Bis Anfang Januar ist die Ausstellung über William Kentridge zu erleben. Anschließend startet das Programm des neuen Jahres. [Foto: Cora Liebscher]
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Werke, Wege, Weltblicke: Das Programm des Museum Folkwang 2026

17. Dezember 2025

Es sind Lebenswege, die das kommende Ausstellungsjahr im Museum Folkwang zusammenhalten. Das Programm erzählt von Künstler:innen, die gesellschaftliche Grenzen verschoben, von einem Museumsgründer, der seinen Blick weit über Europa hinaus richtete, und von einem Haus, das sich selbst neu ausrichtet und künftig vollständig mit erneuerbaren Energien arbeitet.

Courbet – Ein Künstler, der bis heute irritiert 

Den Höhepunkt des kommenden Jahres bildet die große Retrospektive „Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“ (17. Juli – 08. November 2026). Mit rund 90 Gemälden in zehn Räumen, darunter einige Hauptwerke und Leihgaben aus internationalen Museen und privaten Sammlungen, präsentiert sie einen Künstler, der das französische 19. Jahrhundert gegen den Strich bürstete: Courbet malte Arbeiter, Bäuerinnen und Fischer mit einer Wucht und Unmittelbarkeit, die damals als Affront gegen die akademische Kunst galt. Seine berühmten Selbstbildnisse, die Landschaften des französischen Jura Gebirges, jene Meeresbilder, in denen Courbet mit Spachtel und dicken Farbschichten experimentierte und die monumentalen Alltagsbilder wie das „Ein Begräbnis in Ornans“ zeigen einen Maler, der dem Gewöhnlichen auf fast kämpferische Weise Bedeutung verlieh. Besonders „La Vague“ (Die Woge), ein Schlüsselwerk der Essener Sammlung, zeigt, wie sich Courbets pastose Oberflächen in der Nahsicht fast auflösen – ein Effekt, der Künstler wie Cézanne später stark beeinflusste.

Gustave Courbet. La vague, 1870. Öl auf Leinwand, 45 x 59 cm. [Foto: Museum Folkwang, Essen]

Für besondere Aufmerksamkeit sorgt, dass „L’Origine du monde“ (Der Ursprung der Welt) von 1866 aus dem Musée d’Orsay nach Essen ausgeliehen wird – ein Bild, das seit seiner Schaffung provoziert und bis heute Debatten über Sexualität, Macht, Darstellung und Scham auslöst. Die anatomisch präzise Darstellung eines weiblichen Geschlechtsorgans war damals ein Frontalangriff auf jede bürgerliche Moral und „provoziert bis heute“, so Museumsdirektor Peter Gorschlüter. Zuletzt war das Gemälde Ziel einer feministischen Aktion, bei der es im Mai 2024 während einer Ausstellung im Centre Pompidou in Metz mit den Worten „MeToo“ in roter Schrift versehen wurde. Entsprechend hoch sind die Sicherheitsvorkehrungen.

Gustave Courbet. L’Origine du monde, 1866. Oil on canvas, 46.3 x 55.4 cm. Paris, Musée d’Orsay. [Foto: bpk / GrandPalaisRmn / Hervé Lewandowski]

Dass mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und dem österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen drei Staatsoberhäupter die Schirmherrschaft übernehmen, zeigt die diplomatische Strahlkraft des Projekts, das gemeinsam mit dem Wiener Leopold Museum realisiert wird. Die Ausstellung verspricht den „puren Courbet“. Ob kommentierende zeitgenössische Bezüge integriert werden, ist noch offen; im begleitenden Katalog sollen jedoch neue Forschungsergebnisse vorgestellt werden.

„Nach Damaskus …“ – Der globale Ursprung des Folkwang-Gedankens

Eine zweite große Ausstellung richtet den Blick auf die Sammlungsgeschichte des Museums selbst: „Nach Damaskus … Karl Ernst Osthaus und die islamischen Künste“ (6. November 2026 – 21. November 2027). Kuratorin Nadine Engel rekonstruiert die frühere „Islamische Abteilung“, die Museumsgründer Karl Ernst Osthaus ab 1898 auf Reisen durch Nordafrika und Westasien zusammentrug – weit entfernt von den europäischen Kunstzentren, in denen damals entschieden wurde, was als „Kunst“ galt. Jetzt werden diese Objekte erstmals in diesem Umfang öffentlich gezeigt, begleitet von einem systematischen Provenienzprojekt.

