[Illustration: Clara Chowanietz]
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Die Zukunft von Theater, Ballett und Oper – Does no one care about this anymore?

8. April 2026

In unserem April-Schwerpunkt schauen wir uns das mittlerweile ehemalige Kulturticket des AStAs der Universität Duisburg-Essen (UDE) und die damit verbundenen Künste genauer an. Wurde das Ticket genutzt? Und wie relevant sind Theater, Ballett, Oper und Philharmonie eigentlich überhaupt noch? Aber ob Timothée Chalamet recht behält, wissen wir erst nach der letzten Dernière.

In einem von Variety und CNN gehosteten Gespräch zwischen Schauspieler Matthew McConaughey und Timothée Chalamet kam es seitens letzterem zu einer Aussage, die ihn einigen Memes und der öffentlichen Meinung zufolge, vielleicht sogar den Oscar gekostet haben könnte. „I don’t wanna be working in ballet, or opera” und kurz darauf „No one cares about this anymore”. 

Die Aussagen folgten auf eine Diskussion der beiden Interstellar-Stars über Aufmerksamkeitsspannen, verschwindende erste Akte und zeitgenössischen Medienkonsum. McConaughey fühlt sich beim Zuschauen gehetzt, es fehlen Spannungsbögen und Aufbau in modernen Film- und Serienproduktionen. Chalamet erwidert mit zwei gegensätzlichen Trends, die er beobachtet: Einerseits seien Netflix-Produktionen anscheinend schon darauf getrimmt, die größten Explosionen und aufregendsten Momente bereits früh in der Handlung zu zeigen und nicht mehr fürs Ende aufzusparen, andererseits gäbe es mit der Gen Z wieder eine Bewegung hin zum Konsum von langsamem, atmosphärischem Kino. 

Er sieht eine stetig wachsende Unterstützung für Künste, die man aktiv am Leben erhalten sollte, vermutlich aufgrund ihres künstlerischen Mehrwerts. Sich selbst positioniert er in der Mitte, denn – und hier kommt die Stelle, die einmal von TikTok durchgekaut und nie wieder ausgespuckt wurde – er selbst möchte nicht in Ballett oder Oper mitspielen, das interessiere ja keinen. Als US-Amerikaner ist sein Zitat noch einmal etwas anders einzuordnen, denn in den Vereinigten Staaten behält er teils recht – hier sind die Besucher:innenzahlen von Theater, Ballett und Oper bereits seit den 1980er Jahren stetig am fallen und auch zwischen 2019 und 2023 fielen Ticketverkäufe über 20 Prozent ab. Auch hier hat COVID zugeschlagen und global einen Rückgang verursacht, wie bei fast jeder Art von bezahlter kultureller Veranstaltung. 

Comeback für Theater & Co.?

In Deutschland bzw. Europa ist die Lage jedoch anders. In der Spielzeit 2023/24 stieg laut dem Bühnenverein die Anzahl der Gesamtbesucher:innen der Sparten Schauspiel, Oper, Ballett und Tanz um 1,5 Millionen auf insgesamt erstmals über 20 Millionen. Auch lokal konnten Erfolge erzielt werden. Erst kürzlich brach das Dortmunder Konzerthaus seinen Besucher:innenrekord nach gerade einmal 60 Prozent der Spielzeit. Auch die städtischen Theater und die Philharmonie in Essen konnten sich von dem Corona-Tief erholen und steigern stetig ihre Verkaufszahlen. Theater, Ballett und Oper in Dortmund konnten Ende 2025 mit 6,8 Millionen aus Umsatzerlösen ihre Kalkulationen für die Spielzeit um 2 Millionen übertreffen. 

Doch nicht nur die Masse ist hier entscheidend. Der Nordstadtblogger, ein Lokalmagazin, berichtet: Eine Besucher:innen-Befragung des Dortmunder Konzerthauses ergab, dass über 99 Prozent der Teilnehmenden einen Besuch des Hauses weiterempfehlen würden. Es ist also nicht nur gutes Marketing, sondern auch Kund:innenbindung durch ein qualitatives Programm und durchdachte Customer-Journey. Intendant Raphael von Hoensbroech führt die positive Entwicklung unter anderem auf einen Wunsch nach analogen Erlebnissen zurück. In einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft mit immer schnelllebiger werdendem Konsum bildet diese Kunstform den Gegenpol, den auch Chalamet im Interview erwähnte. 

