Bei der Manifesta 16 Ruhr werden Nachkriegskirchen im Ruhrgebiet zum Schauplatz von Kunst und Gemeinschaft. [Foto: Anna Olivia Böke]
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Kostenlose Kunst in Kirchen? – Hintergründe und Programmüberblick der Manifesta Ruhr 16

29. Juni 2026

Vom 21. Juni bis zum 4. Oktober 2026 wird das Ruhrgebiet zum Schauplatz einer der bedeutendsten europäischen Kunstbiennalen. Die Manifesta 16 Ruhr nutzt entweihte Kirchen in Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Duisburg und verbindet zeitgenössische Kunst mit Fragen nach Stadtentwicklung, Erinnerungskultur und gesellschaftlichem Zusammenleben. 

Die Manifesta ist eine europäische Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst, die seit 1996 alle zwei Jahre an einem anderen Ort stattfindet. Anders als klassische Kunstausstellungen versteht sie sich nicht nur als Präsentationsplattform für internationale Künstler:innen: jede Ausgabe beschäftigt sich intensiv mit den Besonderheiten ihrer Gastgeberregion und entwickelt ihr Programm gemeinsam mit lokalen Akteur:innen. Kunst wird dabei als Ausgangspunkt genutzt, um gesellschaftliche, politische und städtebauliche Fragen sichtbar zu machen.

Frühere Ausgaben fanden unter anderem in Rotterdam, Palermo, Marseille, Pristina und Barcelona statt. Jede Stadt prägte die Biennale auf ihre eigene Weise: mal standen Migration, mal der öffentliche Raum oder ökologische Transformation im Mittelpunkt. Im Ruhrgebiet richtet sich der Blick nun auf Gebäude, die viele Menschen seit Jahrzehnten kennen, deren Zukunft jedoch zunehmend ungewiss ist: Nachkriegskirchen.

Über einen Zeitraum von 100 Tagen verwandelt die Manifesta zwölf ehemalige oder untergenutzte Kirchen im Ruhrgebiet. Das Programm reicht von Installationen und Ausstellungen über Performances und Konzerte bis hin zu Workshops, Gesprächen und Angeboten für Familien. Viele Arbeiten entstehen eigens für die jeweiligen Orte und setzen sich mit ihrer Geschichte, Architektur und den Menschen im Stadtteil auseinander.

Warum Kirchen? 

Die Wahl der Spielorte ist kein Zufall. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden im Ruhrgebiet zahlreiche neue Kirchen. Heute hat sich ihre Rolle grundlegend verändert. Sinkende Mitgliederzahlen der Kirchen und gesellschaftlicher Wandel führen dazu, dass immer mehr von ihnen geschlossen oder nur noch selten genutzt werden. Manche stehen leer, andere werden sogar abgerissen. Damit verschwinden nicht nur markante Bauwerke, sondern häufig auch Orte, die über Jahrzehnte das soziale Leben eines Viertels geprägt haben.

Genau an diesem Punkt setzt die Manifesta 16 an. Statt die ehemaligen Kirchen ausschließlich als religiöse Bauwerke zu betrachten, fragt sie nach ihren Möglichkeiten als öffentliche Räume: Wie können diese Gebäude künftig genutzt werden? Welche Rolle können sie für Nachbarschaften spielen und wie lassen sich Geschichte und Gegenwart miteinander verbinden?

Die Biennale beantwortet diese Fragen nicht allein durch Kunstwerke. Viele Projekte entstehen gemeinsam mit Initiativen, Vereinen und Anwohner:innen aus dem Ruhrgebiet. Bereits im Vorfeld wurden Bürger:innendialoge organisiert um Ideen aus den jeweiligen Stadtteilen in das Programm einfließen zu lassen. Ergänzt wird das Hauptprogramm durch das „Manifesta 16 Ruhr+“-Programm, bei dem ausgewählte Projekte in weiteren Städten der Region ehemalige Kirchen und andere Orte mit neuen kulturellen und sozialen Nutzungen beleben.

Das Programm im Überblick

Welche Ausstellungen, Performances und Veranstaltungen während der 100 Tage besonders spannend sind, zeigt der folgende Überblick. Da einige davon an unterschiedlichen Terminen stattfinden und es ein sehr umfangreiches Programm gibt, findet ihr alle Zeiten und Veranstaltungen hier.

