Die sportliche Leistung ist dieselbe, doch die Wertschätzung eine andere. [Foto: pixabay]
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Was schulden wir Profi-Athletinnen?

16. Dezember 2025

Ausgelöst durch den (vermutlich) bevorstehenden WNBA-Streik kam ich nicht umhin, mir die Eingangsfrage zu stellen: Was schulden wir Profi-Athletinnen, die im gesellschaftlich verstandenen „Männersport” vertreten sind? Sie erbringen dieselbe sportliche Leistung wie ihre männlichen Kollegen, allerdings ist nicht nur die Wertschätzung eine andere, sondern auch der finanzielle Verdienst. 

Ein Kommentar von Evangeline Asieduaa

Als die Deutschen zur diesjährigen Fußball-Europameisterschaft in die Schweiz reisten, um ihre Zweitplatzierung aus 2022 zu verbessern, herrschte gähnende Leere sowohl auf den deutschen Straßen als auch in den Kneipen und Bars. Anstelle einer Deutschlandflagge, die die Innenseite eines Wohnzimmerfensters verzierte, oder grölender Fans, die beim Public Viewing den Fernseher mit „Einer geht noch, einer geht noch rein!“ animierten, lag eine gewisse Normalität in der Luft. Die Kneipen blieben ruhig und die Deutschlandflagge landete wieder im hintersten Kanton im Keller, bis das nächste internationale Sportereignis die häusliche Verzierung mit der Symbolik des deutschen Nationalstolzes rechtfertigen konnte. Obwohl der Frauensport hierzulande und auch in den USA an Popularität gewinnt, ist die breite Bevölkerung nicht an ihr interessiert. Damit ist die Eingangsfrage obsolet oder nicht? Denn die Spielregeln des Kapitalismus sind glasklar: Kapital gilt es (auf jede erdenkliche Weise) zu akkumulieren! Können Profi-Athletinnen keine, beziehungsweise keine ausreichende Nachfrage generieren, sinkt nicht nur ihr Gebrauchswert für Sportligen, sondern auch für den Markt. Ergo: Die Ware muss dem Markt entzogen oder der Wert der Athletinnen muss neu verhandelt und dadurch kostengünstiger werden. Anders gesagt: Fußballspielerinnen verdienen genau das, was sie wert sind. Mehr schulden wir ihnen nicht! Dass dies zu kurz gedacht ist, ist hoffentlich jeder:jedem klar. Schließlich vernachlässigt diese Denkweise historische Ereignisse, die bis heute maßgeblich für die Missstände im Frauenfußball sind. 

Alles auf Anfang 

Obwohl die Clubs der Frauen-Bundesliga in den letzten zehn Jahren keine bis kaum Erfolge im Kampf um die europäische Königsklasse erzielen konnten, gilt die deutsche Fußball-Liga als eine der Top-Anlaufstellen für internationale Spielerinnen. Mit sechs vereinten Champions-League-Titeln steht die Bundesliga als Rekordsieger unter den nationalen Fußball-Ligen dar. Von Korkenknallen wurde der Frauenfußball lange Zeit aber abgehalten: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sprach 1955 ein Fußballverbot für alle westdeutschen Frauen aus, was die Vereine für die nächsten 15 Jahre dazu zwang, Frauen auszuschließen. Die Entscheidung des DFB wurde mit der Geschlechterdifferenz, die zwischen Mann und Frau herrsche, begründet: Fußball sei eine „Kampfsportart, [die] der Natur des Weibes im wesentlichen fremd ist“. Sie argumentieren weiter, dass „im Kampf um den Ball die weibliche Anmut schwindet und Körper und Seele unweigerlichen Schaden erleiden“. Durch diskursiv erschaffene Denkmuster wurden dem schönen und schwachen Geschlecht nicht-wissenschaftlich fundierte Vorurteile zugeschrieben, die sich bis in die gegenwärtige Zeit verfestigt haben und folglich den ersten Grundstein für die mangelnde Akzeptanz und Seriosität legten, die der Sport erfährt.

