Zusätzlich zum regulären Release gibt es noch eine Piano Version des Songs. [Quelle: Spotify]
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Wieso sagt ChatGPT, dass du ein Musiker bist?

20. August 2026

Wieso sagt ChatGPT? Ist die mittlerweile über 2 Millionen Mal gestreamte Debütsingle des „Rappers“ Nimi. Ein zu 100 Prozent KI-generierter Musiker, der sich auch noch ein Feature von Ruhrpott-Rapper und Internetpersönlichkeit Manuellsen sichern konnte. Doch was steckt eigentlich hinter der KI-generierten Fassade?

KI-generierte Musik ist schon lange kein Neuland mehr. Vor allem für Hintergrundmusik, lizenzfreie Musik und Stock-Music ist sie längst weit verbreitet. Während gesichts- und persönlichkeitslose Musik für genau diese Sparten problemlos funktioniert, gab es bisher, vor allem in Deutschland, eigentlich kaum bis gar keine KI-generierten Künstler:innen, die sich auch als Persönlichkeiten verstanden. Social-Media-Accounts, Promophasen, Interviews und ein Austausch mit der Community sind essenzielle Bestandteile einer Karriere als Musiker:in. Und diese waren bis vor Kurzem eigentlich noch Menschen vorbehalten. 

Nimi hat das allerdings auf den Kopf gestellt. Mit vollständig generierten Inhalten auf TikTok, YouTube und Instagram wurde ein Newcomer-Rapper aufgebaut, mit allem, was dazugehört. Ein (einigermaßen) kontinuierlich wiederkehrendes Gesicht, Promo-Stunts wie Oben-ohne-Rappen in der U-Bahn, Interviews und sogar Konzerte. Nimi antwortet auf Kommentare, spricht aus der Ich-Perspektive und hat sogar einen Slogan: „Realest AI Artist out there“. Immerhin ist er/es ehrlich. Sogar auf eine Anfrage von DasDing antwortet der Account, „er“ hätte schon lange vor der Debütsingle Musik gemacht und Songs geschrieben. 

Wer steckt hinter Nimi?

Eine Recherche von Puls Musikanalyse hat zwei Quellen für den KI-Künstler gefunden. Einerseits den Songwriter und Produzenten Askin Mertcan Acar, auch als Künstler Babymoench aktiv. Er veröffentlichte den gleichen Song selbst eine Woche vorher schon mit anderer Stimme und Produktion auf Spotify und wird dort in den Credits auch als Songwriter und Produzent aufgeführt. Auf der anderen Seite war im (mittlerweile gelöschten) Linktree von Nimi das Label und Publishing Bamboo Artists zu finden. Genau das, was letztes Jahr schon in einen Skandal um Machtmissbrauch, psychische Gewalt und toxisches Arbeitsklima durch Gründer und mittlerweile Ex-CEO Leander Kirschner verwickelt war. Zu den damaligen Künstler:innen gehörten unter anderem Ski Aggu, 01099 und auch Zartmann. Das Label ist also ein ehemals großer Player der Musikindustrie. 

Und anscheinend nicht die einzige Industriegröße, die hinter der KI-generierten Musik steht: Rapper und legendäre Meme-Quelle Manuellsen tauchte auf einmal als Feature auf der Single mit einem eigenen Part auf. Laut eigener Aussage fand er es spannend „gegen einen KI-Artist anzusingen“, er sieht es also als eine Art Wettbewerb zwischen Mensch und Maschine. Kurz darauf tauchten dann auch (wieder vollständig generierte) Inhalte mit beiden, also Nimi und Manuellsen, zusammen auf. Sie stehen auf der Bühne vor einer riesigen Crowd und performen ihren Song vor der jubelnden Masse.

Ist KI die Zukunft der Musikindustrie?

Die Tatsache, dass ein generierter Artist Zuspruch vonseiten der Musikindustrie bekommt, lässt stutzig werden. Ein Großteil von Musiker:innen spricht sich jedoch aktiv gegen künstliche Intelligenz in der Musik aus. Vor allem da, wo für die Erstellung der Musik bereits existierende Referenzen ohne Einverständnis, Credits oder Vergütung verwendet werden. Und in den meisten Fällen profitieren die Prompter dann von etwas, für das sie selbst nicht gearbeitet haben. Die Fans scheint das Thema zu spalten. Die Kommentare bei Nimi sind sowohl mit Zuspruch und Jubel als auch mit heftiger Kritik und Angst gefüllt. Dass also ausgerechnet ein bereits in Verruf geratenes Label und ein ebenfalls von Kritik betroffener Musiker den Weg über die KI-Brandmauer wagen, sollte nicht gleich Panik vor dem Ansturm von KI-Slop in den Charts und Radios schüren. 

Rechtlich ist die kreative Arbeit realer Musiker:innen (zumindest bisher) einigermaßen geschützt. Zwar nicht vor dem Training der KI-Programme, aber zumindest im Urheberrecht. In einer Grundsatzentscheidung hat der Europäische Gerichtshof festgestellt, dass ein Werk die „eigene geistige Schöpfung“ eines Menschen und damit auch die Persönlichkeit der Urheber:innen widerspiegeln muss, um urheberrechtlich geschützt zu sein. Zwischen KI als Hilfsmittel und KI als eigenständige:r Urheber:in soll dabei differenziert werden. Wenn KI lediglich als untergeordnetes Werkzeug zur Umsetzung eigener Ideen dient, so kann das Werk trotzdem als eigene Schöpfung gesehen werden. 

Denn so wie früher die Digital Audio Workstation (DAW) und günstigeres Equipment Produktionen aus dem Kinderzimmer möglich machten, gibt künstliche Intelligenz mittellosen Musiker:innen Tools, um Sounds zu erzeugen, die vorher nur großen Studios vorbehalten waren. Egal, ob ein Orchester oder Chor zur Verfügung stehen oder nicht: solange die Idee vorhanden ist, kann sie umgesetzt werden. 

Staubtrocken: 50 Prozent aller Uploads auf der Streaming Plattform Deezer sind KI-generierte Musik. Das entspricht über 90000 Songs täglich. Anfang 2025 waren es noch unter 10000, ein Anstieg von 650 Prozent in 16 Monaten. Trotz der massiven Upload-Zahlen macht KI-Musik allerdings nur 1 bis 3 Prozent der tatsächlichen Streams auf Deezer aus. Deezer ist bisher die einzige Plattform, die solche Daten systematisch erhebt und veröffentlicht. Zahlen für Spotify, Apple Music & Co. sind noch nicht öffentlich bekannt. Außerdem sind Deezer und Tidal die einzigen Plattformen, die KI-Musik demonetarisiert haben – als KI erkannte Songs werden entsprechend gekennzeichnet und können durch Klicks kein Geld generieren. Tracks, die als Plagiat erkannt werden, werden von der Plattform entfernt.