Die Westkurve in der Hafenstraße. [Foto: Carolin Neumeier]
Posted in

Sexismus in der Kurve – Heuchelei im Verband 

9. Juni 2025

Ein Kommentar von Alex*

Ich bin mit Rot-Weiss Essen groß geworden. Die West, das Gänsehautgefühl vor Anpfiff, das ist mein Zuhause. Umso mehr schmerzt es, wenn mein Verein mit sexistischen Entgleisungen Schlagzeilen macht. Beim Auswärtsspiel gegen den SC Verl am 28. März kam es zu sexistischen Gesängen und Andeutungen sexualisierter Gewalt gegen Schiedsrichterin Fabienne Michel, nachdem sie sich in einer unübersichtlichen Szene unglücklich im Weg befand und Verl das frühe 1:0 erzielte. Das Spiel endete 3:0 – enttäuschend, keine Frage. Die Reaktion der Fans ist jedoch nicht zu rechtfertigen. 

Heftige Kritik an Schiedsrichter:innen gehört zum Fußball. Was bei männlichen Unparteiischen beim aggressiven Pöbeln bleibt, schlägt bei weiblichen sofort in sexualisierte Hetze um. Wer meint, seine Wut über ein Gegentor oder eine Fehlentscheidung mit sexistischen Gewaltfantasien abreagieren zu dürfen, hat auf der Tribüne nichts verloren. Unsere Leidenschaft darf niemals zur Rechtfertigung für Diskriminierung werden. 

Der DFB reagierte mit einer Geldstrafe von 20.000 Euro gegen RWE, 6.650 Euro davon fließen in Antidiskriminierungsprojekte. So weit, so formell. Die moralische Selbstüberhöhung, mit der der Verband auf Fanvergehen blickt, steht in einem eklatanten Gegensatz zu seinem Verhalten im eigenen Haus. Diejenigen, die mit dem Finger auf die Fans zeigen, stecken selbst bis zum Ellenbogen im Sumpf patriarchaler Strukturen. 

Rechenschieberpolitik

Hier ein paar Beispiele: Jérôme Boateng, 2021 rechtskräftig wegen Körperverletzung an seiner Partnerin verurteilt, wurde danach vom DFB zur Nationalmannschaft eingeladen. Erst öffentlicher Druck zwang den Verband zum Rückrudern. Trainer Heiko Vogel, der mit frauenfeindlichen Kommentaren auffiel und als „Strafe“ ein Mädchenteam trainieren musste. Das ist keine pädagogische Maßnahme, das ist Hohn. Ebenso sind 90% der Führungspositionen im DFB männlich besetzt. Selbstreflexion? Fehlanzeige! 

Vereine werden kollektiv bestraft, der Verband bleibt bei Sexismus in den eigenen Reihen stumm oder handelt erst, wenn der öffentliche Druck zu groß wird. Diese Doppelmoral ist nicht hinnehmbar. Wer Glaubwürdigkeit beansprucht, muss mit gleicher Konsequenz nach innen schauen wie nach außen. Sexismus ist kein Exklusivproblem des Fußballs. Er spiegelt die gesellschaftlichen Zustände wider, in denen wir leben. Solange patriarchale Denkmuster in Politik, Medien und Alltagsleben existieren, wird der Fußball nicht davon verschont bleiben. Aber gerade weil die Kurve ein Ort der Emotion, der Widersprüche, der Reibung ist, kann sie auch ein Ort der Veränderung sein, wenn wir es wollen. 

RWE hat sich von den Vorfällen distanziert und Unterstützung bei der Aufarbeitung signalisiert. Das ist richtig, aber nicht genug. Antidiskriminierungsarbeit darf keine PR-Geste sein. Sie muss Teil der DNA des Vereins werden. Aktuelle Aktionen wie „Essen ist bunt“ sind ein Anfang. Doch ohne Kontinuität, ohne Mitgestaltung durch Fanszenen, ohne ernstgemeintes Engagement bleibt es Imagepflege. 

Der Fußball gehört allen, nicht nur den Männlichsten, nicht den Reaktionären. Der DFB will, dass wir als Fans Verantwortung übernehmen, dann möge er den Anfang bei sich selbst machen. 

*Name von der Redaktion geändert.