Eine Studie aus 2016 hat festgehalten, wie die durchschnittliche Person, die Oper und Theater besucht, aussieht. 73,5 Prozent haben ein Studium absolviert und 60,5 Prozent sind männlich. Der größte Berufsgruppenanteil sind die Rentner:innen mit einem Viertel, was niemanden überrascht, da 75 Prozent älter als 50 sind. Laut einer Prognose sollen in 10 Jahren, also heute, 82 Prozent älter als 50 sein und fast 60 Prozent älter als 65. Aktuelle Erhebungen haben wir noch nicht, daher lässt sich die Prognose weder bestätigen noch verneinen.

Während sich also jüngeres Publikum nach und nach mehr für die hohen Künste zu interessieren scheint, reicht diese Tendenz allerdings immer noch nicht, um sich in den Statistiken bemerkbar zu machen. So machen Menschen zwischen 18 und 34 gerade einmal 14 Prozent des Publikums aus, während die Ü50-Fraktion etwa  ¾  der Besucher:innenzahlen ausmacht. 

Das Ende des Kulturtickets

Für ein Fortbestehen des vom AStA organisierten Kulturtickets an der UDE hat der Anteil jüngerer Besucher:innen nicht gereicht. Nachdem es im Oktober 2017 eingeführt wurde, bestand die Hoffnung, dem gealterten Publikum der Häuser einen Facelift verpassen zu können. Denn für viele Studis und jüngere Menschen sind die dort geforderten Preise zu hoch. Während Clubs schon mit Ticketpreisen zwischen 10 und 20 Euro um die Gunst ihrer jungen Zielgruppe bangen müssen, kann es in den Kunsthäusern bei besonderen Vorführungen und guten Plätzen auch schon dreistellig werden. Wer BaföG bezieht oder von Minijob und Kindergeld lebt, überlegt sich den Besuch dreimal. 

Gerade deswegen sind subventionierte Ticketpreise für diese Altersgruppe essentiell, um sich langfristig vor dem Aussterben eines zu alten Publikums zu retten. Die günstigeren Tickets gibt es auch unabhängig von besonderen Rabatten für Studierende wie dem nun ehemaligen Kulturticket. An dem Theater und der Philharmonie Essen (TuP) oder dem Theater Dortmund bezahlen Azubis, Schüler:innen und Studis, die jünger als 30 sind, die Hälfte. In vielen anderen Häusern ist das ähnlich. Da dies allerdings vor allem für Menschen mit geringerem Grundinteresse oder Kenntnissen der Materie immer noch eine zu große Hürde darstellt, wurden Programme wie das Kulturticket ins Leben gerufen. 

1€ – ein symbolischer Betrag, monetär eigentlich irrelevant für das Haus. In Theater, Oper und Ballett in Dortmund können Studierende der TU eine kostenlose Karte bekommen, die der FH sogar zwei. Es läuft aufs Gleiche hinaus – an ihren lokalen Studis haben die Häuser besonderes Interesse. Und aus gutem Grund, denn Statistiken zeigen auch, dass der Bildungsstand für ein Interesse an diesen Kunstformen ausschlaggebend ist. Über 70 Prozent der Besuchenden haben ein Studium abgeschlossen, hier versuchen sie also am ehesten anzudocken. Wer im Studium kostenlos reinkam, wird danach vielleicht auch bereit sein, tiefer ins Portemonnaie zu greifen.

Bisher war der Versuch allerdings für alle Beteiligten ein Fehlschlag. Das Ticket wurde im Wintersemester 24/25 von insgesamt knapp 1100 Studis genutzt – nicht einmal 3 Prozent der Studierendenschaft der UDE also. Da es allerdings von allen Studis gleichermaßen finanziert wird, wurde  das Fazit gezogen, dass die Kosten den Nutzen übersteigen. Im November letzten Jahres wurde der Antrag von der AStA-Vorsitzenden, Berfîn Çelik, im StuPa eingereicht, der die Kooperation beenden sollte. 

