Ende Juni fanden Studierende im Gebäude S06 am Campus Essen eine vandalisierte Männertoilette vor. Neben rechten Symbolen und Slogans in grellem Gelb prangerte ein Hakenkreuz aus Rot-Weiß-Essen-Tape an der Toilettenwand. Solche Angriffe finden in NRW in den letzten Monaten vermehrt statt – an Universitäten, aber auch an explizit antirassistischen Standorten. Die Situation in Essen scheint keine Ausnahme zu sein. Nur wissen an der UDE die Wenigsten davon.
Der offensichtlich rechtsextrem-motivierte Vandalismusvorfall in einer Herrentoilette des Gebäudes für Psychologie und Erziehungswissenschaft wurde am Vormittag des 24. Juni entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt machte ein Student eine Videoaufnahme der Beschädigung: Das Video zeigt Pissoirs, die mit RWE-Tape überzogen wurden und ein großes Hakenkreuz aus dem gleichen Tape auf einer Kabinentür gegenüber. Circa drei Stunden später filmte ein Student aus dem Fachschaftsrat 2b (Psychologie und Erziehungswissenschaft), der von seinem Kommilitonen von der Situation erfahren hat, ein weiteres Mal den Raum. Am Nachmittag war das Ausmaß des Vandalismus noch größer: Auf der Wand zwischen Pissoirs und Kabinen stand in gelber Sprühfarbe „No Asyl”. Im Waschraum sind es rechte Slogans wie „FCK Antifa” und die Zahl „88”, was für die Buchstabenkombination HH, also „Heil Hitler“ steht. Ob der:die gleiche Täter:in zurückgekehrt ist oder eine neue Person die Wände besprüht hat, ist ungewiss. Mit diesen Videoaufnahmen hat die Fachschaft 2b sich dann an die AStA-Vorsitzende Berfin Çelik gewandt.
Gemeinsam veröffentlichten Fachschaftsrat und AStA am 06. Juli ein Statement auf Instagram. Dort wählten sie direkte Worte, die die Tat verurteilen: „Aufkleber in Hakenkreuz-Formation sind nicht nur Schmierereien, sondern ein gezielter Angriff auf unsere pluralistische, demokratische und offene Hochschulgemeinschaft. Diese Taten richten sich gegen alle Studierenden und Mitarbeitenden, die nicht in das menschenverachtende Weltbild der Täter:innen passen, und zielen darauf ab, Angst zu verbreiten und unsere Grundwerte zu untergraben.” Der Vorfall wurde daraufhin im Fakultätsrat der Bildungswissenschaften besprochen und als Maßnahme die Gründung einer Arbeitsgruppe beschlossen. Dort werden Mitglieder aller Statusgruppen (Professur, Mittelbau und Studierende) zukünftig über den Umgang mit rassistisch-motivierten Straftaten und mögliche Maßnahmen gegen solche Angriffe sprechen.
Leider handelt es sich bei diesem Vandalismus nicht um den ersten Angriff von rechts. Sam vom Queerreferat berichtet von einem Vorfall, bei dem Ende Juni der Schaukasten des autonomen AStA-Referats mit Farbe besprüht wurde, in dem Informationen zu Veranstaltungen des Referats für queere Menschen ausgestellt waren. Das Referat zieht Konsequenzen aus dem Vorfall: „Als Queerreferat befassen wir uns mit diesem Vorfall durch Bemühungen, queere Sichtbarkeit am Campus zu erhöhen und durch unsere Veranstaltungen einen möglichst sicheren Ort für die Personen zu bieten, die durch solchen Vandalismus eingeschränkt oder eingeschüchtert werden.”
Wir haben bei der Pressestelle der UDE angefragt, was nach dem Angriff in S06 passiert ist. Dort erhielten wir die Antwort: „Die Hass-Parolen und das Klebeband wurden dokumentiert, entfernt, die Räume bis auf Weiteres gesperrt und die Polizei informiert. Ebenso informiert wurde die Ansprechpartnerin für das Thema Antisemitismus an der UDE.” Sie raten betroffene Personen sich immer an die Beratungsstellen der UDE wenden.
Außerdem wollten wir wissen, ob ein Statement zum rechtsradikalen Vandalismus im Gebäude S06 zu erwarten ist. Bis heute gibt es keine (hochschul-)öffentliche Stellungnahme. Uns wurde mitgeteilt, dass das Ziel der gewählten Kommunikation der Geschehnisse war, „die Betroffenen bestmöglich zu schützen und deutlich Haltung gegen Hass und Diskriminierung zu zeigen.”
