Hier bekommt ihr einen Einblick in die Büroregale von Dr. Christine Becks. [Foto: Rabea Jung]
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Im Büroregal: Was liest… Dr. Christine Becks? 

21. Mai 2025

In diesem Artikel nehmen wir euch mit ins Büro von Christine Becks, Dozentin für Bildungswissenschaften am Campus Essen. 

Wer das Büro von Christine Becks betritt, wird nicht nur von selektierten Büchern, sondern auch von einer Schüssel Bonbons begrüßt. „Es gibt immer Naschzeug, weil das auch dazu führt, dass Leute erstens hereinkommen, zweitens länger bleiben und sich drittens freuen“, so die Bildungswissenschaftlerin. Am Schreibtisch bewahrt sie häufig genutzte Bücher auf, darunter auch viele Geschenke von Kolleg:innen. Um Studierenden ein Gefühl für die Themen, für die Becks ansprechbar ist, zu vermitteln, präsentiert sie die Bücher, die für sie Grundlagen konstituieren, immer angelehnt in ihrem Regal. Ebenfalls lehnt auf ihrem Schreibtisch normalerweise das Buch,  das sie aktuell liest, „weil ich versuche, alle Menschen zum Lesen zu animieren“, so Becks. Oft genutzte Arbeitsbücher teilt sie sich mit ihrem Mann und bewahrt diese deswegen zuhause auf, wo sie ebenfalls zwei Wände an privaten Büchern wie Romanen oder Basketballer-Biografien angesammelt hat. Obwohl sie lieber auf Papier liest, sei es für die Arbeit jedoch „praktischer, vor allem für die Suchfunktion“, digital zu lesen. 

„Wenn es ums Lesen geht, kommt Qualität von Quantität.“ 

Becks, die unter anderem zu Curriculum Studies, angewandter Phänomenologie, Schul- und Bildungsforschung sowie angewandter Pädagogik forscht, beschreibt ihre Forschungsschwerpunkte als „eklektisch“. Seit ihrer Promotion im Bereich internationaler vergleichender Bildungswissenschaft habe sich ihr Fokus in der Forschung verändert: „Viele meiner Kolleg:innen können ein hohes Maß an Spezialisierung anbieten. Ich kann ein hohes Maß an Breite anbieten.“ Literatur, deren „Wirkung nicht verfliegt“, sei hierfür unter anderem Das Problem der sozialen Wirklichkeit (1971) von Alfred Schütz, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (1966) von Berger Luckmann und Peter L. Berger, Democracy and Education (1916) von John Dewey sowie die erste Vorlesung von Johann Friedrich Herbart (1802). Besonders diese Vorlesung sollten Becks nach alle Bildungswissenschaftler:innen gelesen haben: „ohne das ist Lehren nicht denkbar“. The Child and the Curriculum (1902) von John Dewey und die Texte von Johannes Bellmann seien ebenfalls unabdingbar für ein Studium der Bildungswissenschaften. Werke wie Teaching as a reflective Practice (2000) von Westbury, Hofman und Riquart und die Werke von Sophie Loidolt habe Becks persönlich als so prägend empfunden, dass sie sie gerne früher gelesen hätte. Besonders die Forschung von Matthew Ratcliffe, in der er philosophische Konzepte auf psychiatrische Forschung angewendet hat, hätte für sie neue Horizonte eröffnet. Insgesamt hält die Bildungswissenschaftlerin jedoch fest: „Qualität kommt beim Lesen von Quantität“, es komme also hauptsächlich darauf an, dass man liest, „so viel man irgendwie kann – und dann findet man seine Ecke“. 

