Eine Rezension zur Ausstellung „SEX NOW“ im NRW-Forum Düsseldorf
Man betritt die Ausstellung SEX NOW nicht durch eine Tür, sondern durch ein Schlafzimmer. Ein Doppelbett mit Nachttischen, Vibrator und herzförmiger Lampe bildet das erste Bühnenbild. Gleich daneben die erste Besucher:innenfrage: „Was sind deine geheimen Fantasien?“ – ein programmatischer Auftakt für eine Schau, die Nähe sucht, aber zugleich Regie über ihre Offenheit führt.
Kuratiert von Alain Bieber und Judith Winterhager, zeigt das NRW-Forum Düsseldorf (5. September 2025 bis 3. Mai 2026) rund 400 Objekte aus Kunst, Design, Pop- und Medienkultur. In zehn Themenräumen verhandelt SEX NOW die vielleicht intimste aller Fragen: Was bedeutet Sex heute und was sagt das über uns aus?
Zwischen Atlas und Latex
Der Rundgang beginnt mit der Geschichte des sexuellen Bildes – von den nüchternen Lehratlanten der 1960er bis zu Peaches’ Installation Fleshie Fountain, einer Fontäne aus männlich codierten Sextoys. Ihre Arbeit gehört zu den eindrücklichsten Momenten der Ausstellung: Sie karikiert das Monopol des männlichen Begehrens durch Übertreibung – laut, trotzig, komisch – und verwandelt Provokation in Kritik. Zwischen Aufklärungspostern und feministischen Pamphleten wird deutlich, wie sehr sich das Reden über Lust verschoben hat: von moralischer Zurückhaltung hin zu öffentlicher Sichtbarkeit. Daneben erinnert die Ausstellung an die sexpositive Bewegung, deren Wurzeln in der Frauenbewegung liegen. Sichtbarkeit, Selbstbestimmung, das Recht auf Lust – all das waren einst politische Forderungen. Heute, so deutet SEX NOW an, droht Sexpositivität selbst zur Marke zu werden: ein Lifestyle, der Befreiung verkauft, aber oft Selbstoptimierung meint.
Aufklärung und Safe Space
In der #Fluffy-Library liegen queer-feministische Klassiker zwischen flauschigen Kissen. Sie zeigen den pädagogischen Anspruch der Ausstellung. Sie will nicht nur zeigen, sondern lehren, und liegt irgendwo zwischen kritischer Bildung und Selbstbestätigungsdidaktik.
Im nächsten Raum untenrum dreht sich alles um das Aussehen: Fotos, Modelle, Zeichnungen von Vulven und Penissen, teils anatomisch, teils künstlerisch verfremdet. Der Raum korrigiert stereotype Darstellungen, zeigt die Klitoris in realistischer Größe, benennt Begriffe. Doch während die Körper gezeigt werden, bleibt die Frage „Was ist Sex?“ unbeantwortet. Die Ausstellung verwendet den Begriff selbstverständlich und weil sie den Körper in Teile zerlegt, kreist ihre Dramaturgie um Penetration, als sei sie das Maß sexueller Erfahrung. Eine alternative kuratorische Perspektive hätte Intimität jenseits des Eindringens ins Zentrum rücken können.
Zwischen Lust und Gewalt
Einer der eindrücklichsten Räume ist ein japanisch inspiriertes Washitsu: Tatami-Matten, eine Tantra-Liege, sanftes Licht und ASMR-Sounds machen den Körper als Resonanzfläche erfahrbar. Es ist einer der sinnlichsten Momente der Ausstellung. Im Raum der Bekenntnisse notieren Besucher:innen auf Zetteln, was sie bewegt: „sapiosexuell“, „Sex auf dem Boot“, „I just want to feel safe again #metoo“, „cnc – aber er will nicht“. Zwischen Witz, Freude und Schmerz zeigt sich hier die emotionale Spannweite, die vielen anderen Räume fehlt. Dieser Raum funktioniert, weil er unkontrolliert wirkt. Endlich bricht etwas durch, das nicht kuratiert ist, das sich ehrlicher anfühlt. Anschließend zeigt ein feministisches Porno-Kino mit Sitzplätzen und zwei Schaukeln alternative Produktionen, die Stereotype dekonstruieren sollen.