Selbstverständlich kann eine Strategie zum Umgang mit Angriffen jeglicher Art sein, sich intern darum zu kümmern, die Hinterlassenschaften zu beseitigen und somit wenig Aufsehen und gleichzeitig wenig Sorge am Campus zu verursachen. Inwiefern das gänzliche Verschweigen des Vorfalls gegenüber der (Hochschul-)Öffentlichkeit Haltung gegen Rechts zeigt, sollte jedoch hinterfragt werden.
In den Antworten auf unseren Fragenkatalog unterstreicht die Pressestelle besonders oft das Engagement der Universität „gegen Antisemitismus und jegliche Form von Diskriminierung”. Die explizite Positionierung gegen Antisemitismus ist ohne Frage immens wichtig und muss weiterhin bestehen bleiben. Dennoch kann der Angriff auf das Männerklo als weitgreifender angesehen werden: Der Slogan „No Asyl” ist rassistisch und greift weitere Personengruppen direkt an. Sollte man sich als Universität mit diverser Studierendenschaft neben dem Antisemitismus vielleicht auch der Diskriminierung von migrantisierten Personengruppen mit ähnlichem Engagement entgegengestellen?
Unsere Redaktion hat den Vorfall bereits in der letzten Senatssitzung am 11. Juli angesprochen, um zu erfragen, inwiefern unsere Universität – spezifischer das Rektorat – plant, Stellung zu dem politisch motivierten Angriff zu beziehen. Dort versicherte uns Rektorin Barbara Albert, dass es innerhalb des Rektorats einen Austausch über die Frage geben wird, ob eine Stellungnahme verfasst werden soll. Anscheinend wurde sich gegen die Stellungnahme entschieden. Als wir die Pressestelle dazu befragten, hieß es: „Rektorin Albert hat bei der letzten Senatssitzung angekündigt, dass das Rektorat beraten wird, welche Reaktion auf die aktuellen Vorfälle erfolgen soll. Innovative Kommunikationsformate zum Thema Antisemitismus und Diskriminierung sollen kontinuierlich weiterentwickelt werden.” Diese wenig konkrete und ausweichende Antwort auf unsere Frage beantwortet leider nicht, warum sich aktiv gegen eine Stellungnahme entschieden wurde.
Wir als studentische Redaktion betrachten solche Situationen und fehlende Reaktionen mit Sorge, denn das Ausmaß der rechtsextremistisch motivierten Übergriffe an Universitäten, die als Ort für Vielfalt und offenen Diskurs gelten, nehmen drastisch zu.
Kein Einzelfall
Das Ganze ist kein Einzelfall: So tauchten Anfang 2024 auch an der Universität zu Köln NS-verherrlichende und antisemitische Parolen in der Toilette der Universitätsbibliothek auf. An der HHU in Düsseldorf tauchten im Juli 2024 Schmierereien auf, die zur Vernichtung jüdischen Lebens aufriefen. Am 27. Januar 2024, dem Holocaust-Gedenktag, wurde an der S-Bahn Haltestelle der TU Dortmund ein Davidstern mit einem Hakenkreuz in der Mitte entdeckt, daneben der Satz: „The irony of becoming what you hate”, was vor allem eine rechte Straftat darstellt. Und auch an der Universität Wuppertal tauchten im August 2024 rechte Schmierereien auf. Dort sprühten die Täter:innen über Nacht großflächig Hakenkreuze auf die Treppen am Campus.
| Köln | 369 |
|---|---|
| Dortmund | 295 |
| Düsseldorf | 252 |
| Essen | 238 |
| Bochum | 162 |
| Bonn | 157 |
| Aachen | 148 |
| Duisburg | 139 |
| Bielefeld | 131 |
| Wuppertal | 95 |
Allein in NRW wurden im Jahr 2024 302 rechtsmotivierte Sachbeschädigungen registriert, fast dreimal so viele wie noch in 2023. Die Zahl der Straftaten mit rechtem Hintergrund erreichte den höchsten Stand seit über 10 Jahren. Bundesweit zeigt sich ein ganz ähnliches Bild: Laut dem aktuellen Verfassungsschutzbericht hat sich die Zahl rechtsextremer Sachbeschädigungen von 781 im Jahr 2023 auf 1.646 Vorfälle im Jahr 2024 mehr als verdoppelt.
