Aufmerksamen Essener Studis, Auto-Pendler:innen, oder all Jenen, die vom Audimax oder der Schützenbahn Richtung Mensa pilgern, wird es sicherlich schon aufgefallen sein: Das alte Parkhaus gegenüber des Glaspavillons ist seit letztem Jahr Geschichte. Übrig ist nur noch eine große Brachfläche. Und dort tut sich etwas: Seit einigen Wochen ist die Straße, die am Parkhaus entlang geht, eine Einbahnstraße. Die Fahrbahn Richtung Gladbecker Straße ist gesperrt. Was noch aussieht wie eine Baustelle mit Bänken könnte sich schon bald in einen Aufenthaltsort für Studierende und Mitarbeitende der UDE verwandeln.
Denn: Das Ganze ist Teil des Projektes Be-MoVe, einem Forschungsprojekt der UDE in Zusammenarbeit mit der Stadt Essen, das seit 2019 läuft. „Wir gucken erstmal temporär in sogenannten Reallaboren, was es bewirkt, wenn wir Dinge verändern. Was muss vielleicht noch angepasst werden? Was läuft nicht gut? Was läuft gut?”, berichtet David Huber, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der UDE und Projektverantwortlicher für das Reallabor.

Vor dem Abriss des alten Parkhauses diente die Straße als Zufahrt und ist dementsprechend breit dimensioniert. Das führe heutzutage zu einem konkreten Problem: „Es fahren so viele Autos da durch, die da gar nicht durchfahren dürfen, weil es eine Anliegerstraße ist”, so Huber. Die Straße werde oft als Abkürzung zwischen Gladbecker- und Segerothstraße genutzt. Hier soll die Sperrung nun Abhilfe schaffen.
Derzeit ist die Straße zwar gesperrt, aber die entstandene Freifläche noch bewusst zurückhaltend ausgestattet. „Jetzt gerade haben wir die Straße gesperrt und es steht noch nicht wirklich viel drauf. Wir haben ein bisschen was reingestellt: zwei Sitzbänke und drei Hochbeete”. Das sei keine Nachlässigkeit, sondern habe Methode: ”Es geht vor allem darum zu sagen: ‘Okay, das ist jetzt nicht mehr die Straße’, und zu zeigen: Das kann sich verändern hier”. Schritt für Schritt soll dann mehr passieren. Welche Gestalt die Fläche langfristig annehmen soll, ist dabei noch völlig offen, das sei so gewollt. „Wir haben wirklich keine Vorstellung, was dahin soll“, sagt Huber. Stattdessen sollen Studierende und Mitarbeitende im Rahmen des „Campus · Street · Labs“ die Entwicklung aktiv mitgestalten.

Am 5. Februar fand im Glaspavillon der erste Workshop unter dem Titel „Transform your Campus”statt – rund 20 Personen nahmen teil. Ein zweiter Workshop, an dem die konkrete Gestaltung der Straße zum Sommersemester geplant werden soll, wird am 12. März von 15.00 bis 18.00 Uhr im Glaspavillon stattfinden. Danach ist ein Bau-Workshop geplant, bei dem gemeinsam Stadtmöbel gebaut werden sollen. Die Fläche soll grundsätzlich für alle offen sein: „Wenn man da ein Fachschaftsfest machen möchte, dann kann man sich einfach bei uns anmelden.“ Die dahinterliegende Brachfläche des alten Parkhauses wird zunächst noch nicht Teil des Projektes sein. Hier gebe es Grundwasserprobleme, so Huber.
Vielleicht schaffen das Reallabor und die damit verbundene Beruhigung der Universitätsstraße auch mehr Aufenthaltsqualität auf dem Platz vor der roten Cafete und eine bessere Anbindung des Campus an die Innenstadt. Die Straßensperrung soll vorerst bis Ende Oktober bestehen, ein dauerhaftes Fortbestehen müsste politisch entschieden werden. Bis dahin hofft das Team auf rege Nutzung, sobald das Wetter mitspielt.
Weitere Informationen zu dem Projekt findet ihr auf der Website des Instituts für Mobilitäts- und Stadtplanung der UDE. Dort findet ihr auch den Link zu einem Miro-Board, in demihr eure Ideen teilen könnt.+
Rückblick 1. Workshop:
Am 5. Februar startete im Glaspavillon mit dem Workshop „Transform your Campus“ die öffentliche Beteiligung zum Reallabor an der Universitätsstraße. Man merkte schnell, dass es keine klassische Informationsveranstaltung mit fertigen Plänen werden würde. Statt Bauzeichnungen lagen Klemmbretter bereit, denn es ging um die offene Frage: Wie kann aus einer Straße ein Ort mit Aufenthaltsqualität werden?
