Symbolbild [Foto: Moritz Karrer]
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Synchron gegen Netflix: Kreativität gegen KI

27. Mai 2026

Wer in den letzten Wochen und Monaten in der Film- und Kino-Bubble des Internets unterwegs war, hat es wahrscheinlich schon mitbekommen: Netflix stößt auf Widerstand. Deutsche Synchronsprecher:innen weigern sich, für die Produktionen des Mediengiganten zu arbeiten, solange dieser an einer Vertragsklausel festhält, die es dem Konzern ermöglicht, die Arbeit von Sprecher:innen zum Training von KIs zu nutzen. Wir haben mit Cédric Cavatore, selbst Synchronsprecher, Schauspieler und stellvertretender Vorsitzender des Verband deutscher Sprecher:innen e.V. (VDS) gesprochen.

ak[due]ll: Wer seid ihr als VDS und was macht ihr?

Cédric: Wir vertreten alle vor dem Mikrofon professionell tätigen Stimmen in allen Genres. Von Synchron über Werbung oder Voiceover zu Dokus. Sämtliche Einsatzgebiete vorm Mikrofon. Wir haben aber auch ein relativ strenges Aufnahmeverfahren, gucken also schon darauf, dass die Leute wirklich etabliert sind und im Beruf professionell tätig sind. Für talentierte Einsteiger:innen haben wir aber auch eine Juniormitgliedschaft, bei der wir dann gucken, ob das Potential da ist. Leider müssen wir auch immer wieder Leute ablehnen, weil wir darauf achten müssen, dass die Mitgliedschaft in unserem Verband auch wirklich ein Qualitätssiegel ist. Die Berufsbezeichnung als Sprecher:in ist ja nicht rechtlich geschützt. Insgesamt vertreten wir so unsere knapp 700 Mitglieder.

ak[due]ll: Wie wird man zu einer professionellen Stimme? Warum kann KI nicht das, was ihr könnt?

Cédric: Die meisten Sprecher:innen haben eine sehr solide Ausbildung hinter sich. Viele waren auf der Schauspielschule oder kommen aus dem Journalismus und haben dementsprechend viel Erfahrung mit dem Einsatz ihrer Stimme – Technik, Aussprache, dem bewussten Einsetzen oder Weglassen von dialektischen Färbungen, Modulation, Rhythmus und Timing. Die Guten unter uns schaffen es, ihre Persönlichkeit mit dem Handwerk zu verbinden. Ehrlich, authentisch, berührend zu sein und dabei noch den Spagat zum guten Sprechen hinzubekommen. Es erfordert viel Erfahrung und Übung, all das nur über die Stimme zu transportieren, und dann muss man noch emotional so offen und mutig sein, dass man das nach außen wiedergibt. Synthetische Stimmen gehen wie alle generativen KI-Systeme nach Wahrscheinlichkeiten und treffen dann bei jeder Betonung, jeder Melodie, jeder Höhe im Satz die naheliegendste Entscheidung. Das Naheliegende ist aber nicht spannend. Das Spannende im Kreativen ist das Individuelle, das Besondere.

ak[due]ll: Die aktuelle Thematik mit Netflix betrifft vor allem das Synchron-Business. Sind Vertragsklauseln wie die aktuelle aber eine Gefahr für alle Sprecher:innen?

Cédric: Von der Berufsbezeichnung trifft es jetzt nur einen Teil, vom Effekt aber uns alle. In vielen Sprechgenres ist die Ambition da, synthetische Stimmen einzuführen. Egal in welchem Genre es zum Standard wird, hat es einen Einfluss auf die anderen. Netflix ist jetzt eine Synchron-Thematik, aber wir haben auch schon KI-Klauseln in ZDF-Verträgen zu Voiceovers in Dokumentationen entdeckt. Auch dagegen gehen wir vor und suchen Austausch. Es gab schon problematische Klauseln in Hörbuchverträgen und begonnen hat die ganze Thematik wahrscheinlich bei Videospielen, als in Verträgen von großen Publishern – gerade aus den USA – völlig inakzeptable Klauseln auftauchten.

ak[due]ll: Wurden dieselben Vertragsklauseln auch in anderen Sprachräumen vorgelegt?

Cédric: Das Problem haben wir weltweit. Deshalb sind wir als VDS auch bei den United Voice Artists organisiert, unserem internationalen Dachverband. Da sind 40 Verbände weltweit drin, um genau solche globalen Probleme gemeinsam adressieren zu können. Als Reaktion auf Vertragsentwürfe wie zum Beispiel von Microsoft oder Electronic Arts – amerikanischen Unternehmen – wurde von United Voice Artists vor Jahren eine Klausel entwickelt, die die KI-Nutzung jeglicher Art ohne gesondertes Einverständnis konsequent ausschließt. Spezifisch diese Unternehmen lehnten das aber konsequent ab. Andere, meist europäische Publisher wie Ubisoft, Capcom oder japanische wie Square Enix hingegen haben, wenn auch teils nach Widerstand, die Klausel irgendwann wortgleich oder sinngemäß übernommen. In Spanien wurde die gleiche Assignment of Rights-Klausel (AoR) wie wir sie jetzt vorliegen haben, schon vor zwei Jahren akzeptiert. Das aber auch erst nach langem, langem Ringen. Unsere spanischen Kollegen haben sechs Monate gestreikt, aber Netflix hat es dann doch durchgebracht. Hätte man damals schon gewusst, dass nicht etwa die Erschaffung von Stimm-Klonen, sondern die Nutzung unserer Arbeit für KI-Training, das Gefährlichere ist, hätte man sich damals wohl selbst dann nicht darauf eingelassen. Die Franzosen lehnen aktuell, auch um uns zu unterstützen, Verhandlungen mit Netflix ab.

