Viele Verbindungen locken mit wunderschönen und luxuriösen alten Häusern zu günstigen Preisen neue Mitglieder.
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Das Leben in einer Studentenverbindung

8. September 2026

Disclaimer: In diesem Kontext macht die Verwendung der gegenderten Formulierung „Studierendenverbindung“ keinen Sinn, Studentenverbindungen definieren sich zum Teil durch rein männliche Mitgliedschaft und nichts könnte dieser Welt ferner, als das Gendern sein.

Eine Kolumne von Nikita Marcus Verbitskiy

Viele haben mal am Rande mitbekommen, dass Studentenverbindungen existieren, sei es durch eine von ihnen veranstaltete Party oder die Darstellung von „Fraternities“ in amerikanischen Filmen, doch wirkliche Einblicke in das Leben sind selten. Ich habe ein halbes Jahr lang in einem Verbindungshaus gelebt und möchte in dieser Kolumne meine Eindrücke schildern.

Es gibt viele verschiedene Arten von Verbindungen: Sängerschaften, Burschenschaften, Corps und selbst in dieser misogynen Welt auch Damenverbindungen. Ich bin im Oktober 2016 bei einer sogenannten „Landsmannschaft“ gelandet. Ich war frisch 18, kam direkt vom Gymnasium und habe in meiner Naivität in einer dicht besiedelten Universitätsstadt viel zu spät angefangen, nach einer Wohnung zu suchen. Zufällig kam ich über WG-Gesucht auf ein freies Zimmer in top Lage. Für 150€, all in. Zu schön, um wahr zu sein, wie ich feststellen musste.

Damals hatte ich vom Verbindungsleben keine Ahnung, also habe ich es in meiner verzweifelten Lage  versucht und eine Besichtigung vereinbart. Die lief super, es war ein wunderschöner, mehrstöckiger Altbau, der komplett der Verbindung gehörte. Das Haus war mit allem Erdenklichen ausgestattet, was sich ein Achtzehnjähriger nur wünschen könnte, bis hin zu einer eigenen Bar im Haus. Die beiden „Burschen“ waren nett und meinten, dass ich nicht sofort ein „Fux“ werden muss. Ich durfte mir  das Ganze  zunächst ein Semester lang anschauen.

Hierarchien und Strukturen einer Studentenverbindung

Hier tut sich bei den Ersten vielleicht  die Frage auf, was genau ein „Fux“ ist. In jeder Verbindung gibt es drei Stufen: Die Füxe, Frischlinge, die sich noch beweisen müssen, die Burschen, also vollwertige, erprobte Mitglieder und die alten Herren. Sie sind die Veteranen der Verbindung, die schon fertig mit ihrem Studium und nicht mehr aktiv tätig sind. Als Fux steht man am Ende der Nahrungskette. Man hat Pflichten, wie das Wechseln der Fässer, das Bierzapfen oder Unterricht in der Verbindungsgeschichte und kann von Burschen „gestärkt“, also zum Alkoholkonsum gezwungen werden. Dabei zeigt ein Bursche bloß mit dem Daumen nach unten und es wird erwartet, dass der Fux trinkt, bis der Bursche den Daumen wieder hebt. 

Außerdem ist da  noch das Fechten. Ich hatte  eine etwas niedrigere Hemmschwelle, da ich in meiner Jugend gefochten habe. Allerdings kann man Sportfechten und akademisches Fechten, wie es in den Verbindungen ausgeübt wird, nicht im Ansatz vergleichen. Um Bursche zu werden, muss jeder Fux eine vom Verbindungshaus festgelegte Anzahl an Partien fechten. Dabei wird mit schweren, scharfen Waffen aufeinander eingedroschen, bis jemand den Rhythmus bricht und getroffen wird oder die Partie nach Ablauf der Zeit ohne Verletzungen vorbei ist. Man bekommt als Schutz eine Stahlbrille, die die Augen, Ohren und Nase unversehrt lassen, alles oberhalb dieser ist fair game.

