Ein Kommentar
Im Gegensatz zu den glamourösen christlichen Influencer:innen, die heute durch sorgfältig hergestellte Zusammenschnitte von mitreißenden Predigten und eindrucksvoller Lobpreisung über die sozialen Netzwerke auf Freikirchen aufmerksam werden, hatte ich das Glück in eine hineingeboren zu sein.
Die Kirche war für mich ein langer und selbstverständlicher Bestandteil meines Lebens. Dort wurde ich getauft, dort habe ich meine ersten Freundschaften geschlossen, dort feierte ich meine Geburtstage und die wichtigsten Fest-und Feiertage. Sie war für mich mehr als nur ein Ort, in dem willkürliche Kirchgänger:innen zusammenkamen, um ihre geteilten Überzeugungen nach außen zu vertreten. Für uns, die Kinder, die hier geboren wurden, und eine transnationale Verbundenheit zu dem Heimatland unserer Eltern verspüren, das wir niemals als Heimat ansehen werden, ermöglichte die religiöse Gemeinschaft die Weitergabe von kulturellen Praktiken und Wissen, die oftmals während der Assimilationsphase verloren gehen. Für die Erwachsenen bot die Kirche einen Ort, in dem sie frei von gesellschaftspolitischen Zwängen waren. Hier trafen sie auf Menschen, die ebenfalls eine neue Sprache erlernten und ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt suchten. So errichteten wir mitten in der Mülheimer Innenstadt einen Rückzugsort – ganz für uns allein. Aus diesem Grund habe ich lange mit mir gehadert, ob ich diesen Artikel wirklich verfassen soll, denn ich erinnere mich an viele schöne Momente, die ich nicht missen möchte. Aber auch an die unschönen.
Was sind Freikirchen überhaupt? Eine Freikirche ist eine selbsttragende, unabhängige Organisation, die sich nicht durch die in Deutschland erhobene Kirchensteuer finanziert, sondern auf die (freiwilligen) Spenden ihrer Mitglieder angewiesen ist. Freikirchen sind quasi exklusive Glaubensgemeinschaften, die unabhängig vom Staat sind. Vom evangelischen Christentum abgespalten, zählt die Freikirche zu ihren diversen Subgruppen auch die Pfingstgemeinde, in der ich Mitglied war.
Das Wesensmerkmal einer Freikirche ist die freiwillige Konversion. Im Unterschied zu christlichen Gemeinden ist es nicht möglich qua Geburt Mitglied zu werden. Naja, zumindest faktisch gesehen. Wie bereits erwähnt, wurde ich in eine hineingeboren, dementsprechend wurden mir die Lehren meiner Gemeinde mit der Muttermilch indoktriniert. Als dann meine Taufe anstand, war meine schulterzuckende Einwilligung als 8-Jährige eher der Umgebung geschuldet, in der ich aufwuchs, als einem tatsächlichen Glaubensbekenntnis zu Gott. Insofern war mein Bekenntnis ebenso aussagekräftig wie die Taufe eines Babys.
Ist die Pfingstgemeinde eine Sekte?