Innerhalb des geteilten deutschen Territoriums entwickelte sich eine differenzierte Ansicht zur Frage der gesellschaftlichen Position der Ost- bzw. Westfrau. Insofern ist es in der Nachbetrachtung nicht verwunderlich, dass der Westen ein offizielles Fußballverbot für Frauen verhängte, während er im Osten weitestgehend erlaubt wurde. In der Nachkriegszeit setzte Westdeutschland auf Aufbauhilfen wie den Marshall-Plan, um die Trümmer des Krieges zu beseitigen, und setzte damit dem Fortbestehen einer erwerbstätigen westdeutschen Frau à la Rosie the Riveter einen regelrechten Riegel vor. Stattdessen sollte die Westfrau ihren rechtmäßigen Platz im Haus und an der Seite ihres Ehemanns einnehmen, während die Ostfrau durch die sozialistische Ideologie der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ermächtigt wurde, Vollzeit zu arbeiten und ökonomische Selbstständigkeit zu erlangen. 

Bereits 1868 kam Karl Marx zu folgender Auffassung: „Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die Hässlichen eingeschlossen).“ Die 70er-Jahre markierten das offizielle Ende des verhängten Fußballverbotes für Frauen und brachten nie dagewesene kulturelle und gesellschaftliche Umbrüche für die Frau mit sich. Gleichzeitig waren sie geprägt von emanzipatorischen Kämpfen der Frauenbewegungen, die bis an die Verfassung angepasst wurden. So brachte das Jahr 1974 gleich zwei enorme Gewinne mit sich: Der §218 wurde überarbeitet, sodass Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche für straffrei erklärt wurden. Gleichzeitig wurde die außereheliche Vergewaltigung kriminalisiert, wenn auch der ungewollte eheliche Beischlaf weiterhin zur (ehelichen) Pflicht der Frau erklärt wurde. Nichtsdestotrotz war erkennbar, dass die sprachliche Veränderung allmählich zu empirischen Veränderungen für Frauen führen sollte. Ein Jahr vor der Wiedervereinigung zelebrierte die Nationalmannschaft ihr erstes EM-Sommermärchen und ergriff damit die Euphorie des Westens, sodass nur ein Jahr später die Bundesliga der Frauen ihr offizielles Debüt machte. Nun stand dem Anpfiff der Frauenliga nichts mehr im Wege. 

Der Frauenfußball zwischen Kommerzialisierung, Professionalisierung und mangelndem Respekt 

Nach jahrzehntelangem Ringen im Kampf um Gleichheit mussten die Spielerinnen früh erkennen, dass Gleichheit nicht mit Gleichverteilung einhergeht. Denn die ersten elf+ Jahre der Frauen-Bundesliga waren Ausdruck mangelnder Investition und Aufmerksamkeit die den Athletinnen entgegengebracht wurden. Für eine nicht-etablierte Sportliga, die in einem Konkurrenzverhältnis zu jahrzehntelang etablierten Sportligen stand, zeigt die  Anfangsphase der Bundesliga, wie man neue Unternehmen auf einem konkurrenzorientierten Markt nicht integrieren sollte.Erst die späten 2010er-Jahre sollten für einen Umbruch sorgen: Lizenzvereine wie der FC Bayern München und der VfL Wolfsburg vollzogen einen Perspektivwechsel und investierten und professionalisierten ihre Vereine zunehmend. Man mag es kaum glauben, allerdings waren die heute dreifachen Champions-League-Gewinnerinnen des FC Barcelonas Feminí vor 2015 eine reine Amateurgruppe. Erst die zunehmende Investition machte sie zu dem, was sie heute sind: eines der gefürchtetsten Teams in der Königsklasse und zugleich das prominenteste im (Frauen-)Fußball. 

Im Interview mit mir spricht Greta Linde, als treue Ruhrpott-Fußballliebhaberin und Sportjournalistin für das Fußballmagazin „11Freunde“, dies der natürlichen Entwicklung des Frauenfußballs zu: „Ich glaube, das hat man nicht aus Boshaftigkeit getan, sondern weil man gewissermaßen nicht darüber nachgedacht hat, da rein zu investieren. Einfach weil es in dem Sinne kein riesiger Markt war.“ Ein Nebenprodukt der zunehmenden Investition ist die Kommerzialisierung der Spielerinnen. Man findet sie in Sportkampagnen von Markengrößen wie Adidas, Nike und Pepsi, auf Panini-Karten, in Videospielen oder auch auf der Bühne der größten Preisverleihung des Sportes, dem Ballon d’Or. Längst sind die Namen von Spielerinnen wie Alexia Putellas, Leah Williamson und Aitana Bonmatí nicht nur Fans des Frauenfußballs bekannt. Inzwischen sind sie keine namenlosen Geschöpfe mehr, die die Vereine unter dem Vorwand eines Gleichheitsanspruches als Aushängeschilder zur Schau stellen können, nur um sie anschließend auf schäbigen Trainingsplätzen verbergen zu können. Heute sind sie die direkten Repräsentantinnen der Megaclubs. 

