Ein Kommentar von anonym
Dating-Apps versprechen Nähe, Auswahl und schnelle Matches und liefern oft genau das Gegenteil: Oberflächlichkeit, Ghosting, Gefühlschaos. Laut einer Studie der University of Western Ontario haben 65% aller aktiven Online-Dater schon einmal Ghosting erlebt. Wer heute durch Tinder, Bumble & Co. swipt, spielt nicht nur mit Profilbildern, sondern auch mit Erwartungen und Gefühlen, den eigenen und denen anderer.
Ghostbusting, Haunting oder auch Ghosting, was war das nochmal? Bereits im Frühjahr letzten Jahres haben wir euch über das Dating-Lexikon der digitalen Moderne aufgeklärt. Also, schaut gerne mal rein! Das Moderne Dating-Lexikon
Was folgt, ist eine Geschichte, wie sie oft passiert. Nur eben meine: It’s a Match! Passiv nehme ich das Match auf Bumble wahr. Nebenbei läuft eine Serie, ich swipe gelangweilt durch die endlosen Stapel an Gesichtern. Links. Rechts. Links. Rechts. Bumble will, dass ich als Frau zuerst schreibe, aber ich mache es selten. Kaum ein Profil weckt noch echtes Interesse. Nach zahllosen Selfies im Badspiegel, Poserbildern am See und 08/15-Sprüchen bin ich abgestumpft. Warum ich trotzdem immer wieder die App öffne? Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund wie Millionen andere: Hoffnung, Neugier, Bestätigung und der kleine Dopamin-Kick. Diesmal schreibt er mir zuerst. Voller Energie, charmant, witzig. Er wohnt nicht einmal im selben Bundesland, ist nur zu Besuch. Eigentlich bin ich kein Fan von ewigem Hin und Her, denn viele Gespräche versanden nach wenigen Tagen. Aber seine gute Laune zieht mich rein. Wir telefonieren, schreiben Tag und Nacht. Anfangs noch skeptisch, gewöhne ich mich an unseren Rhythmus. Mitte Juli will er wieder in meiner Nähe sein. „Halt dir das Wochenende frei“, meint er. Gesagt, getan. Freitag wollen wir uns direkt treffen.
Ein paar Tage vorher spüre ich einen Wandel. Kein „Guten Morgen”, keine Nachrichten. Am dritten Tag frage ich sanft nach. Er sagt, er sei gestresst und müde. Mein Bauchgefühl schreit, aber ich überhöre es und versuche, mir einzureden, dass alles in Ordnung ist. Freitag, 8 Uhr: „Ich freu mich so, dich endlich zu sehen.“ Freitag, 15 Uhr: Blockiert. Ohne ein Wort.
Ghosting in Reinform.
Das kommentarlose Verschwinden ist so normal geworden, dass es einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Psycholog:innen sehen darin eine Mischung aus Konfliktvermeidung, Feigheit und der Leichtigkeit, mit der man in der digitalen Welt jemanden einfach löschen kann. Schock. Wut. Scham. Man fühlt sich benutzt. Ich brauche ein paar Tage, um das zu verdauen. Mein Bauchgefühl war richtig. Zwei Wochen später, am Freitagabend: Eine Nachricht aus dem Nichts. Die wildeste Ausrede: Er sei um drei Uhr morgens an einer Tankstelle ausgeraubt worden. Drei Männer hätten ihm alles abgenommen. Tragisch, wäre da nicht die Kleinigkeit, dass er mir noch um acht Uhr morgens geschrieben hatte. Und warum sollten Räuber auch meine Nummer, mein Instagram und alle Kontakte blockieren? Mein Handy klingelt. Trotz besseren Wissens gehe ich ran. Er wiederholt die Geschichte, nennt mich Baby, macht Komplimente, tut so, als wäre das alles normal. Facetime. Noch mehr Lügen. Ich lache nicht ,weil es lustig ist, sondern weil seine Dreistigkeit grenzenlos ist. Er grinst, überzeugt davon, dass ich ihm gleich glaube. Er will unbedingt zu mir. Alles wieder gut machen. „Du bist doch so schlau“, sagt er, „also musst du wissen, dass ich keinen Grund habe zu lügen.“ Genau.
Wir telefonieren über eine Stunde, drehen uns im Kreis um seine Ausreden und sein Drängen. Schließlich rutscht ihm der Satz raus, er würde sogar ohne Kondom vorbeikommen, als Beweis seiner angeblich reinen Absichten. Ich lache so laut, dass ich fast auf dem Boden lande. Das ist mein Signal, aufzulegen. Er verabschiedet sich mit einem Luftkuss, als sei das alles nur ein Spiel.
Und was bleibt?
Ghosting ist die unhöfliche Exitstrategie der digitalen Generation und Unghosting die bizarre Zugabe: Menschen, die ohne Erklärung verschwinden, tauchen plötzlich wieder auf, als wäre nichts passiert. Ob aus Feigheit oder Dreistigkeit, es zeigt vor allem eins: In der Appwelt gibt es kaum noch Regeln, nur persönliche Grenzen. Diese zu setzen, sie zu halten und nicht jedes Mal den eigenen Selbstwert an ein Match zu koppeln, ist schwer. Aber vielleicht die einzige Chance, in diesem endlosen Spiel nicht selbst verloren zu gehen.
