Der blühende Frühling bereitet vielen Allergiker:innen Probleme. [Foto: Nikita Verbitskiy]
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Warum wir auf einmal so viel niesen

Bäume, Gräser oder Kräuter – alle machen sie den Allergiker:innen zu schaffen. Der Pollenflug ist jeden Frühling für viele eine große Plage. Doch warum scheinen auf einmal immer mehr Menschen darunter zu leiden? Und immer früher? Wie sich der Klimawandel auf euren Taschentuchverbrauch auswirkt.

Mit etwa 15 Prozent der Bevölkerung ist Heuschnupfen die in Deutschland am weitesten verbreitete Allergie. Unzählige Menschen haben mit laufenden Nasen, tränenden Augen und Niesattacken zu kämpfen. Ein Heilmittel ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Menge an  Heuschnupfen-Betroffenen steigt Jahr für Jahr. Zahlen der Kaufmännischen Krankenkasse Hannover (KKH) belegen: Um 14,3 Prozent ist die Anzahl an Allergiker:innen von 2012 bis 2022 gestiegen. Ein Grund dafür ist der Klimawandel.

So bietet das vermehrt ausgestoßene CO₂ mehr Nahrung für Pflanzen und erhöht dadurch ihren Pollenausstoß. Die Schwelle, bei der eine allergische Reaktion ausgelöst wird, wird dadurch schneller erreicht. Auch steigt die Schwere der Reaktion, weshalb die Menge an registrierten Fällen von Asthma Bronchiale seit 2010 bundesweit ebenfalls um 20 Prozent angestiegen ist. Basierend auf Umfragen der European Health Interview Survey (EHIS) schätzen 8 Prozent aller Befragten, unter Asthma zu leiden.

Doch nicht nur die Menge an CO₂ ist ausschlaggebend. Durch den Klimawandel verschieben sich auch die Blühzeiten vieler Pflanzen. Pollen fliegen inzwischen deutlich früher und länger durch die Luft. Wo früher die Hasel erst im Februar oder März zu blühen begann, startet sie heute teilweise schon im Januar. Die Allergiesaison dauert somit nicht mehr nur ein paar Wochen, sondern kann sich über viele Monate hinziehen. Besonders fies: Manchmal überlappen sich die Pollen verschiedener Pflanzenarten, was die Belastung zusätzlich verstärkt. Das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet zudem, dass durch die global steigenden Temperaturen neue, invasive Pflanzenarten in Deutschland Wurzeln schlagen. Ein prominentes Beispiel ist die Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia). Ihr Pollen gilt als besonders aggressiv und kann schon in sehr geringen Mengen schwere allergische Reaktionen auslösen – von starkem Heuschnupfen bis hin zu asthmatischen Anfällen. Die Pflanze profitiert vom wärmeren Klima und breitet sich in vielen Regionen rasant aus.

Pollen im Freiflug

Auch das veränderte Wetter trägt seinen Teil bei. Längere Trockenperioden und Hitzewellen fördern die Pollenkonzentration in der Luft, da weniger Regen die Pollen aus der Atmosphäre wäscht. Gleichzeitig steigt durch die zunehmende Luftverschmutzung die Aggressivität der Pollen. Stickoxide und Feinstaub können Pollen chemisch verändern und die Allergene darauf verstärken. Das bedeutet: Selbst Menschen, die bislang keine Probleme hatten, können plötzlich allergisch reagieren. Hinzu kommt, dass unser Immunsystem auf den ganzen Umweltstress besonders empfindlich reagiert. Studien, wie die im Journal of Clinical Medicine veröffentlichte, zeigen: Die Belastung durch Hitze, Schadstoffe und Allergene schwächt die Barrieren unserer Atemwege. Dadurch können Pollen leichter eindringen und stärkere Reaktionen auslösen.

Besonders betroffen sind laut RKI-Bericht Kinder und Jugendliche. Frühere Sensibilisierung gegenüber Pollen und eine höhere Rate an allergischem Asthma im Kindesalter lassen vermuten, dass die Generationen, die mit den neuen Klimabedingungen aufwachsen, stärker belastet sind. Auch zeigt sich, dass Menschen in städtischen Gebieten häufiger unter Allergien leiden als in ländlichen Regionen, wo die Schadstoffwerte oft niedriger sind. Und als wäre das alles nicht schon genug, wird auch die Pollenprognose schwieriger. Bisherige Modelle konnten sich auf recht stabile Blühzeiten verlassen. Doch mit den neuen Klimabedingungen wird das Vorhersagen von Pollenflugphasen immer komplizierter. Für Allergiker:innen heißt das: Noch mehr Unberechenbarkeit im Alltag.

Was lässt sich dagegen tun? Natürlich kann niemand das Wetter ändern – aber es gibt Ansätze, um sich besser zu schützen. Dazu gehört, regelmäßig den Pollenflugkalender zu checken, an Tagen mit hoher Belastung Fenster geschlossen zu halten und die Kleidung nach dem Aufenthalt im Freien zu wechseln. Auch das regelmäßige Reinigen der Wohnräume und Luftfilter können helfen, die Pollenbelastung in Innenräumen zu reduzieren. Langfristig aber führt an einem besseren Klimaschutz kein Weg vorbei. Weniger CO₂-Ausstoß, mehr Grünflächen in den Städten und eine bewusste Stadtplanung könnten helfen, die Belastung für Allergiker:innen zumindest etwas abzufedern. Denn eines ist sicher: Der nächste Frühling kommt bestimmt – und mit ihm der Pollensturm.

1,4

Grad wärmer ist die Erde bereits als noch zu vorindustriellen Zeiten. Das Pariser Abkommen der UN-Staaten aus dem Jahr 2016 soll verhindern, dass die 1,5 Grad Marke überschritten wird. Aktuelle Zahlen prognostizieren allerdings ein Erreichen der 1,5 Grad noch im Jahr 2030. Um dies zu verhindern, müssten die Treibhausgasemissionen in den nächsten Jahren halbiert werden. Doch: der Trend ist steigend. Mit Trumps Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen scheint die Hoffnung auf Erfolg in weite Ferne zu rücken. Bereits eine Erderwärmung von 2 Grad würde 40 Prozent mehr Menschen Wasserknappheit aussetzen und das Artensterben verdoppeln. Die zunehmenden allergischen Reaktionen sind leider nur die Spitze des schmelzenden Eisbergs.