Auf Nachfrage weist Berfîn auf einige weitere Punkte hin, die zum Antrag auf Beendigung der Kooperation führten. Ein Aspekt sei die Tatsache, dass das Angebot in seiner bisherigen Form „nicht gut zugänglich“ war. Einer der Hauptkritikpunkte war die zeitliche Beschränkung der Ticketverfügbarkeit: Das Ticket für einen Euro konnte frühestens eine Woche vor der Vorstellung erworben werden. Zu dem Zeitpunkt sind beliebte Vorstellungen auch gerne ausverkauft (Take that, Timmy!). Und die Plätze, die dann vielleicht noch übrig wären, seien oft schlechtere Plätze, mit teils eingeschränkter Sicht und ohne die Möglichkeit, mit Freund:innen zusammen zu sitzen. 

Schlechte Umsetzung oder schlechtes Marketing?

Dass das Ticket so wenig genutzt wurde, lag allerdings nicht ausschließlich an mangelndem Interesse. Studierende, die im Rahmen der Berichterstattung befragt wurden, gaben an, von dem Angebot schlicht nichts gewusst zu haben – zumindest nicht, bis die Kündigung der Kooperation angekündigt wurde. Eine zentrale Hürde scheint also noch lange vor dem Ticketpreis zu entstehen, nämlich bei Marketing und Awareness. Während es für die Häuser selbst zu funktionieren scheint und die Verkaufszahlen stetig steigen, ist es bisher noch nicht gelungen, auf universitärer Ebene anzuknüpfen und auch hier für die Sichtbarkeit des Angebotes zu sorgen. 

Andere von uns befragte Studis, die vom Ticket wussten, berichten jedoch von dem selben Problem wie Berfîn: Wer eine Woche vor der Vorstellung nach Karten schaut, findet entweder nichts mehr oder landet auf einem Platz, von dem aus man sich den Hals verrenken muss, um die Bühne zu sehen. Denn, „TuP ist so beliebt, dass Oper und Ballett eigentlich nie mehr Karten hatten”, so eine Nutzerin. Ironischerweise sorgt die allgemein steigende Beliebtheit dafür, dass das bisherige System nicht mehr aufgeht. Das Ticket war also nicht nur schlecht beworben, sondern in seiner Konzeption von vornherein limitiert.

Lässt sich die mangelnde Nutzung aber bloß durch diese Hürden erklären? Oder sind die Angebote schlicht und ergreifend nicht populär genug bei Studis? Berfîn formuliert es diplomatisch, aber klar: Das Ticket entspräche „nicht mehr dem kulturellen Angebot, das wir als AStA unseren Studierenden ermöglichen möchten.” Dahinter steckt mehr als eine Haushaltsentscheidung. Es ist ein inhaltliches Statement darüber, was StuPa und AStA glauben, die allgemeine Meinung der Studierendenschaft sei – die Umfrage dazu, was denn von Studierenden gewünscht wäre, erfolgte jedoch erst lange nach dem Beschluss, das Kulturticket zu kündigen. Der Beschluss im Studierendenparlament fiel einstimmig, was bedeutet, dass quer durch alle politischen Listen Einigkeit bestand: Dieses Modell hat sich (laut StuPa) überlebt.

Was stattdessen kommen soll, ist noch offen. Der AStA arbeitet an einem Kulturpass, der im gesamten Ruhrgebiet und NRW vergünstigte oder kostenlose Angebote bündeln soll – nicht nur Theater & Co., sondern ein breiteres Spektrum. Studierende werden dabei aktiv befragt, welche Angebote sie sich wünschen. Es ist ein vielversprechender Ansatz, der das grundlegende Problem, das StuPa und AStA beim Kulturticket sehen adressiert: Ein Angebot, das angeblich an den Wünschen der Zielgruppe scheinbar vorbeikonzipiert wurde, wird auch für einen Euro nicht genutzt. Ob der Kulturpass das einlösen kann, bleibt abzuwarten – die Pläne befinden sich noch in der Ausarbeitung. Ebenfalls abzuwarten ist, ob die Sichtbarkeit des Angebotes bei der Studierendenschaft diesmal besser bewerkstelligt werden kann. Schade nur, dass kein fließender Übergang gewährleistet werden konnte und Studierende vor vollendete Tatsachen gestellt wurden.

Ob der Kulturpass einen niedrigschwelligen Zugang zu Oper, Ballett und Co. nicht vielleicht doch beinhalten wird, ist noch unklar. Klar ist, dass die Häuser dies mit Blick auf die Zukunft brauchen werden. Drei Viertel der Besuchenden sind über 50 Jahre alt und das Publikum altert noch schneller, als die Gesellschaft es tut. Wer heute ins Theater geht, ist in zehn Jahren immer noch da – aber wer kommt nach? 

