Ein Kommentar von Evangeline Asieduaa
Eines der größten Exportländer für Film und Musik ist der Nostalgie verfallen. Aktuell steckt Hollywood in einer endlosen Schleife aus Reboots, Reboots und weiteren Reboots, aus der man sich nicht zu befreien weiß.
Als die Schauspielenden Anne Hathaway und Stanley Tucci im vergangenen Jahr ihre sozialen Netzwerke nutzten, um den offiziellen Produktionsstart des zweiten Teils des Kultklassikers The Devil wears Prada zu verkünden, war ich erst verwirrt, dann begeistert und dann doch wieder genervt. Verwirrt, da die ursprüngliche Geschichte von Andrea im Standalone-Film ja eigentlich auserzählt war (na ja, das dachte ich zumindest) und dementsprechend keine Grundlage für eine Fortsetzung der Story lieferte. Begeistert, da die führende Filmindustrie der Welt in den letzten Jahren mit ihrer Auswahl an Must-See-Kinofilmen nicht wirklich glänzen konnte. Daher war sie gezwungen, ihre altbewährte Finanzstrategie über Bord zu werfen und stattdessen eine neue zu implementieren, die möglicherweise meine Liebe zum US-amerikanischen Film wieder hätte entfachen können. Falsch gedacht! Hollywoods neueste Strategie ist es gerade, die Bedürfnisse einer Generation zu erfüllen, die für ihre Nachahmungsgelüste in die Geschichte eingehen wird: Sie richtet sich an niemanden Geringeren als an die Gen-Z, die Nostalgiker:innen. Sie sehnen sich nach dem Charme und der Ästhetik der Filme und Serien der 1990er- und frühen 2000er-Jahre, in denen Geschichten ungezwungen erzählt wurden, ohne gewisse Tropes erfüllen zu müssen. Mit The Materialists hat die Drehbuchautorin und Regisseurin Celine Song den Versuch gewagt, das aussterbende Genre der romantischen Komödien wiederzubeleben. Spoiler: Das Endergebnis, das die Zusammenarbeit von Song mit der aufstrebenden Produktionsfirma A24 liefert, ist ein Film, der die Zutaten für eine perfekte 2000er-Jahre Romcom liefert, allerdings in seiner Umsetzung kläglich scheitert. Im Film spielt Dakota Johnson eine New Yorker Partnervermittlerin, die sich im Laufe des Films in einem Liebesdreieck wiederfindet und daher gezwungen ist, zwischen dem wohlhabenden Unternehmer, gespielt von Pedro Pascal, und dem gescheiterten Schauspieler, gespielt von Chris Evans, entscheiden zu müssen. Anstatt die Essenz eines klassischen Romcom-Films beizubehalten, sieht sich die Autorin genötigt, eine Gesellschaft zu kritisieren, die sich zunehmend einer neoliberalistischen Ideologie unterwirft, die die Partnerwahl von (zweckrationalen) ökonomischen Interessen abhängig macht. Eine Thematik, die in jedem anderen Genre meine ungeteilte Aufmerksamkeit erhalten hätte, wirkte hier einfach nur deplatziert. Für einen Film, der als ein zeitgenössischer Romcom-Film vermarktet wurde, hat The Materialists alles verkörpert, was in der heutigen Filmindustrie falsch läuft.
Letztendlich bleibt der A24-Film dank seiner Starbesetzung, ästhetischen Kinematografie und Johnsons merkwürdiger Schauspieltechnik trotzdem in Erinnerung.
Der aktuelle Stand der Filmindustrie
Weltweit konkurrieren Streaming-Anbieter und Kinounternehmen um die Film-Vorherrschaft, bei der, laut den jüngsten Berichten, die Streaming-Anbieter die Nase vorn haben. Die Konsequenz dessen ist die Verdrängung der Mid-Budget-Filme: Filme, die üblicherweise in der Produktion zwischen 20 und 60 Millionen US-Dollar kosten und bis heute noch großen Einfluss auf die Popkultur ausüben. Filme wie Forrest Gump und The Shining sind mit diesem geringeren finanziellen Aufwand entstanden. Als einziger Lichtblick hat sich A24 etabliert: Dem ist es gelungen, Mid-Budget-Filme wie The Materialists, Moonlight, Lady Bird, Midsommar, Everything Everywhere all at once und viele weitere in den Mainstream zu katapultieren. Auch wenn es an der Abendkasse nicht mit dem Giganten Warner Bros. konkurrieren kann.
Lange Zeit waren Major-Budget-Movies die höchste Einnahmequelle für Hollywood, bis man den Nostalgie-Boom für sich entdeckte. In den 2010er-Jahren wurde der Filmmarkt mit Superhelden- und Actionfilmen übersättigt, in denen Jason Statham, Tom Cruise oder Keanu Reeves – gelegentlich musste auch er mal herhalten – ihre Rachegelüste für eine hypermaskuline Zielgruppe befriedigten, während Marvel Studios allmählich sein Cinematic Universe aufbaute und DC Studios drohte, seine noch so treuesten Comic-Fans zu verlieren. Die 2020er-Jahre sollte für einen Umbruch sorgen: Drei Jahre zuvor erlebte die #MeToo-Bewegung ihren Höhepunkt, gleichzeitig vereidigten die USA einen Präsidenten, der die Aussage „Grab them by the pussy” verteidigte und als eine angemessene Leitlinie für den Umgang mit Frauen darstellte. Der Mord an George Floyd und die daraus resultierenden Proteste, die sich weltweit erstreckten, konnten diesen Umbruch nicht aufhalten.
Die Stimmen, die den Wunsch nach zeitgenössischem Storytelling hegen, wurden lauter, bis sich Filmkonzerne ihren Forderungen beugten und von nun an dazu verpflichteten, die Geschichten von marginalisierten Personen in den Fokus zu rücken und ihre (vermeintlich) apolitische Haltung über Bord zu werfen. Was als angemessene Forderung einging, setzten die Filmschaffenden so miserabel um, dass ich mir fast die Zeit zurückwünsche, in der Thematiken rund um „Wokeness” belächelt beziehungsweise erst gar nicht angesprochen wurden.
Fast schon pseudozeitgenössisch werden Filme heutzutage anhand einer vorgefertigten Checkliste konzipiert, um die Cancel-Culture-Bewegung nicht zu verärgern. „Serien mit starker weiblicher Hauptrolle?” Check! „Von Frauen geschriebene Filme?” Check! LGBTQ+-Filme?” Check! Dann wirft man noch einen:eine der angesagtesten Schauspieler:innen einer marginalisierten Gruppe in den Mixer und fertig ist das Meisterwerk des Unschaubaren.
Für die Marketingabteilung ist es dann ein Leichtes den Film über Social Media mit Hashtags wie #Girlboss, #CelebratingWomenhood und #WomenLead in aller Munde zu bringen. Um im Einklang mit den Rahmenbedingungen zu bleiben, wird der Filmdialog zwanghaft angepasst und mit einer oberflächlichen und oftmals deplatzierten gesellschaftspolitischen Kommentierung versehen, die gerade noch genug aneckt, um den Durchschnittsboomer dazu zu bringen, frühzeitig und stampfend den Kinosaal zu verlassen.