Im Kapitel zu #MeToo werden Fotografien und Gegenstände, die vor allem von FLINTA* Personen zur Selbstverteidigung und Prävention getragen werden, gezeigt. Dazu kommt der Post von Alyssa Milano, der die Welle sichtbar machte. Die Auswahl erinnert daran, dass sexuelle Befreiung nicht ohne die Realität von Übergriffen, Machtgefällen und Abhängigkeiten zu denken ist. Der Raum macht spürbar, wie nah Körper und Verletzbarkeit in alltäglichen Situationen beieinander liegen. Er zeigt, wie Schutz zur Voraussetzung für Freiheit wird. Er ist eindringlich, aber kurz und hätte mehr Tiefe verdient – angesichts des Anspruchs, Sexualität gesellschaftlich zu verhandeln.
Kink, Queerness und die Grenzen der Vielfalt
Nach einer räumlichen Unterbrechung widmet sich ein zweiter Teil des Gebäudes den Themen Kink, Queerness und Technologie. Der Abschnitt über Fetischkultur zeigt Latex, Leder, Plattformen wie FetLife und Gegenstände wie eingeschweißte Socken oder ein Wartenbergrad, einem medizinischen Instrument mit sternförmig angeordneten Stiften. Doch auch hier scheint die Ausstellung auf bekannte Stichworte zu setzen: „Kink“ wird als modische Variante von Anderssein präsentiert, weniger als eigenständige soziale oder politische Praxis. Während schwule Männlichkeit präsent ist, bleiben lesbische, trans* und nicht-binäre Perspektiven erstaunlich unterrepräsentiert. So entsteht der Eindruck einer progressiven Oberfläche, die Diversität zeigt, aber kaum reflektiert und nicht durchdringt. Die Ausstellung behauptet Vielfalt, reproduziert jedoch mitunter den Blick einer urbanen, weißen, privilegierten Szene. Der Anspruch, queere Realitäten abzubilden, bleibt ein Fragment.
Digitale Lust
Spannend wird es dort, wo die Ausstellung das Digitale berührt. Mittels einer der beiden VR-Brillen und den Joysticks kann man Einblicke in die Welt der digitalen Lust gewinnen und einem Paar zum Beispiel beim Blowjob beiwohnen. Miyö Van Stenis untersucht in Eroticissima, wie sich Begehren in virtuellen Welten verändert und konfrontiert mit der Frage, was „echt“ überhaupt bedeutet.
Ansgar van Treecks Arbeit Verwaiste Räume – Von Alaska bis Zaire zeigt Screenshots aus digitalen Sexchats. Es sind menschenleere Räume und doch verraten sie viel über Lebenswelten, Intimität, digitale Nähe und das, was normalerweise nicht zu sehen ist: den privaten Alltag hinter dem Bildschirm.
Zwischen Mut und Mangel
Das Finale der Ausstellung bildet eine Sammlung von Sexspielzeugen, Designobjekten und popkulturellen Referenzen. Hier wird deutlich, wie sehr sich der Blick auf Lust, Konsum und Selbstfürsorge verschoben hat. Die Szene, in der Samantha in der Kultserie Sex and the City ihren Vibrator reklamiert, wirkt heute charmant-harmlos, war damals aber Tabubruch. Sie erinnert daran, wie eng sexuelle Befreiung und Medienrepräsentation miteinander verbunden sind.
Im Raum Sexual Wellness geht es um Ruhe statt um Performance. Es geht nicht darum, andere zu befriedigen, sondern um Selbstfürsorge. Keine Bewertung, nur die Frage: Wie kann sich Lust anfühlen, wenn man sich nichts beweisen muss?