Rund 20 Teilnehmende kamen zusammen. Ein kurzes digitales Stimmungsbild zeigte, wie breit die Gruppe zusammengesetzt war: Studierende, Mitarbeitende, Menschen mit Hintergründen aus Verwaltung, Bauingenieurwesen, Sozialwissenschaften, Informatik, Kunst oder Stadtentwicklung. Schon diese Mischung machte deutlich, was das Projekt ausmacht: Die Universitätsstraße soll nicht am Reißbrett neu gedacht werden, sondern aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus.
Zum Einstieg skizzierte David Huber vom Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung den Rahmen des Projekts. Das „Campus · Street · Lab“ ist Teil des Forschungsprojekts Be-MoVe und versteht sich als Reallabor. Das heißt, Veränderungen werden nicht erst nach jahrelanger Planung sichtbar, sondern werden temporär umgesetzt, beobachtet und ausgewertet. Was passiert, wenn der Durchgangsverkehr eingeschränkt wird? Wie verändert sich die Nutzung, wenn Sitzgelegenheiten oder Hochbeete auftauchen? Und was bleibt davon übrig, wenn der erste Neugierdeeffekt verflogen ist? Genau diese Fragen sollen im öffentlichen Raum getestet werden.
Im Projektteam wurden die beteiligten Rollen benannt, darunter Koordination, wissenschaftliche Mitarbeit und studentische Unterstützung. Auch die Stadt ist als Partnerin Teil des Prozesses. Für die Moderation und kreative Prozessbegleitung wurden zwei externe Workshop-Leitungen vorgestellt: Kristin Lazarova (Architektur und Freiraumgestaltung) und David Nil Morsi (Civic Design und kulturelle Stadtentwicklung). Beide arbeiten an der Schnittstelle von Stadtraum, Zwischennutzung und Beteiligung und brachten Beispiele aus früheren Projekten mit, um die Idee eines provisorischen, lernenden Umbaus zu veranschaulichen.
Der praktische Kern des Workshops begann mit einem explorativen Spaziergang über den betroffenen Abschnitt der Universitätsstraße. Die Teilnehmenden zogen in zwei Gruppen mit Karten und Klemmbrettern mit dem Auftrag, genau hinzusehen, hinaus. Wie laufen Menschen tatsächlich, wo entstehen Laufachsen, welche Wege werden von Fußgänger:innen, Fahrrädern und Autos genutzt, wo wird gequert und wo entstehen informelle Trampelpfade? Diese Beobachtungen sind zentral, weil sie zeigen, dass der Campus nicht nur nach Plan genutzt wird, sondern nach Gewohnheit, Abkürzung und situativer Entscheidung.
Die zweite Aufgabe ging stärker auf Atmosphäre und räumliche Qualitäten: Wo ist es sonnig oder schattig? Wo wirkt es hell oder dunkel? Wo angenehm oder unbehaglich? Besonders die Unterführung wurde wiederholt als Ort markiert, an dem Licht, Orientierung und Sicherheitsgefühl zusammenhängen. Zugleich wurde sichtbar, wie sehr sich Wahrnehmung je nach Tages- und Jahreszeit verändern dürfte, was für die spätere Evaluation wichtig ist.In der dritten Aufgabe wurden Potentialorte identifiziert: Der Bereich vor dem Glaspavillon. Die Verbindung zur Grünen Mitte. Die Brachfläche des ehemaligen Parkhauses. Orte, an denen sich bereits jetzt Menschen aufhalten, und Orte, an denen dringend etwas passieren müsste. Ergänzend wurde der Raum in einer Skala von Gegensätzen eingeschätzt, von laut bis leise oder trist bis bunt. Diese Skalen wirken zunächst abstrakt, sollen aber später als Vergleichsmaßstab dienen, wenn sich der Raum in den Phasen des Projekts verändert.
