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Im Büroregal: Was liest… Peter Ellenbruch? 

5. Dezember 2024

Artikel: Rabea Jung | Hier bekommt ihr einen Einblick in die Bücherstapel von Peter Ellenbruch. [Foto: Rabea Jung] 

Habt ihr euch jemals während einer Sprechstunde gewünscht, die Büroregale eurer Dozierenden genauer unter die Lupe nehmen zu können? Wir ermöglichen es euch! Wir nehmen euch mit ins Büro von Peter Ellenbruch, Dozent für Filmwissenschaft am Campus Essen. 

Nach eigener Aussage sind nicht Peter Ellenbruchs Regale, sondern die Bücherstapel auf seinem Schreibtisch repräsentativ für seine Arbeit. Hier landet „immer das Neueste“, was er für Seminare braucht. Obwohl konstant umgeschichtet und nach jedem Semester aufgeräumt wird, entstanden so irgendwann „Sedimentschichten“ bestehend aus Büchern und Filmen, auf seinem Schreibtisch. Für ihn essenzielle Filmtheorien, wie die von Siegfried Kracauer und Rudolf Arnheim, hätte er jedoch immer in Reichweite. Vor kurzem hat der Filmwissenschaftler den Science-Fiction-Roman „mit ökologischen Twist“ des kanadischen Autors Ray Nayler, The Mountain in the Sea (2022) gelesen. Als nächstes auf seiner Liste steht Taygete – Planet des Unheils von Clyde Morris, der als „Hauruck-Genreliteratur“ aus den frühen 60er Jahren für Ellenbruch das Gegenstück zu dem literarischeren Science-Fiction-Roman darstellt. Generell liest Ellenbruch größtenteils englischsprachige Werke und mit Vorliebe Science-Fiction, das Genre Fantasy dagegen meidet er: „Mit Fantasy habe ich beim besten Willen nichts zu tun“. Serien liest der Filmwissenschaftler „prinzipiell gar nicht“, zumindest nicht „dieses neue Serienzeug“. Ältere Serien interessieren ihn jedoch schon, zum Beispiel Kino-Serials. Serials waren seit den 1910er Jahren wöchentlich erscheinende Fortsetzungsfilme, die als Vorfilme zu Kinofilmen liefen. Da heute viele Serials rechtefrei sind, kann man sie kostenlos im Internet sehen. Ellenbruch selbst schaut momentan Captain Midnight (1942). Ansonsten mag er Filme aus den 1920er Jahren, wird sich demnächst aber auch den zweiten Gladiator von Ridley Scott ansehen. Was seine Interessen angeht, trennt der Filmwissenschaftler überhaupt nicht zwischen privaten und beruflichen Werken. Zu seinen liebsten Regisseur:innen zählen Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang und Maya Deren. Mit Blick auf literarische Werke nennt er die Autoren H.G. Wells, Theodor Storm und E.T.A. Hoffmann. 

„Es war immer ein Teil von mir, Stummfilme zu gucken.“ 

Seine Forschungsgebiete unterteilt Ellenbruch in drei große Bereiche: Stummfilm von 1895 bis 1930, bundesdeutsches Kino und Fernsehen der 1950er und 60er Jahre sowie Kino-Phantastik, bestehend aus den Sub-Genres Science-Fiction und Horror – „auch hier ist Fantasy ausgeschlossen“. Als bewusst gewählt würde er diese Schwerpunkte nicht unbedingt bezeichnen: „Ich bin Stummfilmgucker seitdem ich 14 bin, ich wollte Filmwissenschaftler werden mit einem Schwerpunkt auf dem frühen Kino“, so Ellenbruch. Zu seinem zweiten Schwerpunkt kam er vor ungefähr 25 Jahren eher zufällig, so habe er sich mit bundesdeutschen Bildmedien und Literatur „vorher relativ wenig beschäftigt“, bis er die Folge E506 der Krimi-Serie Stahlnetz von Jürgen Roland sah, „einer ganz wichtigen Figur für die Nachkriegskultur“. „Diese Folge von 1960“, so der Filmwissenschaftler, „war von der Inszenierung so anschlussfähig an die 1920er und frühen 1930er Jahre, dass sich eine Brücke von der Weimarer Republik in den bundesdeutschen Film aufgetan hat“. Besonders diese Verknüpfung fand er interessant. 