Ein weit verbreitetes Gerücht, dass Verbindungsstudenten alle politisch rechts sind, kann ich, wenn auch nur zum Teil, entkräften. In unserem Haus herrschte der Ton, dass alles abseits des Extremismus akzeptiert wird, links oder rechts. Hierbei wurde allerdings linker und rechter Extremismus gleich gestellt und verurteilt. Die politische Einstellung rangierte vom konservativen Rand der Grünen bis hin zu: „Ich würde sie nicht wählen, aber so schlimm ist die AfD doch gar nicht“. In anderen Häusern allerdings, sah das anders aus. Besonders Burschenschaften, speziell aus dem Süden deutschlands, wurden selbst von Studenten der Landsmannschaft verurteilt und wären teilweise zurecht als Nazis zu bezeichnen.

Hedonismus der alten Schule

Zu 100 Prozent trifft allerdings das Klischee des krankhaften Alkohol- und insbesondere Bierkonsums von Corpsstudenten zu. Von gemütlichen Abenden mit Musik und Bier, bis zum Wetttrinken von 1,5 Liter Karaffen, bei denen der Ein oder Andere  erbrach und das Bier inklusive des Erbrochenen trotzdem austrinken musste, habe ich alles miterlebt. Auf fast jeder Verbindungstoilette findet sich der „Pabst“, ein extra Becken für den Studenten, der wieder etwas Bier loswerden muss. 

Ebenfalls richtig sind die Vorwürfe der problematischen Behandlung, insbesondere  Objektifizierung von Frauen. Die typisch toxisch maskuline Kultur des „Aufreißens“ war Gang und Gäbe. Um ein Beispiel zu nennen: Bei einer Party hatte eine Verbindung eine Flasche Sekt verlost. Ich fragte, wie ausgelost wurde und mir wurde nur unter Gelächter erklärt: “Wir stimmen ab, welche am heißesten ist.” So ist der generelle Ton in einer Verbindung. Damenverbindungen werden abgetan, „Feminazis“ sind  unbeliebt und wer oft mit Frauenbesuch gesehen wird, bekommt mehr Respekt und Achtung. 

All diese Eigenschaften entstammen ihrer gewünschten Selbstwahrnehmung. Viele Verbindungsstudenten sehen sich als Traditionalisten und wünschen sich eine Zeit, in der ihr Verhalten akzeptabel war, zurück. Sie wollen nicht mit der gegenwärtigen Intoleranz gegenüber ihrer antiquierten Vorstellungen konfrontiert werden. Sie rauchen Pfeife, tragen auch gerne im Alltag Anzüge und gehen auf Jagdausflüge.

Die akademische Sekte 

Das Verbindungsleben ist eine Bubble, die kaum andere Lebensstile zulässt. Was mir im Nachhinein am meisten Sorge bereitet, sind die Gemeinsamkeiten dieser Bubble mit dem Leben in einer Sekte: Man wird als junger, formbarer Mensch in einen Kreis gleich denkender Menschen aufgenommen und nach ihren Vorstellungen erzogen. Durch die Menge gemeinsamer Aktivitäten, zu denen man als Fux gezwungen ist und den Mangel an Menschen, deren Weltansicht von der Linie abweicht, wird man praktisch sozial isoliert. 

Viele Mitglieder haben keine anderen Freund:innen, als die in der Verbindung. Kommentare wie: „Man kann  nicht jedes Wochenende in die Heimat, man muss das Nest auch mal verlassen“ oder „Poah, an Weihnachten muss ich wieder meine Familie sehen“ zeugen von der Entfremdung der Corpsstudenten von jeglichen anderen Gruppen. Bleibt man in der Verbindung, winken auch Vorteile für die Karriere. Viele alte Herren haben gute Positionen und können von garantierten Praktika oder Arbeitsplätzen bis zu kostenlosem Rechtsbeistand das Leben deutlich angenehmer gestalten. Durch diese Isolation, dauerhafte Intoxikation und Bestätigung, wenn man ihren Verhaltensmustern folgt, wird man praktisch indoktriniert. Ich war selbst kurz davor zu sagen, ich könne mir das Leben dort vorstellen. Heute weiß ich es zum Glück besser.