Der bisherige Betrieb der Campus-Shuttlebusse wurde zum 30. November eingestellt. Woran das liegt, was die UDE geplant hat und wie sich das auswirkt, erfahrt ihr hier.
Am 11. November schickte das Rektorat eine Rundmail an alle an der UDE beschäftigten und studierenden Personen. Darin hieß es, „das Rektorat [sieht sich] aus ökonomischen und ökologischen Gründen veranlasst, den Pendelbusverkehr zum 30. November umzustellen. Damit reagieren wir auf die vielfach geäußerte Kritik an dem bisherigen Busservice und leisten einen Beitrag zur Schadstoffreduktion.“ Statt der bisherigen zwei dieselbetriebenen Linienbusse solle in Zukunft „ein neuer Kleinbus mit Elektroantrieb zwischen den Campus in Duisburg und Essen“ pendeln. Dieser hat aber nur Platz für sieben Fahrgäste. Plätze in diesem Bus könnten ab dem 01. Dezember 2025 über die ‚UDE Shuttle‘ App gebucht werden. Zusätzlich zu diesem Pendelangebot würden „an beiden Standorten (…) künftig je drei Carsharing-Fahrzeuge stationiert sein”.
Es musste sich etwas ändern
Die Führung der UDE hat sich laut der Rundmail unter anderem zu diesem Schritt entschlossen, weil sie „in den vergangenen Monaten (…) eine ausführliche Auslastungsanalyse des bestehenden Shuttleservice erhoben“ haben. Auf Anfrage teilte uns die Pressestelle der UDE mit, dass diese Analyse „von Mitte Dezember 2023 bis Mitte März 2024 durchgeführt“ worden sei. „Dabei wurden sämtliche 18 Fahrten des Shuttle-Services erfasst und ausgewertet.“ Auf unsere Frage nach den Ergebnissen der Analyse: „Die Auswertung zeigt, dass der Shuttle-Service im Durchschnitt von acht Personen pro Fahrt genutzt wurde.“ Zu der Analyse insgesamt schrieb uns die Pressestelle
„Die zentrale Frage lautete: Ist der Shuttle-Service tragfähig? Die Antwort fiel klar negativ aus. Ergänzend spielte der Nachhaltigkeitsaspekt eine wesentliche Rolle: Ein Dieselbus, der teilweise nur gering ausgelastet oder sogar leer unterwegs ist, lässt sich nicht vertreten. Hinzu kamen wiederholte Rückmeldungen von Nutzer:innen, die insbesondere Pünktlichkeit und Verlässlichkeit des Angebots kritisierten. Wir haben uns zudem mit Mobilitätsexpert:innen aus der Wissenschaft ausgetauscht. Diese ergänzten: Die Standorte Duisburg und Essen sind grundsätzlich gut an den ÖPNV angebunden – Studierende verfügen über ein Semesterticket. Seit der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach dem Shuttle-Service zudem spürbar zurückgegangen. All diese Faktoren machten deutlich, dass das Angebot grundlegend überdacht werden musste. Zudem lief der bisherige Vertrag mit dem Dienstleister aus und für eine neue Auftragsvergabe wurden uns deutlich höhere Kosten avisiert.“
Selbsttest: Mobilität
Um einige der von der UDE genannten Aspekte zu überprüfen, habe ich mich daran gemacht, in Selbsttest-Manier ab dem 12. November eine eigene, kleine Bedarfsanalyse durchzuführen. Dabei bin ich zunächst eine Woche lang von meinem Zuhause, das genau 10 Laufminuten vom Duisburg Hbf entfernt war, mit der Bahn zum Campus Essen, an dem ich studiere, gefahren. Und zurück. Ergebnis dessen war, dass ich durchschnittlich 1h 14min von meiner Haustür bis zu meinem jeweiligen Uni-Gebäude in Essen gebraucht habe. Ein großer Teil dieser Zeit war leider damit verbracht, fluchend auf verspätete Regionalbahnen zu warten, aber das ist ein anderes Thema. Vom 17. November bis zum 26. November habe ich täglich, wann immer möglich, den Shuttlebus der UDE genommen. Dessen nächste Haltestelle in Duisburg lag 11 Laufminuten von meiner Haustür entfernt. Durchschnittlich 51min war ich inklusive A40-Staus Tür-zu-Tür unterwegs. Auf den Fahrten mit dem Shuttlebus waren durchschnittlich 10 Fahrgäste dabei.
