verlassen und kein Konzept davon, was ein Jetlag mit einem macht. Plötzlich war ich der früheste Vogel, nur statt irgendwelche Würmer zu fangen, fühlte ich mich wie in Watte gepackt. Es dauerte etwa die ganze Woche, bis ich mich nicht mehr wie in einem Traum am Filmset fühlte – ein wohlgemerkt schöner Traum. Nach ein paar Tagen, als ich mich aus Überreizung und Lagerkoller alleine nach Brooklyn abseilte, holte mich die Realität ein und noch in der U-Bahn überkamen mich die Tränen – eine Mischung aus purer Freude und kompletter Überforderung.
Erstmal stand bei uns aber ein ziemliches Touri-Programm an, denn die Auftritte, vier um genau zu sein, begannen erst am dritten Tag. Das wäre nicht besonders spannend zu erzählen, aber nicht fehlen durfte dabei natürlich auch für Bassist Dennis und mich nicht die obligatorische Gossip Girl Tour. Für die Grand Central Station, die Treppen der fiktiven Constance Schule und einen Joghurt auf den Treppen des MET, haben wir keine Schritte gescheut.
In den Fußstapfen der Legenden
Am 04. März ging es dann mit dem ersten von vier Auftritten los. Dieser war inoffiziell, nämlich gar nicht vom Festival organisiert, sondern von ein paar lokalen Bands aus Brooklyn, die einen Song von uns im New Yorker Radio gehört haben, wie auch immer der dort gelandet ist. Diese Secret Show im Alphaville in Bushwick, als erstes zu spielen, war angsteinflößend und fühlte sich zugleich sehr Punk an. Ich spielte dort mit zwei meiner Lieblingsmusiker:innen zusammen, deren Projekt ich schon seit langer Zeit folge und nun war ich für einen Abend selbst Teil dieser Szene, was ein unbeschreiblich verrücktes Gefühl war.
Die drei Festivalauftritte erfolgten zwei Tage später. Das Festival findet in mehreren Venues in der Lower East Side statt. Wir spielten erst einmal an zwei verschiedenen Tagen im Piano’s. Einmal beim German Mixer mit dem deutschen Konsulat und einmal mit einem Radio aus Long Island namens Maker Park. Der letzte Auftritt war dann in der Venue Arlene’s Grocery, welcher für uns der coolste Gig war bei der Closing Party am letzten Festivaltag um 20 Uhr mit dem besten Sound bislang.
Zum Glück erfuhren wir erst hinterher, dass bereits Legenden wie The Strokes, Lady Gaga und Jeff Buckley auf dieser Bühne gespielt haben. Alles gut…. irgendwie verrückt für kurze Zeit Teil einer Welt zu sein, die einem immer so weit weg und doch durch Fernseher- und Computerbildschirme so nah erschien. Die New Yorker:innen, zumindest in dem Kosmos, in dem wir unterwegs waren, waren wahnsinnig nett und gelassen. Vielleicht sind sie zu cool, um zu cool zu sein. Irgendwie angenehm. In der Stadt ist man eh so klein, dass es einem auch irgendwie egal ist.
Vor allem war es auch schön, Bands aus der ganzen Welt zu treffen. In der jetzigen politischen Weltlage braucht es solche Momente und Festivals nicht nur zum Erklimmen der Karriereleiter, sondern auch für das Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft. Auch wenn die Indie-Musikszene weltweit eine Blase ist, darf die Kraft von Kunst und Kultur in Gegenbewegungen nicht unterschätzt werden. Dass ich am letzten Festivaltag, der auf den Feministischen Kampftag fiel, an dem wir zwei Auftritte hatten, meine Periode bekommen habe und mit internationalen Bands eine Bühne teilen durfte, war für mich der schönste Abschluss, den ich mir hätte wünschen können.
Ich glaube, einen Monat später habe ich das alles immer noch nicht ganz verarbeitet. Es fühlt sich an, wie irgendwas zwischen Tagtraum und einer Klassenfahrt, die sehr lange her ist. Diese Stadt hat einen Zauber und ich kann verstehen, wieso so viele Künstler:innen über die Jahrhunderte dorthin pilgern. Kurz überkam auch mich ein “Was wäre wenn”-Moment, der natürlich schnell von der Realität eingeholt wurde, aber wer weiß… Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das nicht das letzte Mal in New York gewesen ist – aber auf jeden Fall das schönste erste Mal.







[Fotostrecke: Anna Olivia Böke]
