Frauen, die Pornografie konsumieren, wurden bisher seltener erforscht. [Foto: Nikita Verbitskiy]
Posted in

Süchtig nach Internet? – UDE forscht

30. Juli 2025

An der Universität Duisburg-Essen (UDE) arbeitet eine Gruppe in Zusammenarbeit mit der DFG-Forschungsgruppe FOR2974 daran, wie und warum Online-Shopping, Gaming oder Pornografie uns süchtig machen kann. Wir haben mit Prof. Dr. Matthias Brand und Dr. Silke Müller von der Forschungsgruppe sowie Anna Knorr von der UDE Teilgruppe darüber gesprochen. 

„Ziel unserer Arbeit ist es, die psychologischen und auch die neurobiologischen Mechanismen der Entstehung und Aufrechterhaltung von Internetnutzungsstörungen besser zu verstehen“, sagt Prof. Brand, um in das Thema einzuläuten. Was bringt uns dazu, Klarna-Schulden anzuhäufen oder unsere Zeit dem Gaming zu widmen, wenn wir gerade eigentlich wichtige Dinge erledigen müssten? Dazu wollen Prof. Brand und die FOR2974 die Hintergründe erfahren. Dafür werden über längere Zeiträume Proband:innen befragt und beobachtet. Ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Dr. Stephanie Antons an der UDE hat es sich im Speziellen vorgenommen, herauszufinden, was für eine Rolle dabei Selbstkontrolle spielt. „Unser Fokus liegt auch darauf, einen Einblick in den Alltag der Personen zu bekommen, weswegen wir auch sieben Tage lang den Alltag der Personen mit erfassen“, verrät Knorr.

Sich selbst zu kontrollieren sei ein Dreh- und Angelpunkt der Sucht, da sie eben genau dann greifen soll, wenn man in Versuchung gerät. „Die Selbstkontrolle spielt auch in den Anfangsstadien bereits eine große Rolle. Sie kann helfen, bei einem bereichernden und nicht-problematischen Konsum zu verbleiben“, ergänzt Brand. Denn – und das möchte Prof. Brand betonen – nicht jede Art von Konsum sei schädlich oder deute auf eine Sucht hin, egal ob bei Shopping, Gaming oder Pornografie. Eine Vielzahl an Faktoren trage dazu bei, aus dem Samen des Konsums eine Sucht sprießen zu lassen. Veranlagung sei ein Teil davon, die man laut Prof. Brand aber nicht als bloße Genetik abtun dürfe. 

Warum werden wir süchtig?

„Ich spreche da gerne von einem Rucksack, den die Menschen mit sich tragen. Und in diesem Rucksack ist die Genetik drin, aber auch frühkindliche Erfahrungen, Bildung und Sozialisierung.“ Dieser Rucksack definiere dann im Endeffekt, wie die Menschen auf beispielsweise ein Computerspiel reagieren. Der durch den Konsum erfolgende Stressabbau führt bei manchen dazu, eine immer positivere Assoziation damit zu verbinden, die den Drang zum Konsum weiter wachsen lässt. 

Auch gibt es Unterschiede auf Hirnebene zwischen Personen mit problematischer und unproblematischer Nutzung. Unklar ist dabei allerdings, ob diese physiologischen Unterschiede eine Voraussetzung oder Folge sind. „Dafür bräuchte man Langzeitstudien, die bereits sehr früh ansetzen“, so Brand. Was allerdings festgestellt werden konnte, war eine Normalisierung dieser neurobiologischen Prozesse als Folge von erfolgreichen Therapien und Abnahmen der problematischen Nutzung – wenn das Hirn also Änderungen bei Personen mit problematischer Nutzung zeigt, kann auch das wieder geheilt werden. 

Viel Konsum auch ohne Sucht?

Interessant ist dabei, dass ein problematisches oder suchthaftes Verhalten nicht – wie oft angenommen – zwangsläufig durch eine große Menge des Konsums definiert wird: „Das Entscheidende ist nicht, wie viel Zeit ich damit verbringe oder wie oft ich das mache“, so Knorr, „sondern wie stark ich dadurch negative Konsequenzen in meinem Alltag erlebe“. Es sei wichtig, die Bezeichnung „Sucht“ nur dann zu verwenden, wenn sie auch zutreffend ist. Definierende Faktoren seien laut Brand „reduzierte Kontrolle, erhöhte Priorität und eine Weiterführung des Verhaltens, obwohl darauf negative Konsequenzen zurückzuführen sind. Und das Verhaltensmuster muss so stark ausgeprägt sein, dass es zu funktionellen Beeinträchtigungen im Alltag führt“.

Bei den untersuchten Verhaltensweisen muss man besonders behutsam mit dem Begriff vorgehen, da sie zu großen Teilen ohnehin in unserem Alltag vorkommen: „Einkaufen müssen wir alle und Sexualität und sich sozial auszutauschen gehört eben auch zum Alltag“, so Brand. Daher sei das Ziel von Therapien auch gar nicht die komplette Abstinenz, wie zum Beispiel bei der Alkoholsucht. Langfristig wird versucht, einen gemäßigten und bereichernden Konsum wieder zu ermöglichen. 

Sowohl Prof. Brand und die FOR2974 als auch Anna Knorr und Dr. Stephanie Antons Gruppe suchen weiterhin nach Proband:innen. Unter anderem gibt es eine Studie, die sich im Speziellen auf den Konsum von Pornografie bei Frauen fokussiert. „Die allermeisten Studien zur Pornografie und der problematischen Nutzung basieren auf männlichen Probanden“, erklärt Dr. Silke Müller. „Daher adressieren wir jetzt diese unterrepräsentierte Gruppe der weiblichen Pornografie-Nutzenden, um zu schauen ob es Unterschiede gibt oder nicht.“ Generell werden aber alle Menschen gesucht, die Lust haben, an den Studien teilzunehmen. Voraussetzung ist ein Alter von mindestens 18 Jahren und eine Nutzung von Internetapplikationen – egal in welchem Umfang. Dr. Stephanie Antons und Anna Knorrs Gruppe suchtspeziell Menschen, die entweder beim Gaming oder bei der Nutzung von Pornografie das Gefühl hatten, Momente der verringerten Kontrolle erlebt zu haben.