Symboldbild [Anna Olivia Böke]
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Woher wisst ihr denn dann, dass ihr euch liebt?

28. Mai 2026

Kein erstes Date, kein offizielles Beziehungsdatum, kein Label. Wie kann Liebe aussehen, die mit gesellschaftlichen Erwartungen bricht? Wie verhandelt man über Grenzen, Ideale und Erwartungen? Unsere Gastautorin erzählt.

Wir kannten uns schon lange. Seit dem ersten Semester. Wirklich nahegekommen sind wir uns aber erst, als ich ihn gefriendzoned habe. Das klingt vielleicht paradox, aber heute fühlt es sich nach der einzig logischen Konsequenz an. Nicht, weil die gezogenen Grenzen plötzlich den Reiz der verbotenen Unantastbarkeit befeuerten, sondern weil er mich die Grenze ziehen ließ. Ohne Widerwille, Enttäuschung oder leisem Aber – rein aus Überzeugung, dass ich als Mensch – als Frau – ein Recht dazu habe. Das war neu.

Wir dateten sehr lange. Vielleicht bis heute. Ein offizielles Datum gibt es nicht. „Aber ihr seid zusammen, oder?“, ist wahrscheinlich die häufigste Frage, die ich bekomme, wenn ich meine Dating-Geschichte erzähle. Die Sache ist die… darum geht es nicht. Ich will euch erzählen, warum.

Romantik 101

Wenn ich darüber nachdenke, was es bedeutet „zusammen zu sein“, dann gibt es bestimmte Bilder, die mir in den Kopf kommen: erste Dates mit Blumen, Essengehen und viel Gelächter. Geteilte Kalender, die sich lückenlos decken. Zärtliche Frauen, die sich in der Öffentlichkeit unterordnen. Testosterongesteuerte Männer, die sich mehr Sex wünschen. Pärchenurlaube, die als ultimative Beziehungstests gelten. Ein Datum, ab dem man sich die tägliche Liebe garantiert. Gefolgt von täglichen Ich-Liebe-Dich‘s, um das Versprechen auch zu halten. 

Ich gebe zu, dass ich mich hier an dem Stilmittel der Überspitzung bedient habe. Nichtsdestotrotz arbeiten Netflix, Disney und Co. pflichtbewusst daran, bestimmte Ideale der romantischen Beziehung aufrechtzuerhalten. Ideale, die wir verinnerlicht haben. Nichts anderes zeigt die Frage, die mir so oft gestellt wird, wenn ich erzähle, dass wir kein Datum haben. Dabei ist mir wichtig, dass ihr versteht, dass ich niemandem absprechen möchte, diese Ideale auszuleben. Für mich funktionieren sie nur nicht. So gar nicht.

Kein Label, viele Gespräche

Wie gesagt: Wir daten schon lange. Viel Zeit, um sich mit genau diesem Thema zu beschäftigen: Was sind Ideale, die wir verinnerlicht haben? Welche davon sind tatsächlich unsere eigenen? Welche Ideale stören uns? Unbewusst beschäftigten wir uns gemeinsam wieder mit der zentralen Frage der persönlichen Grenzen. Ich wollte in der Öffentlichkeit nicht Händchen halten. Er wollte Tage haben, an denen wir uns nicht sehen. Wir wollten beide genug Zeit für Freund:innenschaften und Hobbys. Und so, ganz langsam, im Prozess des Datens, definierten wir uns. Nicht als Freund und Freundin, nicht im Sinne des „Zusammenseins“. Sondern über unsere Grenzen und Zugeständnisse.

Dieser Auslot-Prozess ist nichts Besonderes. Ich weiß, auch im „Zusammensein“ sind Grenzen ein Dauerbrenner. Das ist also nichts, was wir uns exklusiv auf die Fahne schreiben können. Nur haben wir nie den Drang verspürt, uns weiter zu definieren. Unser Prozess ist Definition genug und die gegenseitigen Bemühungen, unseren Absprachen gerecht zu werden, sind Arbeit genug.

Wir bewegen uns nicht im Rahmen vorgegebener Ideale, sondern haben einen Weg gefunden, unsere Beziehung eigenständig zu definieren. Das macht mich frei. Frei von externen Erwartungen und frei von internalisierten Idealen, die ich nicht möchte.

Wir hatten kein erstes Date. Beim Kaffeetrinken zahlt jede:r selbst. Wir sehen uns immer wieder für längere Zeiträume nicht. Wir beide kennen das Gefühl mehr Sex haben zu wollen. Wir haben noch nie „Ich liebe dich“ gesagt. „Woher wisst ihr denn dann, dass ihr euch liebt?“, ist die sich häufig anschließende Frage. Und ich kann die Frage verstehen. Sehr gut sogar. Nichts an dem, was ich erzähle, klingt romantisch oder magisch. Aber wir haben es geschafft, einen Raum zu gestalten, in dem wir uns entlang unserer Bedürfnisse frei entfalten und unterstützen können. Das, was ich jetzt schreibe, klingt cheesy, aber vielleicht könnt ihr mein Gefühl nachvollziehen. An manchen Tagen fühlt es sich an, als hätten wir uns als Menschen gefunden, um genau diesen Raum aus Grenzen, Bedürfnissen und Anpassung täglich zu öffnen und uns gemeinsam zu unterstützen – solange es uns damit gut geht. Und daraus bin ich in meiner Liebe zu ihm und in seiner Liebe zu mir bestätigt. Liebe definiert sich durch das Wahren von Grenzen zwischen zwei Menschen und zwei Menschen allein.