Feminismus, Antisemitismus, kritische Theorie – Marie und Sylvia* haben 2023 den Kritischen Dienstag (KriDi) am Campus Essen gestartet. Dabei ist jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat ein offener Raum für Diskussion und Austausch zu verschiedenen Themen entstanden.
Eigentlich sollten Seminarräume und Vorlesungssäle als Raum für offenen Diskurs gelten, aber für manche Studis sind die Grundlagen hierfür in ihren Univeranstaltungen oft nicht gegeben. Hier soll der KriDi eine Lücke schließen:
„So eine Vortragsreihe hat an der Uni gefehlt. Ich wollte auf jeden Fall ein Angebot machen, wo man sich offline trifft, offline diskutiert, eben nicht online und wo man auf jeden Fall andere Perspektiven oder Argumente präsentiert bekommt, als man auf Instagram sieht,” so Gründerin Marie. Mittlerweile organisiert sie gemeinsam mit Sylvia die Referent:innensuche, Räumlichkeiten, Bewerbung und Finanzierung der Reihe.
Kritisch sind die Dienstage nicht, weil es sich immer konkret um Kritische Theorie handelt, sondern „im umgangssprachlichen Sinne, dass man die Perspektiven, die vorherrschen, zwar nicht auf Teufel komm raus hinterfragen oder widerlegen, aber mit guten Argumenten prüfen möchte.” Dafür werden immer unterschiedliche Referent:innen eingeladen. Diese schauen mit dem Publikum gemeinsam kritisch auf Themen wie Intersektionalität (10. Juni) oder Antisemitismus und die AfD (08. Juli). Oft kommen die geladenen Gäst:innen aus dem Kreis der Gesellschaft für kritische Bildung. Mit dabei waren bereits zum Beispiel schon Chantalle El Helou und Debora Eller, Alexandra Schauer und Ingo Elbe. So haben die Referent:*innen, die für Vorträge eingeladen werden, oft „einfach eine hohe Schnittmenge mit dem Verein.”
Kritisch im Denken
Eine Mischung unterschiedlicher Ansätze liegt den beiden bei der Themenauswahl am Herzen. Dabei erhoffen sie sich, die Zuhörer:innenschaft auch für neue Gebiete begeistern zu können: „Das heißt, ein Typ, der gerne zum antisemitismuskritischen Vortrag kommt, wird dann vielleicht motiviert, zu einem feministischen Vortrag zu gehen.” Beide sind aber auch immer offen für die Wünsche des Publikums und neue Anstöße für das kommende Semester. „Hier am Campus sollte wieder was entstehen an kritischen und linken-kritischen Strukturen oder zumindest Vernetzung.” Dass der KriDi als Vernetzungsort dient, wo man spannende Unterhaltungen mit neuen Menschen führen kann, ist für die Organisatorinnen besonders schön mitzuerleben. Das muss sogar nicht direkt im Vorlesungssaal des Gebäudes S05 passieren, sondern kann auch beim gemeinsamen Kneipengang im Nachhinein stattfinden.
Sie wissen: „Theorie ist manchmal kompliziert, vor allem wenn man zum ersten Mal von etwas hört. Aber es soll eben so sein, dass man was Neues erfährt und auch diskutieren kann, ohne sich dabei lächerlich zu fühlen.” Selbst wer den Gedankengängen der Vortragenden nicht direkt folgen kann, kann am Ende etwas mitnehmen: eine spannende Diskussion, eine neue Leseempfehlung oder Gleichgesinnte. Besonders für Geisteswissenschaftler:innen, die bereits Adorno und Co. kennen, lohnt es sich, vorbei zu kommen. Demnächst steht ein Vortrag zur kritischen Auseinandersetzung mit Intersektionalität an, auf den sich Marie und Sylvia bereits sehr freuen.
*Namen von der Redaktion geändert.
