„Wie kann sie nur?" wiederholt sich. [Foto: Cora Liebscher]
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„Wie kann sie nur?”: Ein Buch über Frauen im Internet von Sophie Passmann

30. Juni 2026

Ein Buch über Frauen im Internet erscheint mit einem hausgroßen Plakat in Prenzlauer Berg: Passmanns Gesicht, weichgezeichnet, Kinn angehoben, daneben der pinke Hinweis „Jetzt im Buchhandel“. Wer das Buch kennt, das dahintersteht, bemerkt die Pointe: Sophie Passmann hat 240 Seiten darüber geschrieben, wie Frauen in der Öffentlichkeit zu Projektionsflächen werden und das Buch erscheint begleitet von einer Werbekampagne, die nichts anderes ist.

„Wie kann sie nur?“, im März 2026 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, ist laut Verlagsklappentext ein Buch über den „alltäglichen Wahnsinn, eine Frau (im Internet) zu sein“ – „radikal selbstkritisch“ und „highly relatable“. Sophie Passmann, Jahrgang 1994, gehört zu den präsentesten deutschsprachigen Autorinnen ihrer Generation: „Alte weiße Männer“, „Pick Me Girls“, Grimme-Preis, Nannen-Preis, eine ausverkaufte Theaterfassung am Berliner Ensemble. Mit dem neuen Buch zieht sie den Radius enger. Es geht nicht mehr um den männlichen Blick im Allgemeinen, sondern um den Ort, an dem er heute am lautesten ist.

Bevor das zur Sprache kommt, lohnt es, klar zu sein über die Gattung. „Wie kann sie nur?“ ist kein Sachbuch im klassischen Sinne, wie es der Verlag vermarktet. Das Buch definiert keine Begriffe, belegt keine Thesen und verweist auf keine Quellen. Es ist ein persönlicher Essay-Band, der Selbstportrait, Popkulturanalyse und feministisches Argument gleichzeitig versucht. Der Essay als Textsorte darf subjektiv sein. Er darf widersprüchlich sein. Aber er muss einen Gedanken durch das Schreiben vorantreiben, nicht nur kreisen. An diesem Anspruch gemessen zeigt das Buch, was es kann und wo es aufhört.

Was das Buch kann

Am stärksten ist „Wie kann sie nur?“ dort, wo Passmann nicht über sich als Person, sondern über andere schreibt und dabei trotzdem über sich. Die Passage über die Influencerin Remi Bader, die öffentlich über ihre Essstörung spricht und nach einer Magenband-OP sechzig Kilo abnimmt, gehört zum ehrlichsten Schreiben des Buches. Passmann beschreibt ihre eigene parasoziale Faszination, wie sie Bader beobachtete, bewunderte, einschätzte, als wäre das eine informierte Meinung über eine Person, die sie nicht kennt. Bader selbst bleibt dabei im Hintergrund. Sie ist kein Subjekt mit eigenem Urteil, sondern ein Anschauungsobjekt. Passmann erkennt das und thematisiert den blinden Fleck nicht als solchen. Dass sie trotzdem sichtbar bleibt im Buch, statt sich hinter Theorie zu schützen, ist eine der mutigsten Entscheidungen des Textes.

Besonders gut gelingt das Tradwives-Kapitel, das längste und substanzreichste des Buches. Passmann arbeitet dort eine Schnittmenge heraus, die im politischen Diskurs meist ignoriert wird: Tradwives formulieren dieselbe Kapitalismuskritik wie progressive Linke. Unrealistische Arbeitszeiten, Vereinzelung in Großstädten, ein Alltag, der Menschen zermürbt. Der Unterschied ist, dass sie nicht das System kritisieren, sondern feststellen, dass sie als Frauen dafür nicht gemacht sind. Das ist eine knappe, scharfe Beobachtung. Ein Satz, der die ganze Bewegung in eine Zeile fasst, zeigt, was dieses Buch hätte sein können: „Es ist eine göttliche Ordnung. Und Gott kommt um 17.30 Uhr hungrig nach Hause.“

Ähnlich präzise ist der kulturgeschichtliche Abriss der Girlhood-Ästhetik: wie eine bestimmte weibliche Melancholie von Sofia-Coppola-Fanblogs auf Tumblr über Instagram-Accounts zu viralen TikToks wandert und dabei immer zugänglicher und gleichzeitig immer inhaltsleerer wird. Es gibt kaum ein deutsches Buch, das Phänomene wie Clean Girls, Tradwives und Körperkult-Zyklen so bündig und lesbar zusammenfasst.

Wo es aufhört

Ein erster Widerspruch sitzt tief im Buch selbst. Passmann schreibt, die Meinung der anderen sei ihr „völlig egal geworden“, während das gesamte Buch belegt, wie sehr sie sie beschäftigt. Sie beschreibt sich als eine Person, die nicht über ihr Aussehen nachdenke und schildert kurz darauf minutiös ihren Botox-Termin. Im Schlusskapitel schreibt sie über das Unbehagen, eine Frau im öffentlichen Leben zu sein und sitzt dabei mitten in dem Lifestyle, den das Buch die ganze Zeit analysiert und kritisiert. Das könnte ein produktiver Widerspruch sein. Stattdessen sitzt Passmann, Cold Brew in der Hand, Leica um den Hals, im Hotel in West Hollywood, und schreibt darüber, als wäre es ihr nicht aufgefallen.