Meine „Analyse“ ist natürlich nicht in der Lage, ein vollumfängliches Bild zu geben und erfüllt keine wissenschaftlichen Standards. In Bezug auf die Nutzung der Shuttlebusse scheint sie aber ein ähnliches Bild zu geben. Was sie nicht bestätigt, ist jedoch die Einschätzung der von der UDE angefragten Mobilitätsexpert:innen. Ein Zeitunterschied von 25 Minuten je Fahrt ist alleine schon beträchtlich – noch beträchtlicher, wenn man bedenkt, dass die Fahrtzeit mit ÖPNV-Mitteln vom Hauptcampus Duisburg zum Hbf Duisburg bis zu 10 Minuten länger ist als meine tägliche Laufstrecke im Selbsttest.
Ich messe der von der UDE durchgeführten Bedarfsanalyse definitiv mehr Kredibilität als meiner eigenen bei. Insofern rechnen wir einmal mit den 8 Personen pro Fahrt. Die Shuttlebusse fuhren bisher zeitgleich in beide Richtungen, stündlich sind es also 16 Personen, die befördert werden wollen. Der zukünftige Elektrobus hat jedoch nur Platz für sieben Personen. Der bisher nur provisorische Plan der UDE sieht vor, dass der Bus 29 oder 30 Minuten Fahrzeit hat und danach unmittelbar in die Gegenrichtung zurückfährt. Routenplaner wie etwa Google Maps und ebenso die Erfahrungen aller Leute, die beruflich über die A40 pendeln, belegen, dass diese Zeiten zu Hauptverkehrszeiten utopisch sind. Die insgesamt 14 provisorischen Fahrten des Busses, zwei davon übrigens durch Verbrenner-Kleinbusse, könnten allerdings 84 Universitätsangehörige täglich befördern. Vergleicht man das mit den acht Personen durchschnittlich pro Fahrt, die in 18 täglichen Fahrten von dem alten Shuttlesystem befördert wurden, kommt man dort aber auf ganze 144 Personen, also 60 Personen mehr. Damit diese 60 Personen befördert werden, müssen bis zu 60 Mal die Carsharing-Autos fahren. Es wäre zwar möglich, alle Fahrgäste bei voller „Füllung“ in nur 12 Fahrten zu fassen, es gibt zurzeit aber keine Möglichkeit, sich mit anderen Universitätsangehörigen über gemeinsame Fahrten zu verständigen. So wären bei einer maximalen Nutzung – die Durchschnittsemissionen der aktuell an den Campus abgestellten Carsharing-Fahrzeuge als Grundlage nutzend – die CO2-Emissionen von 60 Fahrten bei 6480 g/km. Dazu kommen die vernachlässigbar geringen Emissionen des Elektrobusses und die Ausstöße der zwei Fahrten des Kleinbusses bei ca. 600 g/km, insgesamt also 7080g/km.
Leider sind uns die genauen Fahrzeugtypen der zuvor eingesetzten Linienbusse nicht bekannt, gemeinhin werden die CO2-Emissionen von Linienbussen aber mit rund 1050 g/km angegeben. Bei den vorherigen 18 Fahrten summierte sich das zu CO2-Emissionen von rund 18.900 g/km. Der neue Fahrplan ist im Rahmen der Schadstoffemissionen also fast drei Mal umweltfreundlicher als der alte.
Alles nur Zahlen?
Meine Nachrechnung ergibt im Aspekt Umweltfreundlichkeit ein sehr viel besseres Abschneiden des neuen Systems – in einer Höhe, die mich selbst überrascht hat. Was das neue Shuttlebus-System aber nicht nachbilden kann, sind die Pendelzeiträume des alten. In diesem erfolgten die Fahrten regelmäßig von 07:30 bis 16:30 Uhr. Im neuen System fährt der erste Shuttlebus zwar schon um 07:15 Uhr ab, der letzte allerdings je nach Campus um 14:20 oder 14:55 Uhr. Beschäftigte und Studierende, die erst nach diesen Uhrzeiten den Campus wechseln oder in die andere Stadt pendeln müssen, dürfen nun also entweder die rund 30 Minuten längere ÖPNV-Verbindung nehmen oder sich ein Auto kaufen, beziehungsweise es nutzen. In meiner persönlichen Erfahrung wie auch in meinem Selbsttest gehörte die 15:30 Uhr-Verbindung zu den meistgenutzten – übrigens wurde sie auch in den Schulferien vom Ferienangebot der UDE genutzt, um die Kinder vom Campus Essen zurück nach Duisburg zu bringen.
Wie unter anderem die ak[due]ll berichtete, streicht die Landesregierung NRW den Universitäten in Zukunft 128 Millionen Euro pro Jahr ein. Auch die UDE versucht gerade, an allen Ecken und Enden Geld zu sparen. Die Tatsache, dass die Betreiberfirma Mesenhohl zu einer Vertragsverlängerung „deutlich höhere Kosten avisiert(e)“ – aus ihren eigenen, wirtschaftlichen Interessen mutmaßlich begründet – kam für die UDE also zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
Dass insgesamt weniger Mitfahrplätze zur Verfügung stehen, bedeutet natürlich noch einiges mehr: Es gibt zurzeit kaum noch Studiengänge und Studiengangsoptionen, die sowohl am Campus Duisburg als auch am Campus Essen stattfinden. Ein derart eingeschränktes Shuttlebus-System verbaut solchen Studiengangskombinationen aber auch die Zukunft.