In der gemeinsamen Auswertung im Glaspavillon kristallisierten sich mehrere zentrale Themen heraus. Erstens: Der motorisierte Verkehr wird als dominierendes Problem wahrgenommen. Verkehrszeichen allein reichten bislang nicht aus, um dien Status der Straße als Anliegerstraße durchzusetzen. Sie wird weiterhin als Abkürzung genutzt, Einbahnregelungen werden ignoriert. Diskutiert wurden physische Barrieren, Sackgassen und eine klare Priorisierung für Fuß- und Radverkehr. Zweitens: Die Wegebeziehungen sind unklar. Besonders die Verbindung zwischen Campus und Grüner Mitte wird zwar stark genutzt, ist jedoch wenig intuitiv, teilweise provisorisch und durch Baustellen unterbrochen. Hier wurde der Wunsch nach besseren Sichtachsen, klarer Orientierung und einem durchgängigen Leitsystem formuliert. Drittens: Mehrfach wurde der Radschnellweg RS1 thematisiert. In der Wahrnehmung endet er in unmittelbarer Nähe, wodurch der Bereich zugleich eine Art Tor zum Campus sein könnte. Daraus ergaben sich pragmatische Ideen wie mehr Fahrradabstellmöglichkeiten, Reparatur und Service- Stationen, aber auch ein stärkerer Anspruch, Radverkehr nicht nur mitzudenken, sondern als gleichwertige Mobilitätsform räumlich sichtbar zu machen.
Doch der Workshop blieb nicht bei Infrastruktur stehen. Mehrfach wurde betont, dass die Universitätsstraße an einer sensiblen Schnittstelle liegt: zwischen Campus und Grüner Mitte mit ihren angrenzenden Wohnquartieren. Damit wird sie als potenzieller Begegnungsraum zwischen Universität und Stadtgesellschaft gesehen, zugleich aber auch als Ort, an dem unterschiedliche Nutzungsinteressen aufeinandertreffen. Themen wie Lärmbelastung, Sicherheit bei Tag und Nacht und gegenseitige Rücksichtnahme spielten hier eine Rolle. Die Diskussion zeigte: Die Umgestaltung ist nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine soziale Herausforderung.
Nach der Analyse folgte der Perspektivwechsel. In vier Clustern wurde die Zukunft durchgespielt: die Straße als Aufenthaltsort, als geteilter Mobilitätsraum, als Garten oder als Sport- und Spielraum. Die Moderation betonte dabei, dass Zukunftsbilder nicht als Bauplan zu verstehen sind, sondern als Trainingsraum fürs Denken, um aus dem Status quo herauszukommen. So wurden die Visionen bewusst groß gedacht. Outdoor Hörsaal, ein Forum für Veranstaltungen, temporäre Bühnen, ein Gemeinschaftsgarten, flexible Lernorte im Freien, niederschwellige Sportangebote, Lichtinstallationen für die dunkle Jahreszeit. Ein Raum, der sich nicht geradlinig durchziehen muss, sondern sich wie ein Fluss schlängelt, mit unterschiedlichen Zonen und Atmosphären: kulturelle Formate wie Sommerkino oder kleine Konzerte. Infrastruktur wie Wasserstellen, Beleuchtung und Rückzugsorte sowie eine stärkere Durchgrünung mit klimaresilienten Elementen. Wiederkehrende Leitbegriffe waren Flexibilität, Vielfalt und Entschleunigung.
Auffällig war, dass einzelne Großprojekte weniger im Vordergrund standen als eine veränderte Haltung zum Raum. Die Straße sollte nicht länger Zufahrt oder Restfläche sein, sondern ein dritter Ort zwischen Hörsaal und Stadt. Ein Raum, der Lernen, Begegnung und Bewegung gleichermaßen zulässt.
In der Sportgruppe wurde etwa betont, dass es nicht um einen klassischen Sportpark mit festen Geräten gehe, sondern um flexible, niedrigschwellige Angebote, die auch ohne große Investitionen nutzbar werden: Platz für Kurse, spontane Spiele, Hochschulsport oder temporäre Angebote. Im Garten Cluster stand die Idee eines klimaresilienten Campus im Mittelpunkt; mit mehr Grün, Wasser, Schatten und Aufenthaltsqualität, ergänzt um Überlegungen zur Nutzung auch in der kalten Jahreszeit, etwa durch Lichtinstallationen oder überdachte Elemente.
Zum Abschluss kehrte der Workshop in die Gegenwart zurück. Die gesammelten Visionen werden vom Projektteam gebündelt und in einem zweiten Workshop konkretisiert. Dort sollen aus den Zukunftsbildern prototypische Maßnahmen abgeleitet werden, die im Sommersemester umgesetzt und wissenschaftlich begleitet werden. Die Straße bleibt bis dahin in ihrem aktuellen Zustand, wird jedoch schrittweise verändert. Schon jetzt können Initiativen angemeldet werden. Wer eine Idee hat, kann sie einbringen. Genau darin liegt auch der Kern des Projekts: nicht warten, bis alles entschieden ist, sondern im Prozess mitgestalten.
Entscheidend wird sein, inwieweit es gelingt, aus der Vielzahl an Ideen konkrete, sichtbare Schritte abzuleiten und den temporären Charakter des Reallabors als Chance zu nutzen.