Eines seiner ersten Stücke, ein fein gearbeitetes Grabtuch, erwarb Osthaus 1898 bei einem Händler in Tunesien. Es markiert den Beginn einer Sammlung, die später zu den frühesten und ungewöhnlichsten ihrer Art in Deutschland zählen sollte. Die Ausstellung folgt seinen historischen Routen, integriert die zwischen 1898 und 1920 erworbenen Bestände und zeigt, wie aus einzelnen Begegnungen eine bedeutende Werkgruppe entstand, deren Faszination – Farben, Ornamente, Materialien – sich dem Publikum bis heute unmittelbar erschließt.

links: Fliesenpaneel. 1475 – 1500, Spanien, Sevilla. Quarzfritte oder Irdenware, Glasurfarben, Cuerda-seca- und Cuenca-Technik, 91,5 x 63,5 cm. Museum Folkwang, Essen. [Foto: Museum Folkwang]

rechts: Grabtuch Fragment. 18.–19. Jh., Osmanisches Reich. Seide, Lampas-Technik,  45 x 34 cm. Museum Folkwang, Essen. [Foto: Museum Folkwang]

Für den Zeitraum der Ausstellung werden auch Objekte nach Essen zurückgeholt, die später in andere Sammlungen gelangten, etwa das Damaskuszimmer aus Dresden. Ungefähr 300 Stücke, darunter glänzende Keramiken, farbprächtige Textilien, kostbare Manuskripte wie ein Šāhnāma, sowie ein bedeutendes Konvolut ibero-islamischer Fliesen werden gezeigt.

Die Ausstellung zeichnet nicht nur die Entwicklungsgeschichte einer der frühesten islamischen Sammlungen in Deutschland nach, sondern hinterfragt bewusst die eurozentristischen Perspektiven, aus denen sie einst entstand. Mit Beiträgen zweier zeitgenössischer Künstler:innen aus der SWANA-Region und mit expliziter Thematisierung weiblicher und politischer Perspektiven möchte sie historische Blickachsen öffnen und die Sammlung in ihren globalen und kolonialen Kontexten verorten.

So entsteht ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der den ursprünglichen Folkwang-Gedanken neu beleuchtet: jener Idee, dass der Austausch der Kulturen Kunst, Gestaltung und Architektur prägen kann, damals wie heute.

Germaine Krull – Eine Avantgardistin in Bewegung

Die Fotografische Sammlung beginnt das Jahr mit der fortwährenden Ausstellung „Germaine Krull: Chien Fou“ (28. November 2025 – 15. März 2026). Krull, deren Nachlass sich seit 1995 im Museum befindet, gehört zu den prägenden Fotografinnen der Avantgarde. Die Ausstellung, entstanden in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen und gefördert von der Kunststiftung NRW, öffnet erstmals den Blick auf den gesamten Nachlass, einschließlich ihres umfangreichen publizistischen Œuvres. Krull, stilprägend für die moderne Fotografie der 1920er und 1930er Jahre, führte ein außergewöhnlich bewegtes Leben: Früh politisch aktiv, engagierte sie sich in den revolutionären Bewegungen der Stadt München und wurde 1919 im Zuge der Niederschlagung der Münchner Räterepublik mehrfach verhaftet. Nach ihrer Ausweisung aus Bayern ging sie nach Russland, wo sie erneut kurzzeitig inhaftiert wurde und das Land unter Druck der sowjetischen Behörden verlassen musste. 

Es folgten Jahre zwischen Berlin, Paris und Amsterdam, in denen sie zu einer der wichtigsten Stimmen der Neuen Vision wurde. Mit dem Fotobuch Métal (1928) schuf sie einen Klassiker der Moderne. In den 1930er und 1940er Jahren arbeitete sie als Reportage- und Kriegsfotografin, zunächst für antifaschistische Publikationen, später für die Forces Françaises Libres und das Rote Kreuz in Afrika und Südostasien. Nach dem Krieg führte sie ein Hotel in Bangkok und wandte sich zunehmend dem Buddhismus zu. Die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte sie zurückgezogen in Indien, bevor sie 1985 in Wetzlar starb. All das waren Erfahrungen, die ihre Bildsprache immer wieder veränderten. Die Ausstellung verfolgt diesen Weg und ergänzt ihn durch Arbeiten von Studierenden, die unter dem Titel „Germaine Krull lesen“ neue Zugänge zu ihrem Werk entwickeln. Eine begleitende MACK Books-Publikation erscheint auf Deutsch, Englisch und Französisch.