Jede:r von euch hat einer religiösen Praktik in einer Pfingstgemeinde beigewohnt. Vermutlich nicht in Person, sondern über eure viereckigen Geräte. Filme und Serien, die einen überwiegenden Schwarzen Cast oder eine:n schwarze:n Protagonist:in in den Mittelpunkt stellen, sollen genau diese Gemeinden darstellen. Als Zuschauer:innen durftet ihr (vermutlich) Zeuge folgender Szene sein: Ein Chor, der in farblich abgestimmter Robe lächelnd und klatschend in einer perfekten und harmonischen Tonlage die Gemeinde anstimmt. Anstelle einer Orgel wird der Chor von Gitarre-, Schlagzeug- und Pianoklängen begleitet, die eine aufgeweckte und vibrante Stimmung erzeugen. Obwohl die Fernsehrealität oftmals nicht mit der wirklichen Realität übereinstimmt, sind solche Szenen eine akkurate Repräsentation davon, wie das Praising & Worshiping in solchen Gemeinden abläuft. Im Verborgenen bleibt hingegen, wie die Gemeinde im Inneren operiert. An der Spitze der Gemeinde steht das Pastoren-Ehepaar, das von seinen Anhänger:innen liebevoll „Mommy” und „Daddy” genannt wird. Ihre nachgesagte Heiligkeit verleiht ihnen, man kann schon fast sagen, die Anhimmelung der Gemeinde. Sie stellen das Zentrum der Kirche dar. Sie sind die charismatischen Anführenden. Genauer gesagt ist der Pastor der Anführer. Die Ehefrau, die auch gleichzeitig eine Pastorin ist, nimmt die untergeordnete Rolle ein, so schreibt es die Bibel vor. Die vorgeschriebene Ungleichheit zwischen den Geschlechtern macht sich nicht nur beim Pastoren-Ehepaar bemerkbar. Vielmehr ist sie in das Ordnungsprinzip der Gemeinde eingebettet. So ist es der Pastorin ausschließlich gestattet, an bestimmten Festtagen zu predigen, wie am Mutter- oder Kindertag. Die Gemeinde organisiert regelmäßige Putztage, bei denen ausschließlich die weiblichen Anhängerinnen kontaktiert werden. Bedauerlicherweise wurde dem Mann die Fähigkeit des Putzens nicht auferlegt. Sie vollbringen die Tätigkeit nach dem Gottesdienst oder schaffen vor oder nach ihrem Arbeitstag die Zeit dafür. Das parallel laufende Kinderprogramm, das während des Gottesdienst stattfindet, wird von drei bis vier Frauen übernommen, die in einem separaten Raum die Lehren der Gemeinde an die nächste Generation weitergeben. Zuletzt übernehmen Frauen ebenfalls die Verkaufsstände, die nach den wöchentlichen Gottesdiensten aufgestellt werden und die nicht nur süße Spezialitäten der westafrikanischen Küche bieten, sondern auch die vom Pastor verfassten Bücher sowie Merchandise der Kirche.
Die „freiwillige” Zehntenabgabe entpuppt sich als eine Überwachungszeremonie. Der Zehnte, also zehn Prozent des Einkommens, sollen regelmäßig gespendet werden. Die Mitglieder, die überwiegend aus der Unterschicht stammen, werden hierbei emotional erpresst. Nach dem Motto „Entweder beugst du dich meinem Willen und gibst deine Zehnten ab oder wir reden dir solang ein, kein:e wahrhaftige:r Gläubige:r zu sein, bis du dem Psychoterror nicht mehr standhalten kannst und freiwillig deine Zehnten abgibst.” Im schlimmsten Fall erfolgt die Demütigung öffentlich vor der gesamten Gemeinde. Verfestigt in ihren Überzeugungen, dass sie das von Gott auserwählte Volk seien, mit der Mission, die korrupte Welt zu reformieren, stehen sie anderen Religionsgruppen kritisch gegenüber. Nichtsdestotrotz sind sie immer bereit Gläubige, die vom wahren Weg abgewichen sind, wieder auf den richtigen Weg zu weisen.
Wir halten fest: Pfingstgemeinden verfolgen strikt die biblischen Vorschriften, sie haben ein unqualifiziertes Personal, sie sind anderen Religionsgruppen gegenüber ablehnend, ihre Anhänger:innen stammen vorwiegend aus der Unterschicht und die Mitgliedschaft kann nur durch die freiwillige Konversion erfolgen. Obwohl die empirische Operationalisierung von gesellschaftlichen Vorkommnissen nie eine präzise Bestätigung liefern kann, ist die Tatsache, dass fünf der sieben Kriterien, die Ernst Troeltsch herausgearbeitet hat, um eine Kirche von einer Sekte zu unterscheiden, Indiz genug, um Pfingstgemeinden – zumindest meiner ehemaligen – das S-Wort aufzuerlegen.
See no evil! Hear no evil! Speak no evil!
Deutschland gilt im Jahr 2025 als ein säkulares Land. Die soziale Bedeutung von Religion und Kirche geht zurück. Deutsche Pfingstgemeinden versuchen, dem Trend entgegenzuwirken, indem sie gezielt die junge Generation anwerben.