Dazu kommt eine Frage, die das Buch konsequent umgeht. Das Eröffnungskapitel heißt „Du im Internet“ und ist in der zweiten Person geschrieben, als wäre das hier unsere Geschichte. Aber was Passmann als universelle Erfahrung beschreibt, ist die Erfahrung einer Frau, die auf Instagram beobachtet wird, die ihre Außenwahrnehmung strategisch managen muss, deren Selfie tatsächlich politisch gelesen wird. Das ist ein fundamentaler Unterschied zur Frau, die Instagram zum Zeitvertreib nutzt oder zur Studentin, die Social Media in erster Linie konsumiert. Das Buch ist aus der Perspektive einer gut situierten, weißen, in Berlin lebenden Frau mit großer Reichweite geschrieben. Das ist keine Kritik, nur der Ausgangspunkt. Aber er bedeutet, dass bestimmte Stimmen fehlen. Wer überhaupt hat das Privileg, über sein Verhältnis zum Internet nachzudenken?

Auch die Struktur des Buches arbeitet gegen dessen Anspruch. Das folgende Kapitel heißt „Ich im Internet“ und ist drei Seiten kürzer und damit nur halb so lang. Das Persönlichste bekommt den wenigsten Raum. Der Mittelteil leidet außerdem unter einer Ungleichmäßigkeit in Länge und Dichte. Das Tradwives-Kapitel liest sich wie ein eigenständiges Buch. Das Gilmore-Girls-Kapitel verbringt mehrere Seiten mit Handlungszusammenfassungen, bevor es den Essayismus findet. Das Ozempic-Kapitel ist präzise und knapp. Diese Ungleichheit verhindert, dass aus den einzelnen Kapiteln ein Argument wird.

Mehr Fragen als Vorher

Das Buch arbeitet mit typografisch hervorgehobenen Fragenlisten. Dutzende von Fragen, groß gedruckt, am Ende von Kapiteln. „WIESO muss ich das Cover eines Buches sofort posten, sobald ich es gekauft/gelesen habe?“ und so weiter. Die Logik leuchtet ein. Das endlose Kreisen ohne Antwort imitiert das Nachdenken, das nie zu Ende kommt. Aber keine einzige Frage wird im weiteren Verlauf des Buches aufgegriffen. Sie sind ausschließlich Schlussakkorde von Kapiteln. Das wäre eine mutige formale Entscheidung. Nur deutet das Buch nirgends an, dass das Offenlassen Absicht ist. Und so lesen sich die Fragelisten nicht als Statement über die Unabgeschlossenheit weiblicher Selbstreflexion, sondern als Abbruch.

Dasselbe gilt für die stärksten Momente des Buches. Im Ozempic-Kapitel zitiert Passmann die Feministin Naomi Wolf: „Eine Kultur, die sich auf die Dünnheit von Frauen konzentriert, ist nicht besessen von weiblicher Schönheit, sondern von weiblichem Gehorsam.“ Das ist ein starkes Argument. Was bedeutet das für Ozempic? Für Remi Bader? Für die Frauen, die Semaglutid verschrieben bekommen? Ist es die Demokratisierung des Gehorsams? Das Buch wechselt das Thema. 

Im Botox-Kapitel entwickelt sie eine originelle Unterscheidung zwischen romantisierbarer Selfcare und dem unromantisierbaren medizinischen Eingriff und lässt sie dann unter Fragelisten verschwinden. Das Buch endet mit dem Satz: „Ich kann jede Version sein, die ihr von mir sehen wollt.“ Ist das Resignation? Freiheit? Ironie? Joan Didion schrieb, sie schreibe, um herauszufinden, was sie denkt. Das ist die Methode des Essays: Der Gedanke entsteht durch das Schreiben. Passmann beschreibt präzise, aber der Gedanke, der durch das Beschreiben entstehen müsste, entsteht nicht. Ein Phänomen wird beschrieben, ein Gedanke setzt an und dann bricht das Buch ab, statt weiterzugehen. Es könnte sein, dass das Absicht ist, dass ein Buch über das erschöpfende Kreisen im Internet selbst erschöpfend kreisen soll. Aber dann müsste das Buch das irgendwo markieren. Ohne diese Markierung ist das Kreisen keine Methode, sondern ein unfertig gebliebener Gedanke. Das ist der Verlust dieses Buches.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Buch handwerklich unfertig wirkt. Eigennamen werden wiederholt falsch geschrieben, Adjektive passen grammatisch nicht zu ihren Bezugswörtern, das Tempus wechselt innerhalb von Absätzen ohne erkennbare Regel. Ein Buch, das intellektuelle Sorgfalt einfordert und sie selbst nicht aufbringt, verliert das Vertrauen der Leser:innen.

Für wen?

Am Ende ist „Wie kann sie nur?“ kein schlechtes Buch. Es ist ein Buch, das nicht fertig ist. Für Frauen, die Passmanns Position kennen oder teilen, ist es sehr gut. Für alle, die Girlhood, Clean Girls, Tradwives und Selbstoptimierungslogiken des Internets erstmals eingeordnet haben möchten, ist es eine zugängliche Einführung. Für jemanden, der einen Gedanken wirklich zu Ende denken will, nicht. Das Buch hätte länger gebraucht, um zu werden, was es sein könnte. Aber sein eigenes Thema – ein Internet, das sich täglich neu erfindet – lässt diese Zeit nicht zu. Das ist vielleicht der ehrlichste Satz, den man über „Wie kann sie nur?“ sagen kann: Es ist selbst das Symptom des Phänomens, das es beschreibt.

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

Cora Liebscher

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

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