  1. Sacred Kitchen – Ukrainischer Kochabend mit künstlerischen Interventionen (Gemeindezentrum Fulerum, Essen)

Der Workshop „Sacred Kitchen“ lädt Teilnehmer:innen zu einem gemeinsamen ukrainischen Kochabend ein, bei dem Essen, Erinnerung und künstlerische Praxis miteinander verbunden werden. Gemeinsam mit der Gastkünstlerin Julia Priss und Beate Gärtner wird ein Abend gestaltet, an dem Rezepte nicht nur zubereitet, sondern auch geteilt und weitergegeben werden.

  1. Open Walks – Die Biennale gemeinsam entdecken (Kulturkirche Liebfrauen, Duisburg)

Um das Ganze noch gemeinschaftlicher zu gestalten, kann man bei den Open Walks das Kulturprogramm gemeinsam entdecken. In kleinen Gruppen und mit Kulturvermittler:innen sollen Gespräche über Kunst, Nachbarschaften und die Rolle ehemaliger Kirchen im Ruhrgebiet entstehen. Das Angebot ist vor allem für Einzelpersonen, die sich austauschen wollen.

  1. OFFLINE File Swopping x Bottle Swopping (Sozial-Ökologisches Zentrum / ehem. Markuskirche, Dortmund)

Was passiert, wenn man digitale Inhalte ganz ohne Internet teilt? Bei diesem interaktiven Format tauschen Besucher:innen Fotos, Musik, Videos oder andere Dateien direkt von Smartphone zu Smartphone aus und schaffen so einen gemeinsamen „Offline-Kosmos“. Gleichzeitig lädt die Veranstaltung dazu ein, zwei Flaschen des eigenen Lieblingsgetränks mitzubringen und mit anderen Gästen zu tauschen. Es ist eine unkomplizierte Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und neue Menschen kennenzulernen.

  1. Heilige Spucke / Święta Ślina – Performances in unbinäre Zustände (Gethsemane-Kirche, Bochum)

Ein performativer Abend, der sich zwischen Drag, queerer Nachtkultur und Performancekunst bewegt. In einer Reihe von Kurzperformances wird das „Schlonksen“ als künstlerische Praxis erprobt und weitergedacht. Im Zentrum stehen sogenannte unbinäre Zustände, die gewohnte Vorstellungen von Geschlecht, Sprach und Zugehörigkeit herausfordern.

  1. Weberei Kai – „Weben mit Männern“ (Thomaskirche – Hava Güleç Wohnzimmer, Gelsenkirchen)

„Weben mit Männern“ in der Thomaskirche in Gelsenkirchen richtet sich gezielt an Männer, die das Handwerk des Webens kennenlernen oder vertiefen möchten. Hintergrund des Angebots ist die Beobachtung, dass bislang ein Großteil der Kursteilnehmer:innen der Weberei Kai weiblich ist, während Männer nur selten an den Kursen teilnehmen, obwohl die wenigen, die dabei sind, häufig begeistert weiterweben.

  1. Social BallerZ – „HoopChurch“ Basketball in der St.-Josef-Kirche (Gelsenkirchen)

Mit „HoopChurch“ verwandelt der Verein Social BallerZ e.V. die ehemalige St.-Josef-Kirche in Gelsenkirchen regelmäßig in einen offenen Basketballraum. Das Projekt lädt Besucher:innen unabhängig von Erfahrung oder sportlichem Niveau dazu ein, gemeinsam Basketball zu spielen und sich auszuprobieren.

  1. Off Script – Schreibworkshop mit Orli Yomi (Bahnhof Langendreer, Bochum)

Im Workshop „Off Script“ lädt die Lyrikerin Orli Yomi Teilnehmer:innen dazu ein, mit Sprache, Erinnerungen und Bildern zu arbeiten. Ausgehend von mitgebrachten Songtexten, Gedichten oder Fotos entstehen kurze Texte und Collagen, die persönliche und gemeinsame Geschichten sichtbar machen. Im Zentrum steht das Schreiben zwischen verschiedenen Sprachen, Kulturen und Lebensrealitäten. 

  1. Go(o)d Kitchen – Gemeinsam Bauen und Kochen (Tafelkirche Heilige Familie, Oberhausen)

In Koch-Workshops bereiten Teilnehmer:innen gemeinsam Mahlzeiten aus Lebensmitteln der Tafel zu. Dabei treffen unterschiedliche Küchentraditionen aus dem Ruhrgebiet und migrantische Küchen aufeinander. Parallel entstehen in Bau-Workshops einfache Möbel und Strukturen, die direkt im Alltag der Tafelkirche genutzt werden können. So wird der Raum gemeinsam gestaltet und als sozialer Ort weiterentwickelt, an dem Menschen aus dem Quartier zusammenkommen, essen und sich austauschen.