ak[due]ll: Ihr habt als Gegenbewegung zu solchen Vertragsklauseln die Petition Schützt die Kunst vor KI #DeineStimmeFürEchteStimmen gegründet. Welche Ziele möchtet ihr damit erreichen?

Cédric: Diese Petition läuft jetzt schon seit über einem Jahr. Wir möchten so vor allem Druck auf die Politik ausüben. In Mexiko gibt es gerade zum Beispiel einen sehr ambitionierten Entwurf, Synchronstimmen zu schützen. Da existiert dann ein ganz klar geregelter Lizenzmarkt, um die Branche und so die Kunst dahinter zu erhalten und zu schützen. Und mit diesem Beispiel vor Augen stellt sich uns die Frage, warum das in Deutschland nicht gehen sollte. Natürlich haben Politiker:innen 1.000 Probleme gleichzeitig auf dem Tisch liegen und sind nicht über alle gleich gut informiert. Deshalb lobbyieren wir auch, obwohl wir gegen eine viel stärkere Tech-Lobby antreten. Ab einer gewissen Stimmzahl muss sich mit unserem Anliegen beschäftigt werden. Um das zu erreichen hilft es natürlich, die Öffentlichkeit zu informieren. Das Thema betrifft nicht nur uns, sondern sämtliche Kreativverbände und damit auch die gesamte Gesellschaft. Was hätte es für einen Sinn, kreative Arbeit derart zu entwerten, dass Menschen sie nicht mehr ausüben können? Gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich sollte KI wenn überhaupt als Assistenztool eingesetzt werden, aber auf keinen Fall redaktionelle oder kreative Arbeit übernehmen. Wenn ich Systeme aus den USA oder Asien nutze, entspricht der daraus resultierende Content eher der Ideologie eines Elon Musk als den freiheitlichen Grundsätzen unserer Gesellschaft. Legitimieren wir so einen – unserer Ansicht nach rechtswidrigen – Vorgang mit unseren Unterschriften bei einem so großen Konzern wie Netflix, ziehen die anderen nach und es wird zum Branchenstandard. Haben die US-Unternehmen erst einmal die Möglichkeit, ohne Menschen, die zum Beispiel in Deutschland leben und arbeiten, zu synchronisieren, brauchen sie hier auch weder diese Menschen noch Studios zu beschäftigen. Dass Deutschland in dem Fall nur noch der Absatzmarkt ist, kann nicht im Sinne irgendeiner politischen Ideologie sein – ob konservativ, wirtschaftsorientiert oder sozialpolitisch engagiert.

ak[due]ll: Wie kann man euch und eure Arbeit unterstützen?

Cédric: Überall wo man synthetische Stimmen hört, kann man kommentieren, Leserbriefe schreiben und sich beschweren. Inhalte mit echten Stimmen bewusst und fleißig hören. Der einfachste Weg ist natürlich, unsere Petition zu unterschreiben und vielleicht noch ein paar Euro in unser Crowdfunding zu packen. Anwälte sind teuer und wir sind ein ehrenamtlich geführter Verband, der sich nur mit Mitgliedsbeiträgen finanziert, sodass wir auf Spenden im Angesicht der gerade riesigen Herausforderungen angewiesen sind. Falls man sich über die Netflixverträge weiter informieren möchte, haben wir auf unserer Website ein Gutachten und viele weitere Infos veröffentlicht, die man sich anschauen kann. Auf Netflix gibt es auch die Möglichkeit, bei Kündigung seines Abos einen Grund anzugeben, falls ihr es gerade nicht benötigt und wollt, dass Künstler:innen weiterhin bezahlt werden.

Moritz ist 25 Jahre alt und seit August 2024 Teil der ak[due]ll-Redaktion. Er studiert an der UDE Kommunikationswissenschaft und Germanistik. Als Redakteur schreibt er vor allem Artikel über lokale und Campus-Themen. Sein Redaktionskürzel ist [mok].

Moritz Karrer

Moritz ist 25 Jahre alt und seit August 2024 Teil der ak[due]ll-Redaktion. Er studiert an der UDE Kommunikationswissenschaft und Germanistik. Als Redakteur schreibt er vor allem Artikel über lokale und Campus-Themen. Sein Redaktionskürzel ist [mok].

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