Pfingstgemeinden wie der deutsche Ableger der in Australien gegründete Megachurch Hillsong und die International Christian Fellowship (ICF), die die erfolgreichen Zwillingsinfluencer:innen Lisa und Lena Mantler zu ihren Anhängerinnen zählen dürfen, versuchen, dem Trend entgegenzuwirken, indem sie ihren Gottesdienst und ihr Image an die junge Generation ausrichten. Die wenigsten Kinder werden heute noch religiös sozialisiert. Umgeben von einer säkularen Welt, in der etablierte Hegemonien zunehmend in Frage gestellt werden, kann die Rückbesinnung auf alte, etablierte Traditionen und die Wiederentdeckung der eigenen Religiosität die Folge dessen sein. Die modernen Pfingstgemeinden stellen einen Ort dar, an dem ein Bruch von der Moderne erfolgen kann.
Quasi ein Zufluchtsort. Anstatt in Kostüm oder in einem Anzug vor der Gemeinde zu stehen, treten die Pastoren im Hipsterlook auf die Bühne und begeben sich sprachlich auf das Niveau der Jungen. Auf den ersten Blick scheinen diese modernen Gemeinden kaum noch Gemeinsamkeiten mit meiner ehemaligen Gemeinde zu haben. In ihrem tiefsten Inneren stellen sie dieselbe Gefahr für die Gesellschaft dar. Sie stellen einen Angriff auf die erkämpften Errungenschaften der Frauen- und LGBTQIA+-Bewegungen und die Demokratie dar. Sowohl in konservativen als auch modern ausgerichteten Pfingstgemeinden werden patriarchale Herrschaftsstrukturen und -praktiken aufrechterhalten. Die Leidtragenden sind in erster Linie Frauen. Sie werden zur Unterwerfung sozialisiert. Sie werden in ihrer Selbstentfaltung gebremst, um die vorbestimmte Rolle der Ehefrau und später die der Mutter einzunehmen. Diese irrtümliche Geschlechterordnung wird als natürlich angesehen, an die nächste Generation weitergegeben und als Erwachsene:r reproduziert. Nicht nur die Aufrechterhaltung von patriarchale Strukturen und Praktiken, die durch die Lehren Gottes begründet werden, muss als Konsequenz verstanden werden, sondern auch die Verharrung der Gemeinde in den Grenzen der Heteronormativität. So werden sexuelle und geschlechtliche Identitäten, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen, im stillen Einvernehmen als Sünde angesehen. Das Ausleben beziehungsweise das Verlangen danach ist die Konsequenz eines Falsch-Glaubens und muss mit allen Mitteln ausgetrieben werden. Auch die Selbstentfaltung der jungen Heranwachsenden wird durch den Fundamentalismus der Gemeinde gebremst. Da die säkulare Welt mit ihren Ungläubigen das Böse verkörpert, treten ihre Mitglieder nur aus schulischer, universitärer oder arbeitsrechtlicher Verpflichtung mit ihr in Kontakt. Insofern besteht ihr unmittelbarer Freundeskreis aus Gläubigern, die entweder derselben oder einer der umliegenden Nachbarschaftsgemeinden angehören. Abgeschottet von der Gesellschaft und vereinnahmt durch die Mitarbeit, die von ihnen als wahre:r Gläubige:r innerhalb der Gemeinde verlangt wird, ist es ein Leichtes, die jungen Heranwachsenden zu gehorsamen und fügigen Gläubigern zu erziehen, die die Lehren der Bibel und der Gemeinde, der die absolute Wahrheit zugesprochen wird, nicht hinterfragen. Pfingstgemeinden vermitteln kein demokratisches Politikverständnis. Ihre Anführer:innen erheben einen unbegrenzten und repressiven Herrschaftsanspruch auf alle Lebensbereiche ihrer Anhänger:innen. Schrittweise wird ihnen ihre Freiheit eingeschränkt, nur um diese dann komplett abzuschaffen.
Die Absicht dieses Artikels ist es nicht, die Institution der Religion zu diffamieren. Religionen erfüllen in unserer Gesellschaft eine Funktion, die elementar ist, um unserem Leben nachzugehen. Sie kann sinnstiftend sein. Stattdessen ist meine Intention daran zu erinnern, dass Rechte, die emanzipatorisch erkämpft wurden, ständig in Gefahr schweben. Sie sind kein verankertes Recht, siehe Roe v Wade. Dementsprechend kann die Tyrannei einer vermeintlichen Minderheit rückschrittliche Entwicklungen herbeiführen, die gesamtgesellschaftliche Konsequenzen zur Folge hätte. Emanzipatorische Rechte gilt es immer und immer wieder zu schützen. Und zwar mit allen Mitteln, die das Rechtssystem erlaubt.
