Spätestens nach ihrem unverhofften TikTok-Hit My Love Mine All Mine, lernte das Internet Mitskis, aka Mitsuki Laycocks, überlebensgroßen verträumten Indie-Sound zu lieben. Nun veröffentlichte die amerikanische Singer-Songwriterin ihr achtes Studioalbum am 27. Februar. Wie sich die Künstlerin seit ihrem viralen Hit weiterentwickelt hat, könnt ihr hier nachlesen.
Mit dem Song In a Lake eröffnet Mitski das Album mit einer schwebenden Ruhe, die fast schon hypnotisch wirkt. Die imaginäre Szene ist folgende: Du schaltest den Fernseher ein und triffst genau den Moment im Film, wo der Hauptcharakter die Kleinstadt verlässt, in der er aufgewachsen ist, und ein großes Chaos hinterlässt. Koffer im Kofferraum, der Blick noch einmal zurückgeworfen, irgendwo zwischen Reue und Erleichterung. Genau hier setzt der Opener an – ein Song, der sich anfühlt wie ein Innehalten vor der endgültigen Entscheidung. „And in a big city, you can start over / The lights all around you, the dark safe inside“. Dieser Raum zwischen dem Schmerz des Alten und einem hoffnungsvollen Neuanfang ist es, den Mitski hier musikalisch festhält: flüchtig, melancholisch und gleichzeitig seltsam tröstlich.
Das Album trägt sich durch eine Pop-Sentimentalität à la Lana Del Rey und Chappell Roan, aber mit sehr viel mehr Gelassenheit und ländlicher Stimmung, erzeugt durch warme Streicher, zurückhaltende Bläser und eine gewisse Erdigkeit, die sich wie Staub auf einer Landstraße über die Songs legt. Dazu kommt eine große Portion Katzen-Motive, die nicht nur durch das Artwork und Songs wie Cats oder That White Cat entsteht, sondern auch durch Mitskis Art, sich vorsichtig, beobachtend und doch eigenwillig durch ihre Klangräume zu bewegen. Es ist diese Mischung aus Distanz und Intimität, die ihre Musik so unverwechselbar macht.
Von Widersprüchen und Wiedererkennung
Das Album bricht immer wieder durch Indie-Rock-Hymnen wie Where’s My Phone? auf, die mit treibenden Gitarren und fast schon ironischer Verzweiflung einen Kontrast zur sonstigen Zurückgenommenheit bilden. Hier zeigt sich Mitski von einer direkteren, beinahe ungeduldigen Seite. Die Songssind ein kurzer Ausbruch aus der introspektiven Grundstimmung, der dem Album Dynamik verleiht.
Nothing’s About to Happen to Me besticht mit seinem Charme, der weniger auf große dramatische Höhepunkte setzt, sondern vielmehr auf das leise Aushalten von Zwischenzuständen. If I Leave und Instead of Here kreisen thematisch um das paradoxe Bedürfnis, gleichzeitig zu bleiben und zu verschwinden. Dabei gelingt es Mitski, diese inneren Widersprüche nicht aufzulösen, sondern sie bewusst stehen zu lassen.
Besonders eindrücklich ist Dead Women, das mit seiner düsteren Bildsprache und minimalistischen Instrumentierung eine fast gespenstische Atmosphäre erzeugt. Hier zeigt sich erneut Mitskis Talent, aus wenigen Elementen maximale emotionale Wirkung zu ziehen. Im Kontrast dazu steht I’ll Change for You, das sich wie ein klassischer Lovesong tarnt, jedoch bei genauerem Hinhören von Selbstaufgabe und Anpassung erzählt. Gerade diese Ambivalenz zwischen Hingabe und Verlust der eigenen Identität zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album.
Leise aber nachhaltig
Mit Rules und That White Cat wird das Album verspielter, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Es sind Songs, die zunächst leicht wirken, fast beiläufig, und sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig entfalten. Auch Charon’s Obol zählt zu den enthaltsameren Tracks. Hier verdichten sich die zentralen Themen des Albums (Übergang, Verlust, Transformation) zu einer fast mythischen Erzählung. Dass Mitski hier auf große Gesten verzichtet und stattdessen auf langsame Steigerung setzt, macht den Track umso wirkungsvoller.
Der abschließende Track Lightning wirkt wie ein leiser Ausklang nach dem Sturm, ein vorsichtiges Zurückkehren in die Realität. Es ist kein großes Finale, sondern eher ein Innehalten, passend zu einem Album, das erwachsen und bedacht wirkt. Statt eines klaren Schlussstrichs bleibt ein Gefühl zurück, das sich schwer greifen lässt: etwas Unabgeschlossenes, Offenes, vielleicht sogar Beruhigendes.Insgesamt zeigt Nothing’s About to Happen to Me eine gereifte Künstlerin, die sich nicht mehr beweisen muss. Stattdessen konzentriert sich Mitski auf das, was sie am besten kann: das Erzählen von Geschichten, die irgendwo zwischen Alltag und Traum existieren. Es ist ein Album, das sich Zeit nimmt und genau darin seine größte Stärke findet. Ein nachhaltiges Werk, das nicht laut sein muss, um lange nachzuhallen.