Die Opferberatung Rheinland berichtet ebenfalls über ansteigende Zahlen. In der Schlussfolgerung der Jahresbilanz 2024 alarmieren die Betroffenenberatungsstellen aus NRW: „Das bedeutet, dass jeden Tag mindestens 2 Menschen Opfer rechter, rassistischer, antisemitischer oder anderer menschenfeindlich motivierter Gewalt in NRW werden – alle 17 Stunden findet ein Angriff statt.”
Besonders betroffen sind Städte im Ruhrgebiet, darunter auch Duisburg und Essen. Laut landesweiter Statistik belegt Essen Platz 4 (238 Delikte) und Duisburg Platz 8 (139 Delikte) unter den Städten mit den meisten rechten Straftaten.
Auf Anfrage bestätigt auch das Polizeipräsidium Essen, zuständig für Essen, Mülheim und Oberhausen, die hohe Anzahl an politisch motivierten Straftaten. So wurden im vergangenen Jahr insgesamt 576 solcher Delikte registriert – darunter 39 Gewalttaten, 11 davon mit rechtem Hintergrund sowie 85 Fälle von Sachbeschädigung, von denen 18 rechtsmotiviert und 18 linksmotiviert waren. Eine gezielte „Auswertung nach Taten im Umfeld der Universität Duisburg-Essen ist leider nicht möglich”, so das Präsidium.
Sprechen statt Schweigen

Auch an unserer Partneruniversität, der Ruhr-Universität Bochum (RUB), kam es in letzter Zeit vermehrt zu solchen Vorfällen. Die Pressestelle veröffentlichte zwei gesonderte Statements (23. Juni und 04. Juli) zu den Angriffen. Der AStA-Vorsitzende der RUB, Henry Herrmann, berichtete unserer Redaktion über die Angriffe: „Dabei wurden unter anderem die Türen des autonomen queer-feministischen Referats sowie des queer-feministischen Archivs „Lieselle“ aufgebrochen, Materialien entfernt oder überklebt und Datenträger zerstört. Auch das Gleichstellungsbüro und die Antidiskriminierungsstelle wurden Ziel von Einbrüchen. Pride-Flaggen wurden aus verschlossenen Vitrinen entwendet und vor dem GA-Gebäude verbrannt, begleitet von rechten Schmierereien.” Der dortige AStA und das Rektorat stehen laut Herrmann im stetigen Austausch und reagieren gemeinsam auf die Situation.
Während die UDE über einen Monat nach dem Vorfall kein Statement veröffentlicht hat, verfolgt die RUB eine andere Strategie im Umgang mit Rechts. Sie prangern die Vorfälle gemeinsam als verachtenswert an. Rektorat und AStA riefen außerdem gemeinsam zu einer solidarischen Versammlung für Vielfalt und gegen Rechts auf, bei welcher rund 1.000 Personen teilnahmen. Der Rektor Prof. Dr. Martin Paul und die Prorektorin für Diversität, Prof. Dr. Isolde Karle, bekundeten bei der Zusammenkunft klare Position gegen rechte Ideologien und Diskriminierung gegenüber marginalisierten Gruppen. Auch über Pressemitteilungen deklarierte das Rektorat klar: „Für Hass und Diskriminierung ist an unserer Universität kein Platz!” Auch die verschriftlichten Stellungnahmen von der Versammlung am 09. Juli machen deutlich, dass das Rektorat solche Vorfälle nicht toleriert und sich öffentlich dagegen stellt. Unter anderem führt das Statement von Rektor Paul auf, warum es wichtig ist, nicht zu schweigen:
Hass und Hetze im Essener Stadtbild
Neben Universitäten und einem Stadtbild, in dem rechte Sticker und menschenfeindliche Aussagen auf Wänden, Bushaltestellen und Laternen mittlerweile zum Gang zum Supermarkt gehören, müssen sich besonders Örtlichkeiten mit expliziter Haltung sorgen. Ein Beispiel hierfür ist die Coralle in Frohnhausen. Dort fand im April 2025 ein Angriff rechter Akteur:innen statt. Eigentlich wurde der Nachbarschaftsraum nähe Frohnhauser Markt als Ort zum Zusammenkommen geschaffen. Das dazugehörige Kollektiv positioniert sich auf seiner Website als „ganz klar antirassistisch, feministisch und queerfreundlich” und wurde dadurch vermutlich zur Zielscheibe rechter Akteur:innen. Als Passant:innen am 21. April am Ladenlokal vorbeilaufen, war vor die Tür Buttersäure gekippt und die Fenster mit rechten Stickern beklebt worden. Darunter auch rechte Sticker mit Bezug zu Rot-Weiss-Essen (RWE).