„Historisch wach bleiben, historisch gucken – es gibt so viel zu entdecken!“ 

„Prinzipiell würde ich sagen, ich hatte immer das Gefühl, dass ich Bücher – wenn ich sie super fand – genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen habe“, so der Filmwissenschaftler. Mit Ausnahme von einem literarischen Werk: Winnie-the-Pooh von A.A. Milne. Die Figuren kannte Ellenbruch natürlich, mit Mitte 20 habe er aber zum ersten Mal tatsächlich das Buch gelesen: „Da dachte ich wirklich, warum hab ich das nicht früher gelesen? Das Original hat mich total umgehauen, auch die Illustrationen von Ernest Shepard, letztlich wirklich ein zeitloses Werk für alle Altersstufen“. An Literatur empfiehlt Ellenbruch Die Elixiere des Teufels von E.T.A. Hoffmann, in dem man „sehen kann, wie großartig die Literatur des 19. Jahrhunderts sein kann“ und man „Psychoanalyse vor der Psychoanalyse“ finden kann, Die Antiquiertheit des Menschen (Band 1) von Günther Anders, welches mediale und gesellschaftliche Zusammenhänge beleuchtet und anhand dessen man so „die gegenwärtige Stellung der Gesellschaft“ reflektieren könne. Schließlich, „für die Zukunft“, empfiehlt er The Neuromancer von William Gibson – dieser hätte „1984 schon ziemlich alles durchdacht, was noch auf uns zukommt“. 

Mit Filmen geht es Ellenbruch ähnlich wie mit der Literatur: „Ich war immer froh, wenn ich einen guten Film entdeckt habe“. Hier hätte er eine lange Liste an Empfehlungen; Studierenden, besonders denen, die sich beruflich für das Thema Film begeistern können, könnte er, anknüpfend an seine Favoriten, besonders Nosferatu von F.W. Murnau, M von Fritz Lang und Blade Runner von Ridley Scott empfehlen – „und zwar nur den von Ridley Scott, nicht den anderen!“ Ansonsten empfiehlt Ellenbruch, sich in der ganzen Filmgeschichte auf die Suche nach Favoriten zu begeben, „historisch wach bleiben, historisch gucken – es gibt so viel zu entdecken!“.

„Die Sichtungskonzentration leidet unter der digitalen Welt.“ 

Abschließend reflektiert Ellenbruch über Digitalisierung, Aufmerksamkeitsspannen und KI: „In einem früheren Alter hatte man eine andere Konzentration“, überlegt der Filmwissenschaftler, „vielleicht auch durch den Übergang von analog zu digital. Früher musste man sich viel austauschen und rumfahren, sich physisch bewegen, um Filme zu sehen“, während man im Gegensatz dazu heute kaum damit hinterherkommen würde, die ganzen Filme, die nur auf eine:n warten, tatsächlich anzusehen. „Ich kann nur hoffen, dass die Leute einfach dran bleiben beim Lesen und Gucken und das Ganze nicht nur als mediales Entertainment abhaken“, so Ellenbruch. Als großes Problem sehe er, dass „es nur noch zur Berieselung wird und die Arbeit, die Leute da reinstecken, für selbstverständlich genommen wird“. Es sei wichtig, „nicht nur noch zu rezipieren“, nicht künstlerischen Anspruch und Kreativität der Berieselung weichen zu lassen. „Wenn es nur noch um KI geht, und das, was dabei rauskommt, für ein Publikum reichen sollte, ist es eigentlich vorbei“, endet Ellenbruch seinen Appell. 

Rabea (25) ist seit September 2023 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Anglophone Studies und Germanistik an der UDE.

Rabea Jung

Rabea (25) ist seit September 2023 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Anglophone Studies und Germanistik an der UDE.

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