„Wenn man Menschen lehrt, dann übernimmt man für sie Verantwortung.“

Privat liest die Bildungswissenschaftlerin vor allem „querbeet“ und am liebsten in Originalsprache. Momentan liest sie After the Fall (2021) von Ben Rhodes, der Teil der Obama-Legislatur war. Zu ihren liebsten Autor:innen gehören Paul Auster, David Lodge und Siri Hustvedt; Inspiration findet sie in den Formaten Das literarische Quartett des Senders ZDF und im  Format Literaturclub des SRF. Beruflich stehen demnächst mehrere Masterarbeiten und Forschungstexte an. „Ich habe mir vor Jahren, schon während meiner Promotion, angewöhnt, mindestens einen Forschungstext pro Tag zu lesen“, so Becks, da man sonst mit der Forschung nicht mithalten könne. Publikationen seien für sie „Laufbandarbeit, im Idealfall“ – momentan arbeitet sie allein und kollaborativ an sieben Texten. Dass Becks nicht nur ihre Forschung, sondern auch die Lehre wichtig ist, wird an ihrer für sie selbstverständlichen Lehrphilosophie deutlich: „immanent kritisch – studierendenzentriert – aktivitätsbezogen – selbstreflektierend – formaktiv“. Hiermit kommuniziert Becks ihre Art, zu arbeiten und zu lehren an Studierende und Institutionen. „In der englischsprachigen Welt ist das bereits Standard, weil man wissen will, wie Sie andere dazu anleiten, das zu verstehen, was Sie schon verstehen“, beschreibt Becks das Konzept. „Ich finde, wenn man Menschen lehrt, dann übernimmt man Verantwortung“, weshalb eine Lehrphilosophie für Studierende, deren Zeit, Leben und Zukunft zu einem gewissen Ausmaß in den Händen der Lehrperson liegt, hilfreich sei. Nicht nur um zu sehen, was sie im Unterricht erwartet, sondern auch, um „Zugriff, Lehrende in deren eigene Verantwortung zu nehmen“ zu bekommen – „was vielleicht erklärt, warum manche davon eher zurückschrecken“, überlegt Becks. In der Praxis äußert sich ihr Lehrkonzept beispielsweise schon in der Wortwahl – so heißen Sprechstunden bei Becks nicht Sprechstunden, sondern Beratungsstunden, woran sich bereits das Verhältnis von Lehrperson zu Studierenden anders konstituiert. 

„Migration [wird] hier oft als Problem konstruiert.“ 

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Dinge, die im Leben wichtig sind, einen finden und nicht umgekehrt“, reflektiert Becks über die Forschung. Sie sei der Überzeugung, dass Forschungsschwerpunkte letztlich gefunden werden, „weil wir so sind, wie wir sind, ohne zu wissen, warum das so ist“. Zum Bereich der Phänomenologie kam sie beispielsweise durch die Vorlesung, mit der Ratcliffe seine Professur in Wien antrat. Das Thema war für Becks „intuitiv erfassbar“: „Ich bin ein sogenanntes ‘Kind mit Migrationshintergrund’“. Bei uns zuhause hat man immer mehrere Sprachen gesprochen. Mir war intuitiv von Anfang meines Lebens an klar, dass die Frage, wer Menschen sind und wo sie leben, nichts miteinander zu tun hat“, so die Bildungswissenschaftlerin, weshalb sie auch mit Konzepten wie Nationalstolz überhaupt nichts anfangen könne. Auch Themen wie Migration könne sie aus diesem Grund eher schwer beforschen, „weil Migration hier oft als Problem konstruiert wird“ statt „als Lebens- und Lerngegebenheit wie viele andere Eigenschaften“. Ihre Forschungsschwerpunkte, glaubt Becks, hätten sich also „nicht aus einem intellektuellen Anspruch heraus“ entwickelt, sondern weil sie so ist, wie sie ist. „Das System erwartet, dass man eine Notwendigkeit benennt, auf die man reagiert oder ein Problem benennt, dass man dann vorgibt, zu lösen“, sagt die Bildungswissenschaftlerin mit dem Einwurf, dass in der Forschung auch Probleme gelöst werden, „aber es hat vielmehr mit den Menschen selbst zu tun, als mit irgendwelchen anderen Dingen.“

Rabea (25) ist seit September 2023 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Anglophone Studies und Germanistik an der UDE.

Rabea Jung

Rabea (25) ist seit September 2023 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Anglophone Studies und Germanistik an der UDE.

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