Sowohl die stinkenden Säurereste als auch die Sticker konnte das Team recht schnell beseitigen. Im Interview erzählen uns Personen aus dem Kollektiv von den Reaktionen auf den Angriff: „Es waren sofort super viele Leute von uns vor Ort, auch aus der Nachbarschaft, die vorbeigekommen sind, die es mitbekommen und geholfen haben.” Den Vorfall haben sie bei der Opferberatung Rheinland gemeldet.
Ähnlich wie die Universität in Bochum entschied sich das Kollektiv, sich zu dem Vorfall zu äußern und den Übergriff öffentlich an den Pranger zu stellen. Gleichwohl sich alle der Gefahr von weiteren, potentiell schlimmeren Angriffen von rechts bewusst waren: „Wollen wir, dass andere Leute das mitbekommen, die vielleicht dann auch Bock haben, hier mal was zu machen, oder fühlen die Leute sich dann vielleicht super cool, weil es öffentlich ist und sie allen in der Szene zeigen können ‘Hier, guck mal, was wir Cooles gemacht haben’?”
Dennoch wurde kollektiv die Entscheidung zur öffentlichen Positionierung bewusst getroffen. „Wir haben uns dann trotzdem für die Öffentlichkeit entschieden, weil uns allen klar war, dass es nicht aufhört, wenn man es versteckt und dass es einfach wichtig ist, Menschen ein bisschen wachzurütteln und ihnen vor Augen zu führen, dass auf jahrelange politische Entwicklung Taten folgen.” Unter dem Titel „Wo Buttersäure trifft – wächst Solidarität” veröffentlicht die Coralle auf Instagram eine Stellungnahme, auf die zahlreiche Solidaritätsbekundungen folgten. Das Kollektiv erzählt von einigen Menschen, die danach die Coralle besucht haben, um Unterstützung zu zeigen. Auf Social Media sendeten Nachbar:innen und Unterstützer:innen Bilder mit dem Statement „Soli(darisch) mit Coralle”, welche der Account Essen stellt sich quer in einem Beitrag postete.
Stand jetzt war diese Entscheidung für das Kollektiv richtig und sie wollen weiterhin ein Safe(r) Space sein: „Gerade jetzt, wo es immer prekärer wird, wie es die politische Lage auch zeigt, wollen wir auch Anlaufstelle sein für Leute, die sonst keinen Raum haben.”
Haltung gegen Rechts
Angriffe, wie die auf die Coralle, queere Unigruppen und Universitäten im Allgemeinen finden zunehmend statt. Sie sind die Realität und direkte Konsequenz des wachsenden Rechtsrucks in Deutschland. Immer mehr rechte Akteur:innen treten öffentlich auf und haben keine Angst mehr, ihren Hass und ihre Hetze öffentlich zu bekunden – vor allem, wenn kein Widerspruch in Sicht ist. Das bedeutet besonders für marginalisierte Gruppen, darunter häufig queere Personen, migrantisierte Personen oder rassifizierte Personen, Angst und Sorge. In diesen Situationen ist es wichtig, wie wir mit solchen Vorfällen umgehen. Wenn ihr Schmierereien, Sticker oder anderweitige Angriffe mitbekommt, solltet ihr diese bitte melden. Studierende, die darüber hinaus aktiv werden wollen, können sich in hochschulpolitischen Gruppen engagieren und dadurch dabei mitwirken, den Campus sicherer und aufgeklärter zu gestalten.
Diese Beratungsstellen an der UDE können bei Übergriffen weiterhelfen:
Antidiskriminierungsbeauftragte sowie Antisemitismusbeauftragte
Antidiskriminierungsbeschwerdestelle
Derzeit recherchieren wir zur Rolle und Dynamik von Fußballfans wie z.B. vom RWE bei Angriffen wie dem Vandalismus am Campus Essen oder der Coralle und planen weitere Artikel.