Das ist die Frage, die hinter dem Kulturticket stand, und die auch nach seinem Ende bleibt. Subventionierte Tickets sind nur eine Strategie von vielen, und offensichtlich nicht die stärkste. Denn die Zugangshürden vor dem Theaterbesuch sind eben nicht nur finanzieller Natur. Das Dortmunder Konzerthaus, das gerade seinen Besucherrekord brach, bestätigt: Das Produkt selbst kann überzeugen. Der Weg dorthin weniger. Doch die Awareness für kulturelle Angebote unter jungen Erwachsenen ist nicht nur ein UDE-Problem. 

Is it worth it?

Auch die Frage nach der Rentabilität der hohen Künste ist nicht nur auf den AStA der UDE beschränkt. Denn ob die Gesamtheit den Besuch einiger finanzieren sollte, lässt sich auch auf Bundesebene hinterfragen. Theoretisch können Ballett, Oper und Theater in ihrer Form mit den Ticketpreisen, wie wir sie kennen, gar nicht rentabel sein. Laut eines Spiegel-Artikels ist der bereinigte Preis eines 40 Euro Tickets eigentlich 250 Euro. Denn rund 80 Prozent der Kosten dieser Häuser werden von staatlichen Subventionen getragen, während der Pandemie waren es sogar 91 Prozent. Insgesamt fließen jährlich rund 10 Milliarden Euro in die Subventionierung von Theater, Ballett und Oper. Steuergelder, die von allen finanziert werden, obwohl nur etwa 2,3 bis 2,9 Millionen Menschen diese Häuser regelmäßig besuchen. Genau wie bei der UDE: circa 3 Prozent. Hier wurde entschieden, dass 3 Prozent nicht reichen und die Finanzierung gestrichen. Ein trauriger Ausblick auf die Zukunft dieser Künste, auch auf Bundesebene? Oder müssen sie weiterhin am Leben gehalten werden?

Auf die Frage, was Theater, Oper und Ballett jungen Menschen heute noch geben können, antwortet Sascha Krohn, Leiter der szenischen Einstudierung an der TuP Essen: „Theater ist die Kunstform mit lebenden Menschen. Theater ist die Kunstform, die immer noch die ganze Welt mit ihren Problemen und Konflikten verhandeln kann. Theater ist die Kunstform, die auch in Zukunft ganz ohne KI oder digitale Zugriffe funktionieren kann. Theater entzieht sich stärker als andere Kunstformen den Regeln des Marktes. Deshalb ist es ein Ort des Utopischen.“ Eine Utopie, die danach verlangt, erhalten zu werden? Oder muss der Mehrwert für die Allgemeinheit immer überwiegen, wie an der UDE einstimmig beschlossen?

Antworten, die weder wir noch Timothée zu geben vermögen. Denn was er im Interview beschreibt – die Sehnsucht nach langsamem, atmosphärischem Kino, nach Kunstformen, die man aktiv am Leben erhalten sollte – ist strukturell dasselbe, wofür Theater seit Jahrhunderten steht. Dass er im selben Atemzug sagt, niemanden interessiere Ballett oder Oper mehr, ist die Aussage eines Menschen, der Hochkultur aus der Distanz betrachtet. Wir haben nach Saschas Meinung zu Chalamets Aussage gefragt: „Die Aussage wirkt ziemlich ignorant und borniert und sie zementiert Vorbehalte und Klischees, die man einmal durch einen Theaterbesuch auf den Prüfstand stellen sollte.“ Doch auch er sieht die Probleme mit der Akquise jüngerer Menschen: „Trotzdem drängt sich die selbstkritische Frage auf: Was müssen wir als Theaterschaffende im inhaltlichen und formalen Bereich tun, um jüngeres Publikum anzuziehen? Das Auslaufen des Kulturtickets zeigt ja: Am Ticketpreis scheint es nicht zu liegen.“

Das ist vielleicht der ehrlichste Satz in der Debatte. Weder Chalamet-Gleichgesinnte noch Studis, die nichts von seiner Existenz wussten, haben das Kulturticket zum Scheitern gebracht. Es scheiterte an einem strukturellen Problem, das weder mit einem Euro noch mit einem viralen Zitat zu lösen ist. Die Frage, wie man junges Publikum für die hohen Künste gewinnt, ist so alt wie die Institutionen selbst – und sie bleibt vorerst unbeantwortet.