Kommunikation
Wenn ich richtig gezählt habe, ist das hier das fünfte Mal, dass ich in einem ak[due]ll-Artikel diese Zwischenüberschrift wähle. Und bisher ging es jedes Mal um Kritik an der Kommunikation des Rektorats der UDE. So auch hier: Wenn zum 30. November ein Vertrag ausläuft, hat man das als große Institution Jahre im Voraus auf dem Schirm zu haben. Und – davon ausgehend, dass das auch so war – hat die Universität die Pflicht, sich fristgerecht um eine Ersatzmöglichkeit zu kümmern. Dass erst am 11. November die Hochschulangehörigen über den Wechsel des Shuttlebussystems informiert worden und dass die App zum Start des neuen Systems immer noch nicht funktioniert, scheinen hier ein Scheitern abzubilden. Der bestellte Elektrobus ist zur Veröffentlichung dieses Artikels immer noch nicht angekommen, sodass zurzeit ein dieselbetriebener Kleinbus fährt. Menschen, die ihre regelmäßigen Termine auf die gesetzt wirkenden Busfahrtzeiten abgestimmt hatten, mussten diese innerhalb von drei Wochen kurzfristig umwerfen. Es kostet die UDE nichts bis wenig, früher zu kommunizieren, dass eine Änderung bevorsteht. Immerhin wurde die bevorstehende Änderung schon Monate vor der Mail auf einer Personalversammlung kommuniziert. Die Studierenden wurden aber nicht in Kenntnis gesetzt. Eine Folge dessen war, dass sich kurz nach der Ankündigung schon Gerüchte in Teilen der Studierendenschaft verbreiteten, dass im Vergabeprozess nicht alles sauber abgelaufen wäre. Befeuert wurde dies dadurch, dass der Geschäftsführer des Publishers der ‚UDE Shuttle‘-App Prof. Dr. Pedro José Marrón, gleichzeitig Prorektor für Transfer, Innovation und Digitalisierung an der UDE, ist. Dass der Publisher, die LocosLab GmbH, „eine Ausgründung der UDE aus dem Jahr 2012“ ist und „uns im Probelaunch die Infrastruktur für die Veröffentlichung der App umsonst zur Verfügung gestellt [hat], um eine schnelle Umsetzung zu unterstützen“, haben wir von der Pressestelle der UDE auf Nachfrage erfahren. Das entkräftet diese Befürchtungen. Was aber bleibt, ist ein weiterhin gestörtes Verhältnis zwischen Studierenden und Unileitung. Nicht zuletzt deshalb, weil die Informierung der Studierenden an letzter Stelle in jedem Aktionsplan steht. Das sorgt dann auch dafür, dass wir als Studierendenzeitung berechtigterweise Gastkommentare erhalten und veröffentlichen.
Was bleibt? auf der Strecke?
Der Kanzler der UDE, Ulf Richter, verteidigte auf der Senatssitzung am 05. Dezember das Vorgehen der Unileitung. Er beharrte darauf, dass „wenn der neue Bus jetzt die ganze Zeit voll ist“, man ja über die Anschaffung eines zweiten Elektrobusses nachdenken könne. Ein möglicher Fehler in dieser Logik: Wenn die UDE den Nutzer:innen nur ein schlechtes oder immerhin unkomfortables Angebot unterbreitet, möchte sie es nun also nur dann verbessern, falls es angenommen wird. Die Rektorin, Barbara Albert, begründete das neue Konzept so: „Wir wollten mit Flexibilität dem Bedarf besser gerecht werden.“ Diese Flexibilität kann jetzt aber nur in einem sehr viel engeren Rahmen stattfinden.
Das neue Shuttlebus-System ist auf jeden Fall ungemütlicher. Es ist auf jeden Fall wirtschaftlicher. Es ist auf jeden Fall umweltfreundlicher. Vor allem sorgt es in der aktuellen Form dafür, dass die zwei Standorte der Uni Duisburg–Essen sich noch weiter voneinander entfernen.
Die Argumentation des Rektorats ergibt durchaus Sinn: Das Shuttlebus-System in der bisherigen Form musste dringend verbessert werden. Ich habe in Gesprächen mit Universitätsangehörigen allerdings auch gleich zwei Mal genau diesen Satz gehört: „Eine Universität mit zwei Standorten muss sich das leisten können.“