Doch auch der medialen Arena fällt der Umgang mit dem Frauenfußball schwer. So berichtet mir Greta vom stiefmütterlichen Umgang mit der diesjährigen Europameisterschaft von einem der führenden Fußballmagazine Deutschlands, dem „kicker”.  „Kurz bevor die Spiele stattgefunden haben, erschienen auf der Titelseite des ‚kicker‘ Infos zum Transfer-Ticker der Bundesliga der Männer. Man musste oben auf den Reiter „Frauen“ klicken, dann auf „EM“, dann auf „Spielplan“ und dann auch noch ganz nach unten scrollen. Erst dort wurden den Leser:innen alle Infos rund um das Frankreich-gegen-England-Spiel angezeigt. „Bei den Spielen der Deutschen“, erinnert sie sich, „war es anders.“ Dennoch zierte eine halbe Stunde vor Spielbeginn eine Sportart die Startseite, die nichts mit Fußball zu tun hatte. „Das wäre halt niemals passiert, wenn es sich um ein Männerturnier gehandelt hätte“, ist sich die Journalistin sicher. Dennoch verliert Greta die Zuschauerzahlen nicht aus den Augen. Sie erkennt an, dass Sportarten wie die Tour de France aller Voraussicht nach im Vergleich zur diesjährigen EM mehr Nachfrage generiert haben. Vielmehr bemängelt sie den mangelnden Respekt, den der Sportjournalismus dem Frauenfußball entgegenbringt. „Es wird nicht gleichermaßen mitgedacht, denn oftmals sind die Sportredaktionen sehr homogen besetzt. Sie sind hauptsächlich weiß und männlich und das sind halt Leute, die sich hauptsächlich für ihren Fußball interessieren, den Männerfußball.“

Diese Unwissenheit macht sich auch im Storytelling des Frauenfußballs bemerkbar. Anstatt die Zuschauer:innen durch Erzählungen von interessanten Stories rund um den Frauenfußball an das Produkt zu binden, werden ihnen entweder willkürliche Statistiken präsentiert, die die Foulverhältnisse der Frauen mit den der Männer vergleichen, oder die Thematik rund um Equal Pay wird thematisiert. Stattdessen weist mich Greta darauf hin, dass die Spielerinnen sich in erster Linie ein „Equal Play” wünschen. Einerseits fordern sie dieselben Trainingsbedingungen, d. h. faire Trainingszeiten, gute Trainingsplätze, gute Athletiktrainer:innen und eine professionelle Ausstattung, andererseits fordern sie, von ihrer erbrachten Arbeitsleistung leben zu können, ohne vor oder nach dem Training ihren eigentlichen Jobs nachgehen zu müssen. Dieser Ansicht stimmt auch die 25-jährige Stürmerin des Vereins Eintracht Frankfurt, Nicole Anyomi, zu. Im Alter von nur 16 Jahren feierte sie ihr Debüt in der Bundesliga. Damals noch mit dem SGS Essen. Seit 2020 gehört sie dem Kader der deutschen Nationalmannschaft an. Als Vizemeisterin der vorletzten EM und Gewinnerin der Olympischen Bronzemedaille hat sie in ihrer jungen Karriere einiges miterleben dürfen. Auf ihre Zeit beim SGS Essen schaut sie mit gemischten Gefühlen zurück und berichtet mir von Bedingungen, die im Leistungssport unvorstellbar sind. „Wir hatten keine eigenen Kabinen und waren deshalb an Spieltagen auf die der Männer angewiesen. Ebenfalls hatten wir keinen festen Trainingsplatz. Je nach Wochentag trainierten wir entweder auf Platz A oder Platz B, die örtlich voneinander getrennt waren. Im Winter mussten wir auf Hallen ausweichen, da anders als bei den Männern unsere Trainingsplätze keine Rasenheizung hatten. Zu Spielen sind wir ausschließlich mit dem Bus gefahren und ich erlebte Trainingstage mit, an denen keine einzige Physio anwesend war.“ Mittlerweile habe sich die Lage beim SGS verbessert, erzählt sie mir. „Die Athletinnen verfügen über ihre eigenen Sportkabinen und Trainingsplätze.“ Es handelt sich hierbei um eine Ungleichheit, die nicht auf die unterschiedlich erbrachten Leistungen der Athleten zurückzuführen ist, sondern auf hegemoniale Geschlechterverhältnisse, die durch Marktregulierung nie gänzlich aufgehoben werden können. 

