Wann fühlt man sich eigentlich europäisch? [Foto: pixabay]
Posted in

Vertrauen schlägt Zeit: Was Migrant:innen zu Europäer:innen macht

30. Juli 2026

Unsere Redakteurin Sofie Bayer studiert Globale und transnationale Soziologie. In ihrer Bachelorarbeit hat sie sich mit europäischer Identität bei Drittstaat-Migrant:innen beschäftigt. Ihre zentralen Ergebnisse stellt sie in unserer Wissenschaftsrubrik Peer Revue vor.

Demokratische Systeme funktionieren nicht allein durch Institutionen und Gesetze. Sie brauchen die Zustimmung und Identifikation der Menschen, die in ihnen leben.1 Das gilt für Nationalstaaten genauso wie für supranationale politische Systeme wie die EU. Ohne ein Mindestmaß an Identifikation ihrer Bürger:innen verlieren Demokratien Legitimität und Handlungsfähigkeit. 

Die EU ist schon immer von Migration geprägt. Dieser Trend wird in den kommenden Jahren mit Blick auf Klimawandel und geopolitische Krisen auch nicht abreißen. 2024 kamen 4,2 Millionen Menschen aus Nicht-EU-Ländern neu in die EU.2 Insgesamt leben mittlerweile 30,6 Millionen Drittstaatsangehörige über die 27 Mitgliedstaaten verteilt in der EU – das sind rund 6,8 Prozent der Gesamtbevölkerung.3 Wenn ein wachsender Teil der europäischen Gesellschaft aus Menschen besteht, die nicht innerhalb dieses politischen Systems geboren und sozialisiert sind, wird ihre Identifikation mit der EU zu einer Frage, die weit über individuelle Befindlichkeiten hinausgeht. Es betrifft die langfristige Stabilität und Legitimation der EU selbst. Hier setzt meine Bachelorarbeit an. Ich habe getestet, was EU-Identität bei Drittstaatmigrant:innen besser vorhersagt: Aufenthaltsdauer oder politisches Vertrauen in nationale bzw. europäische Institutionen?

Datenbasis & Ergebnisse

Für meine Analyse habe ich Daten des European Social Surveys genutzt – ein sozialwissenschaftlicher Datensatz, der Daten zu sozialen Einstellungen, Werten und Verhaltensmustern in Europa erhebt. Meine finale Stichprobe umfasste mehr als 1.700 Menschen aus 108 verschiedenen Herkunftsländern, die in 22 EU-Mitgliedsstaaten leben. 

Das Ergebnis widerspricht der klassischen Assimilationstheorie. Diese nimmt an, dass Migrant:innen sich mit der Zeit automatisch an die Mehrheitsgesellschaft (dieser Begriff ist heute zu Recht sehr umstritten) anpassen.4 Moderne Revisionen dieser Theorie berücksichtigen Wechselseitigkeit, verschiedene Outcomes und Dimensionen dieser Anpassung, aber die zeitliche Logik bleibt: Mehr Zeit, mehr Anpassung, mehr Identifikation. In meinen Analysen hatte eine längere Aufenthaltsdauer einen leichten negativen Effekt, heißt – entgegen der Annahme – die Identifikation von Nicht-EU-Migrant:innen steigt nicht mit der Zeit, sie sinkt. Positiv waren allerdings die Effekte sowohl von nationalem politischen Vertrauen als auch von Vertrauen in europäische Institutionen. Vertrauen ist hier definiert als die Erwartung, dass Institutionen, auch ohne konstante Überwachung, nicht gegen den Willen der Bürger:innen handeln. Interessant war zu sehen, dass, sobald Vertrauen als Variable ins Modell aufgenommen wird, die Aufenthaltsdauer ihre statistische Signifikanz komplett verliert. Politisches Vertrauen erweist sich als robuster, positiver Faktor und deutlich stärker als Zeit. Möglicherweise liegt hier ein Mediationseffekt vor. Die Aufenthaltsdauer wirkt vermutlich nicht direkt auf die europäische Identität, sondern nur indirekt über das Vertrauen, das sich mit der Zeit aufbaut. Zeit schafft also die Gelegenheit, Vertrauen zu entwickeln, und erst dieses Vertrauen erzeugt dann die Identifikation mit der EU als politischer Gemeinschaft. Das würde erklären, warum die statistische Signifikanz der Variable Zeit in diesen kombinierten Modellen verschwindet. Die zentrale Erkenntnis lautet dennoch: Vertrauen schlägt Zeit.