Die Arbeit Fertig von Vincent Wechselberger fängt die Ambivalenz von Sexarbeit eindrucksvoll ein. Seine Fotoserie porträtiert queere Sexarbeiter:innen unmittelbar vor ihren Begegnungen mit Kund:innen und thematisiert Selbstbestimmung ebenso wie (Un-)Sicherheit. Die Serie ist ein wichtiger Beitrag, weil sie Perspektiven sichtbar macht, die sonst im Diskurs um Sexualität oft fehlen. Doch innerhalb des Ausstellungskonzepts wirkt sie deplatziert. Wechselbergers Arbeit zeigt damit ungewollt, dass SEX NOW noch nicht rund ist.
Der männliche Blick
Trotz progressiver Oberfläche bleibt vieles am männlichen Lustmodell orientiert. Forschungen von Juliane Burghardt haben gezeigt, dass Erregung bei Männern meist spontan, bei Frauen oft situativ entsteht. Doch gesellschaftlich gilt Spontanität als „Norm“. Eine feministische Perspektive, die reaktive Lust gleichwertig anerkennt, hätte hier Impulse setzen können.
Fehlende Perspektiven
Die Ausstellung blendet psychologische und gesellschaftliche Dimensionen aus, die Forschungen etwa von Burghardt oder Peggy Orenstein aufzeigen: den Unterschied zwischen Lust, Libido und Anziehung, die Rolle von Scham, Sozialisation und den bis heute wirksamen Madonna-Huren-Komplex.
Dieser gesellschaftliche Mechanismus zwingt Frauen in starre Rollen zwischen Reinheit und Begehrlichkeit. Weibliche Lust wird bewertet, weibliche Unlust pathologisiert. Der Diskurs über Selbstbestimmung ignoriert oft, dass auch das Nicht-Wollen Teil sexueller Freiheit sein muss.
Auch Fragen nach Allonormativität – der gesellschaftlichen Erwartung, sexuell aktiv sein zu müssen – bleiben ungestellt. Stattdessen scheint sexuelle Emanzipation oft synonym mit sexueller Aktivität gesetzt. Judith Winterhager formulierte: „Wir fänden es super, wenn die Menschen nach der Ausstellung einfach Sex haben.“ Ein Satz, der mehr über den Mainstream des Denkens verrät als über feministische Befreiung.
Insgesamt bleibt SEX NOW eine Schau der Widersprüche. Sie will Haltung zeigen, doch reflektiert ihre eigene Perspektive kaum. Sie will Diversität, bleibt aber beim Bekannten. Sie spricht über Freiheit, während sie Bilder der Lust reproduziert, die längst bekannt sind. Es bleibt der Geschmack eines Katalogs von Zeitgeist-Themen, bei dem die Schlagworte „Kink“, „Queer“, „#MeToo“, „Futuresex“ als Kapitelüberschriften genügen müssen.
Haltung, Sponsoring und Selbstbild
Kurator Alain Bieber nennt SEX NOW einen Beitrag gegen den „konservativen Backlash“. Das ist nachvollziehbar – Pride-Paraden unter Polizeischutz, Debatten um Gendern und Cancel Culture sind Teil des Hintergrunds. Doch gerade das Sponsoring – von Playboy bis TENGA – verdeutlichen das Spannungsfeld. Dass ausgerechnet ein Magazin, das über Jahrzehnte weibliche Körper als männliche Projektionsflächen inszenierte, nun als Partner einer vermeintlich gleichberechtigten Ausstellung auftritt, ist kulturhistorische Ironie. Diese Ambivalenz bleibt jedoch unkommentiert – eine verpasste Gelegenheit zur Selbstreflexion.
Fazit: Zwischen Mut und Mangel
SEX NOW ist mutig, notwendig und ungleichmäßig. Die Ausstellung will aufklären, befreien, sensibilisieren und schafft das stellenweise brillant. Doch oft bleibt sie an der Oberfläche und geht nicht so tief, wie sie vorgibt. Ihre größte Stärke liegt dort, wo sie Fragen offenlässt. Trotz aller Widersprüche: SEX NOW ist wichtig. Sie öffnet den Museumsraum für Themen, die dort lange keinen Platz hatten. Und sie erinnert daran, dass Sexualität mehr ist als ein ästhetisches oder politisches Statement – sie ist ein Lernprozess, ein Spiegel, ein Gespräch über Nähe, Scham, Macht und Sehnsucht.