Germaine Krull mit Contax, um 1932. Silbergelatineabzug, 11,5 x 14,5 cm. [Foto: Nachlass Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen]

„L is for Look“ – Eine andere Geschichte der Kindheit

Im Frühjahr folgt „L is for Look“ (27. Februar – 07. Juni 2026), eine internationale Wanderausstellung über Kinder- und Jugendfotobüchern der vergangenen hundert Jahre. Sie interessiert sich dafür, wie sehr sich pädagogische Vorstellungen, visuelle Kultur und die gesellschaftliche Stellung des Kindes in der westlichen Welt verändert über die letzten 100 Jahre haben und warum Fotobücher in Zeiten digitaler Überreizung fast wieder wie taktile Gegenstände aus einer anderen Epoche wirken.

links: Emmanuel Sougez. Alphabet, 1932. Fotobuch-Seite. Verlag Antoine Roche, Paris. Alle Rechte vorbehalten

rechts: Tomi Ungerer. Clic clac ou qu’est-ce que c’est ?. 1989, L’École des loisirs, Paris. Fotobuch-Seite. Alle Rechte vorbehalten [Foto: 1989 Diogenes Verlag AG Zürich, Schweiz / Tomi Ungerer Estate]

Franke/Jäger – Wenn Fotografie zur Konstruktion wird

Zum Jahresende öffnet das Museum mit „Herbert W. Franke / Gottfried Jäger. Kunst und Konstruktion“ (16. Oktober 2026 bis 10. Januar 2027) den Blick auf die experimentelle Fotografie der Nachkriegszeit. Die Schau bringt den Physiker, Science-Fiction-Autor und Computerkunst-Pionier Herbert W. Franke mit dem Fotokünstler Gottfried Jäger zusammen, der den fotografischen Apparat selbst zum Gegenstand seiner Arbeit machte. Ausgangspunkt ist Jägers Begegnung mit Frankes Buch Kunst und Konstruktion von 1958 – ein Moment, aus dem sich ein jahrzehntelanger Dialog über Abstraktion, technische Verfahren und die Entgrenzung der Fotografie entwickelte. Die Ausstellung zeigt diesen Austausch in Bildern, Experimenten und Denkmodellen und macht sichtbar, wie Fotografie an der Schwelle zur Gegenstandslosigkeit plötzlich zu einem Labor der Moderne wurde.

beide: Herbert W. Franke. Tanz der Elektronen, 1958/59. Silbergelatine-Abzug. [Foto: Stiftung Herbert W. Franke]

Vom Sammlungsort zum sozialen Ort

Das kommende Jahr im Museum Folkwang erscheint damit weniger als Abfolge einzelner Ausstellungen denn als Geflecht von Wegen: künstlerischen, biografischen und globalen. Dass das Haus gleichzeitig mit einer Reihe weiterer Programme Akzente setzt – darunter ein Konzert im Rahmen der Pina-Bausch-Professur an der Folkwang Universität der Künste, möglicherweise ergänzt durch eine Präsentation der Studierenden – zeigt, wie offen das Museum derzeit in die Stadt und in die Zukunft hinein arbeitet. Auch das gehört zum Profil des Hauses – die Verbindung zu Ausbildung, Szene und Öffentlichkeit.

250.000 Besucherinnen und Besucher kamen 2025 ins Museum Folkwang. 2026 dürften es kaum weniger werden. „Es ist ein Privileg, im Museum Folkwang arbeiten zu dürfen“, so der Museumsdirektor zu Beginn der Jahrespressekonferenz. Und das kommende Programm zeigt, warum. 2026 wird zu einem Jahr, in dem das Museum Folkwang seine Rolle neu definiert: als Ort, an dem Wege zusammenlaufen und Kunstgeschichte nicht bewahrt, sondern weitergeschrieben wird.

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

Cora Liebscher

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

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