Was die Zahlen nicht zeigen können

Wie jede wissenschaftliche Arbeit, hat auch meine Bachelorarbeit eine lange Liste an Limitationen. Die erwähnte Heterogenität der Stichprobe ist eine. Verschiedene Alters-, Kohorten- und Herkunftseffekte verdecken sich eventuell gegenseitig. Außerdem habe ich weder die Effekte der Herkunftsländer noch die der aktuellen Aufenthaltsländer kontrolliert. Beides hat sicherlich Einfluss auf Integrations- und damit auch Identifikationsprozesse. Es ist bekannt, dass Migrant:innen das politische System ihres Aufenthaltslandes mit dem ihres Heimatlandes vergleichen.5 Auch lässt sich mit Querschnittsdaten nichts über zeitliche Entwicklungen (oder Veränderungen über Generationen von Migrant:innen hinweg) sagen. Ähnlich steht es um die Kausalität. Ja, Vertrauen wirkt auf Identität, aber es ist anzunehmen, dass das auch andersherum der Fall ist. Wer sich mit der EU identifiziert, bewertet das politische Geschehen möglicherweise positiver und hat dadurch mehr Vertrauen.

Trotz dieser Einschränkungen liegt die politische Relevanz auf der Hand: Da Aufenthaltsdauer nicht der zentrale erklärende Faktor ist, kann Identifikation von Drittstaatmigrant:innen nicht als Selbstläufer behandelt werden. Vertrauen lässt sich, anders als verstrichene Jahre, durch Politik aktiv beeinflussen. In den Sozialwissenschaften finden sich Ansätze, wie man dieses Vertrauen aufbauen kann. EU-Identität entsteht grundsätzlich auf zwei Arten: information-based und experience-based. In anderen Worten, Migrant:innen (das gilt natürlich auch für alle anderen EU-Bürger:innen) müssen mit zugänglichen und nachvollziehbaren Informationen über EU-Institutionen versorgt werden und es muss Gelegenheiten geben, die EU zu erleben, an Entscheidungsprozessen teilzuhaben und Kontakte zu anderen Europäer:innen zu knüpfen. Eine Studie hat gezeigt, dass Migrant:innen mehr politisches Vertrauen zeigen, wenn es im Parlament Politiker:innen mit Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit gibt (Quelle Peelen).6 Das spricht für mehr Politiker:innen mit Migrationshintergrund in der EU (und natürlich auch auf jeder anderen politischen Ebene).

  1. Easton, D. (1975). A Re-assessment of the concept of political support. British Journal of Political Science, 5(4), 435–457. https://doi.org/10.1017/S0007123400008309 ↩︎
  2. Eurostat. (2026). EU received 4.2 million immigrants in 2024. https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=EU_population_diversity_by_citizenship_and_country_of_birth ↩︎
  3. Eurostat. (2025). EU population diversity by citizenship and country of birth.
    https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=EU_population_diversity_by_citizenship_and_country_of_birth ↩︎
  4. Hans, S. (2016). Theorien der Integration von Migranten– Stand und Entwicklung. In H. U. Brinkmann & M. Sauer (Eds.), Einwanderungsgesellschaft Deutschland (pp. 23–50). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-05746-6_2 ↩︎
  5. Quaranta, M. (2025). The formation of institutional trust among immigrants: What is the role of democracy? Journal of Ethnic and Migration Studies, 51(1), 346–365. https://doi.org/10.1080/1369183X.2024.2320715 ↩︎
  6. Peelen, A., Geurts, N., Glas, S., & Spierings, N. (2026). Migrants’ political trust: How exposure and exclusion in origin and residence country explain differences. Comparative Migration Studies, 14(1), 25. https://doi.org/10.1186/s40878-026-00534-7 ↩︎

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

Sofie Bayer

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

Mehr von Sofie Bayer