1983 schrieben homosexuelle Studierende einen Brief an die Leitung ihrer Universität, die damalige Universität Gesamthochschule Duisburg. Sie waren zuvor in ihrem Umfeld, unter anderem in einem Studierendenwohnheim, mit homophoben Äußerungen konfrontiert worden. In ihrem Brief beantragten sie die Erlaubnis der Hochschule, als studentische Vereinigung unter dem Namen „Schwulen- und Lesbengruppe“ anerkannt zu werden. Sie erhofften sich dadurch wohl mehr Repräsentation ihrer Gemeinschaft an der Gesamthochschule. Ebenso würden sie als anerkannte studentische Vereinigung gegen strukturelle Diskriminierung vorgehen und in Gremien mitreden können.
Nur fünf Tage nach ihrem Antrag kam bereits eine Antwort: „Ihrem Antrag vom 02.11.1983 kann nicht entsprochen werden.“ Doch nicht nur das: „Die Anerkennung als studentische Vereinigung setzt voraus, daß von der antragstellenden Gruppe/Vereinigung spezifisch studentische Interessen an der Hochschule vertreten werden. (…) Bei Entsprechung Ihres Antrages müßten danach auch andere Interessengruppen, z. B. Briefmarkensammler, anerkannt werden, die es auch außerhalb der Hochschule gibt. Dies kann aber nicht Sinn des Anerkennungsverfahrens sein (…)“. Eine Pleite auf ganzer Linie: Nicht nur hatte das Kanzlerbüro, aus dem die Antwort kam, den Antrag nicht bewilligt: Die Formulierung zeugte von einem Unverständnis gegenüber der homosexuellen und queeren Gemeinschaft, das zwar in den 1980er Jahren nicht unerwartet sein konnte, aber dennoch alles andere als progressiv war.
Die Lösung für die Antragstellenden? Ein zweiter Antrag: Diesmal aber nicht an die Universitätsleitung, sondern an das Studierendenparlament. Und da die Studierenden dort sehr viel progressiver gegenüber Vereinigungen waren, die Teile der Studierendenschaft repräsentieren wollten, durfte schon wenig später das „Referat für schwule und lesbische Studierende“ gegründet werden.
Wer heute, 43 Jahre später, diesen Referatsnamen bei Google eingibt, wird nicht mehr fündig werden. Über diese Zeit ist viel passiert: Zunächst wurde den Referent:innen klar, dass auch bisexuelle Studierende vertreten werden sollten. Als Nächstes kamen dann trans Studierende dazu, ebenso intergeschlechtliche. So kam es dann, dass der mittlerweile sehr lange Referatsname mit TransInterSchwuBiLe abgekürzt wurde – und es waren immer noch noch nicht alle Sexualitäten und Geschlechter repräsentiert: Seit 2024 vertritt also das Queerreferat die Belange aller Studierender, deren sexuelle Identität von den gesellschaftshistorisch „klassischen“ abweicht. Mit diesem vereinfachten Namen wollen sie inklusiv allen sexuellen Identitäten gegenüber sein und auch solche einschließen, die nicht oder noch nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sind.
Zwei Vertreter:innen des Queerreferats, Anug und Mahkis haben der ak[due]ll erklärt, wie dey heute arbeiten und was sich verändert hat.
ak[due]ll: Seit wann seid ihr beiden im Queerreferat aktiv?
Anug: Schon seit November 2019. Ich bin im Sommer auf das Queerref gestoßen. Direkt nach meiner ersten Veranstaltung, einem Spieleabend, wurde ich dann verabschiedet mit „Tschüss! Dann sehen wir uns ja Mittwoch!” Und das hat geklappt. Kurz danach wurde klar, dass die bisherigen Referent:innen alle aufhören würden. Ich und noch ein paar andere haben Interesse bekundet und wurden dann drei Monate eingearbeitet, bis die Wahlen waren.
Mahkis: Aktiv bin ich seit April 2025, ging aber schon seit 2022 auf Veranstaltungen des Referats.
ak[due]ll: Was hat sich, seitdem ihr angefangen habt, an der Uni und rund um das Referat verändert?
Anug: Covid war ein ziemlicher Einbruch für alles. Wir haben uns dadurch, dass wir vieles online gemacht haben, halbwegs über Wasser gehalten. Wir hatten vor allem Schwierigkeiten damit, neue Leute ins Referat zu kriegen. Und da damalige Referent:innen aufgehört haben, zu studieren, wurden wir immer kleiner. Jetzt mittlerweile haben wir uns wieder davon erholt.
Mahkis: Es hat sich schon viel verändert. Der Mittwochs-Brunch ist da die eine Konstante. Jede Woche in der Vorlesungszeit und jede zweite in der vorlesungsfreien Zeit. (Anug: Seit Gründung übrigens.) Da waren wir 2022 aber schon froh, zehn Leute dort zu haben. Wir sind gerade dabei, umzuräumen, damit wir regelmäßig auch mehr Personen bequem da reinkriegen.
ak[due]ll: Neben diesen Vernetzungstreffen: Kommen auch Studis zu euch, denen am Campus mit Queerfeindlichkeit begegnet wurde?
Mahkis: Wir mussten, seitdem ich da bin, dankenswerterweise noch nicht in so einer Situation helfen. Da haben wir auch wenige Handlungsmöglichkeiten. Wir sind eher ein sozialer Space, um eine Community zu haben und gegebenenfalls einer Person Rückhalt zu geben. Zum Beispiel wenn jemand von Zuhause aus keinen Support bekommt. Über diverse Online-Kanäle wurden wir schon eher bei konkreten Hilfegesuchen angeschrieben. Da können wir dann natürlich an Stellen wie das Diversity-Support-Center oder die Ombudsstelle weiterleiten, wir selbst können aber nicht viel mehr tun, als einen sicheren Space anzubieten.
ak[due]ll: Was waren die Gründe für den Namenswechsel des Referats 2024? Von TransInterSchwuBiLe hin zu queer?
Anug: SchwuLe, also Schwule und Lesben. Dann SchwuBiLe. Dann kam TransInter 2011 dazu. Und dann hat sich herausgestellt: Das queere Spektrum ist nochmal wesentlich größer als nur von den Akronymen abgebildet. Dementsprechend war dann die Entscheidung: Wenn wir noch mehr Akronyme dazu packen, kann man das irgendwann gar nicht mehr aussprechen. Also sagen wir einfach, dass wir „queer” sind und schließen so gar nichts mehr aus.
ak[due]ll: Seit eurer Gründung 1983 hat sich viel verändert. Was für Veränderungen seht ihr an der Uni aber noch als notwendig an?
Anug: Toiletten. Da wird auch seit Jahren dran gearbeitet, dass wir All-Gender-Toiletten kriegen, aber hoffentlich passiert es bald dann auch.
