Die Brücke „Sprung über die Emscher“ ermöglicht einen weiten Blick über das Emscherland. [Foto: Anna Olivia Böke]
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Radtour auf dem Emscherkunstweg: Eine Ruhrpott-Experience

17. September 2025

Die Emscher war lange Zeit kein idyllischer Fluss, sondern ein offener Abwasserkanal – ein Nebenprodukt der Industrialisierung im Ruhrgebiet. 1992 startete damit eines der größten Renaturierungsprojekte Europas. Parallel dazu ist mit dem Emscherkunstweg ein spannender Parcours aus zeitgenössischen Kunstwerken entstanden, der die Geschichte und den Wandel der Region sichtbar macht und sich perfekt per Rad erkunden lässt. Es folgt eine Ruhrpott-Experience samt fotografisch festgehaltener Impressionen.

Über hundert Jahre floss die Emscher begradigt durch Betonrinnen, bis 1992 ein jahrzehntelanges Renaturierungsprojekt begann. Seitdem wird die Emscher Schritt für Schritt zurück in einen natürlichen Zustand versetzt: Kanäle verschwinden, Grünflächen entstehen, Wasser bekommt wieder Raum. Ich wohne mittlerweile seit etwa vier Jahren in Dortmund und letzte Woche haben ein Freund und ich uns einen Sonntag die Zeit genommen, eine Fahrradtour entlang des Kunstwegs zu machen. Im Inge und Uwe Stil haben wir uns hierfür natürlich bestens ausgerüstet: Eine Kanne Kaffee und zerquetschte, schwitzige Käsebrötchen. Dazu einmal Vorweg: Ich bin fast vom Fahrrad gefallen, als ich die Natur gesehen habe, die anscheinend die ganze Zeit nur wenige hundert Meter von meiner Haustür gelauert hat. 

Los ging es in Dortmund am Kunstwerk Vögel von Samuel Treindl, der an einem lange leer stehenden alten Wohnhaus, aus einem alten „Möbel” Schild eine Installation geschaffen hat. Von dem Startpunkt aus führte uns der Radweg zunächst entlang der Emscher, die hier schon deutlich zeigt, was Renaturierung bedeutet: offene Ufer, mehr Grün, und ein Fluss, der sich nicht mehr wie eine Betonröhre anfühlt. Nicht weit entfernt begegnete uns schon das zweite Kunstwerk unserer Tour: Zur kleinen Weile von raumlaborberlin. Die begehbare Skulptur aus Beton, die wie ein außerirdischer Fremdkörper wirkt, eröffnet im Inneren eine besondere Atmosphäre aus Licht und Klang – fast wie ein Raum zum Nachdenken über das, was sich draußen verändert. 

Schon bald, an beeindruckenden Regenrückhaltebecken vorbei, die mich optisch an die Landschaft Dänemarks erinnerten, erreichten wir Castrop-Rauxel. Dort gönnten wir uns auf dem Hof Emscher-Auen erstmal, wie es sich für einen Uwe und Inge Sonntagsausflug mit dem Rad gehört, ein Stück Pflaumenkuchen. Auf dem Hof stießen wir auch auf zwei weitere Kunstwerke. Zum einen handelte es sich um  das dasparkhotel_inside-outsite von Andreas Strauss: drei ehemalige Betonrohre, umfunktioniert zu Schlafröhren, die tatsächlich für Übernachtungen genutzt werden können. Sie sind eine direkte Veranschaulichung der alten Funktion der Emscher als Abwasserkanal und ihrer neuen Rolle als Ort des Aufenthalts. Gleich nebenan liegt Black Circle Square von Massimo Bartolini: ein geometrisches Statement aus einem weißen Betonquadrat, in dessen Mitte ein tiefes, schwarz beschichtetes Wasserbecken eingelassen ist. Aus der Vogelperspektive erscheint es als schwarzer Kreis im weißen Quadrat. Es ist eine Hommage an die abstrakte Malerei des frühen 20. Jahrhunderts und zugleich ein funktionaler Löschwasserteich für den Hof. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs war es allerdings durch starke Algenbewucherung eher ein grüner Kreis. 

Besonders beeindruckend war auf dem Weg durch Henrichenburg die Brücke mit dem Namen „Sprung über die Emscher“, die einen weiten Blick über das Emscherland ermöglicht. Am anderen Ende der Brücke erwartete uns auch schon freundlich lächelnd ein Imbissstand, denn auch hier in der Natur bleibt das Ruhrgebiet sich treu. Wir konnten unseren Augen kaum glauben, als wir die vegane Currywurst auf der Karte entdeckten. Eine der besten, die wir je gegessen haben. Auch für das Yoga Angebot im Park hinter dem Stand werden wir sicherlich mal wieder zurückkehren. 

Nach der kleinen Pause in Castrop-Rauxel ragt ganz in der Nähe Walkway and Tower von Tadashi Kawamata in die Höhe. Über einen schmalen Holzsteg geht es im Zickzack zu einem Aussichtsturm, der wie eine fragile Konstruktion aus Latten wirkt. (Nichts für Menschen mit Höhenangst!) Oben angekommen, öffnet sich der Blick weit über das renaturierte Tal der Emscher. Es ist eine Einladung, den Wandel der Landschaft von oben zu betrachten – Zeit für besagtes schwitziges Käsebrötchen und *die Tasse Kaffee*.

Auf dem weiteren Weg Richtung Herne überquerten wir noch eine Schiffsschleuse, die gerade ein Kaffeefahrtschiff absenkte und begegneten schließlich noch reemrenreh (kaum Gesang) von Bogomir Ecker. Eckers Arbeit ragt als gelber Klangkörper in den Himmel. Die 23 Meter hohe, durchlöcherte Säule erzeugt bei Wind pfeifende Töne und macht die unsichtbaren Kräfte der Umgebung hörbar. Am Tag unserer Tour war es jedoch sehr windstill. Bevor wir den Zug in Herne zurück nach Dortmund nahmen, haben wir noch eine Säule entdeckt, die durch Kurbeln einen Wasserstrudel erzeugen kann. Für heilsame *EiN StRudeL*-Vibes, wunderschöne Natur und vegane Currywurst, ist der Emscherkunstweg eine klare Empfehlung! Wir werden sicherlich irgendwann noch eine Fortsetzung der Strecke vornehmen.

Die ganze Karte lässt sich hier ansehen.