Also, was schulden wir ihnen?

Was schuldet die Gesellschaft einer Sportliga, die aufgrund von komplexen patriarchalen Herrschaftsverhältnissen in ihrer Entfaltung behindert wurde und erst in den letzten 10 bis 15 Jahren ihr reales Potential realisieren konnte? Allerdings weiterhin schwarze Zahlen schreibt, oftmals durch die Gewinnerträge der Männer mitfinanziert wird und nicht mal ansatzweise Medienerlöse generiert, wie sie die umsatzstärksten Frauen-Fußball-Ligen der Welt einnehmen? 

Für Greta ist die Antwort eine selbstverständliche: Respekt und Aufmerksamkeit. „Als Fußballfans sind wir es uns schuldig, Fußballerinnen mal eine echte Chance zu geben. Als Fan eines Männerteams kann ich mich doch mal dafür entscheiden, ein Spiel der Frauen zu schauen und anschließend die Entscheidung für mich fällen, ob das Spiel meinen Gefallen gefunden hat oder eben nicht. Aus Perspektive der Medien schulden wir dem Frauenfußball einerseits, dass wir darüber berichten, und andererseits, dass wir fundiert darüber berichten.“ Damit meint die Fußballbegeisterte, dass einerseits das Storytelling rund um den Frauenfußball ausgebessert werden muss. Andererseits muss die Sichtbarkeit der Athletinnen ihren Platz in Magazinen und auf Webseiten finden – auch nachdem die großen Turniere vorbei sind. 

Ich selbst habe mir die Frage lange durch den Kopf gehen lassen und bin zu einer Antwort gekommen, die auf den ersten Blick ziemlich simpel erscheint: Wir schulden ihnen Zeit – Zeit, ein profitables Unternehmen zu gründen. Allerdings nicht mit dem Ziel, ein Replikat der Bundesliga der Männer zu werden, vielmehr, um zu einem eigenen heranzuwachsen. „Es ist nicht das Ziel, dass Frauenfußball wie Männerfußball wird“, lässt mich Greta wissen. Dies würden ihre Fans zu verhindern wissen, denn die Liga zeichnet sich durch eine hohe Familienfreundlichkeit, preiswerte Tickets, Offenheit und Akzeptanz aus. Doch nicht nur diese Faktoren unterscheiden die beiden Ligen voneinander, sondern auch ihr derzeitiger Stand im Unternehmenszyklus. Ein Unternehmen, das in seiner Wachstumsphase steckt, kann und sollte man nicht mit einem Unternehmen vergleichen, das in seiner Reifephase steckt. Das wäre so, als ob man Äpfel mit Birnen vergleichen würde. Nichtsdestotrotz wäre es nicht richtig, nicht darauf hinzuweisen, dass die Bundesliga der Männer 60 Jahre benötigte, um zu der milliardenschweren Unterhaltungsindustrie, äh, ich meinte Sportliga zu werden, zu der sie sich heute etabliert hat. Gerade in diesen Tagen erleben wir erst den Anfang der Geschichte der fast 30 Jahre jüngeren Schwester-Liga, nicht ihren Höhepunkt. 

Zum Abschluss des Interviews macht mich Greta auf etwas aufmerksam, das mir hängen geblieben ist. „Wir leben nach wie vor in einem Patriarchat, wo viele auch irgendwie keinen Bock auf Frauen oder Frauenfußball haben.“ Vielleicht ist uns allen daran gelegen, uns das in Erinnerung zu rufen, wenn die Stimmen, die den Misserfolg des Frauenfußballs propagieren, lauter werden.

Evangeline (23) ist seit April 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Politikwissenschaft an der UDE. Ihr Redaktionskürzel ist [eas].