Ein Gastartikel von Zara Mohseni
Wissenschaft wird gerne als Ort reiner Neugier und Wahrheitssuche inszeniert. Offizielle Uni‑Broschüren zeigen glänzende Geräte, Teamwork und konzentrierte Köpfe, die Seite an Seite am großen Rätsel des Lebens arbeiten. Die Realität hinter den Labortüren ist jedoch deutlich komplexer und oft toxischer. Sie ist bestimmt von Egos, Gossip und einem Wettlauf um schnelle Daten, der in vielen Fällen wichtiger wird als gründliche und reproduzierbare Forschung.
Dieses Bild stammt nicht nur aus meinen persönlichen Erfahrungen. Es ist allgemein bekannt, dass viele Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler mentale Probleme entwickeln und im Stillen leiden. Fehlermanagement, starre Machtstrukturen und permanenter Zeitdruck sind in zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen kein Ausnahmefall, sondern schlichtweg Alltag. Meine ersten Erfahrungen in zwei Essener Laboren zeigen, wie sich diese Strukturen konkret und spürbar im täglichen Arbeiten manifestieren.
Fehler als Munition für Gossip
Fehler sind eigentlich ein selbstverständlicher Teil des Lernprozesses. In manchen Laboren werden sie jedoch nicht als Ausgangspunkt für konstruktives Feedback genutzt, sondern als Munition für abfällige Bemerkungen. Sobald jemand den Raum verlässt, beginnen Gespräche hinter vorgehaltener Hand.
Ein Beispiel hat sich mir besonders eingeprägt. Eine Doktorandin führte eine PCR‑Mycoplasmen‑Analyse (ein Test, der prüft, ob Zellkulturen mit unsichtbaren Bakterien verunreinigt sind) fehlerhaft durch, es gab kein valides Ergebnis. Am nächsten Tag wusste es bereits das ganze Labor. Nicht, weil der Fehler dokumentiert oder offiziell besprochen wurde, sondern weil er in der Kaffeepause seinen Weg durch das Labor fand. Währenddessen konnte ich beobachten, wie sie zahlreiche Kolleg:innen um Hilfe bat, um ihre Fragen klären zu können. Die Reaktionen blieben ablehnend. Ein unausgesprochenes Signal, dass es selbstverständlich sein sollte, solche Probleme allein zu lösen.
Diese Haltung ist kein Einzelfall. Sie zeigt ein System, das fehlende Erfahrung nicht als normalen Bestandteil von Ausbildung, sondern als Schwäche interpretiert. Eine offene Hilfekultur existiert kaum. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass Respekt erst verdient werden muss, indem man Schwierigkeiten still und allein bewältigt. Das Ergebnis ist ein Arbeitsklima, in dem die Angst vor Fehlern zu übervorsichtigem Arbeiten führt oder paradoxerweise zu noch mehr Fehlern, weil Stress und Unsicherheit permanent präsent sind.
Egospielchen
Wissen ist Macht. Diese Macht kann man teilen oder gezielt einsetzen, um andere klein zu halten. In den Laboren, die ich kennengelernt habe, wurde Wissen häufig zur Machtdemonstration genutzt. Immer wieder kam es zu sogenannten Expert:innenschlachten, besonders in Meetings. Nicht die Lösung eines Problems stand im Vordergrund, sondern die öffentliche Inszenierung von Kompetenz.
Der gemeinsame Labortisch wirkte weniger wie ein Arbeitsplatz und mehr wie eine Bühne. Zusammenhalt entstand vor allem dann, wenn gemeinsam über andere Arbeitsgruppen gelästert wurde. Das Verspotten von Nachbar‑AGs schuf kurzfristige Nähe im eigenen Team, während intern weiterhin Konkurrenz herrschte. Besonders Studierende litten unter dieser Dynamik. Sie dienten als Projektionsfläche, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Ihre Fehler wurden öffentlich hervorgehoben, während vergleichbare Fehler von Doktoranden oft kommentarlos hingenommen wurden.
Studierende als Datengeneratoren
Eine weitere Realität, die viele Außenstehende nicht kennen, ist die Rolle von Studierenden als unbezahlte Arbeitskraft für die Datenproduktion. Das gilt besonders für Praktika und sogenannte Laborrotationen. Dabei wechseln Studierende für einige Wochen zwischen verschiedenen Arbeitsgruppen, um Laborerfahrung zu sammeln. Offiziell dient das dem Lernen, praktisch aber oft produktiver Forschungsarbeit. Alles drehte sich um schnelle Ergebnisse, eine Art “Fast Data”-Mentalität, bei der Produktionsgeschwindigkeit mehr zählte als Präzision. Daten wurden für Förderanträge oder schnelle Publikationen produziert, mit dem Ziel, der Konkurrenz zuvorzukommen und sie nicht zitieren zu müssen. Wer zuerst veröffentlicht, erhält die wissenschaftliche Anerkennung allein.Wer gründlich arbeitet oder ausbildet, verliert Zeit.
Arbeitszeiten existierten nur theoretisch. Wenn Daten gebraucht wurden, blieb man so lange, bis sie fertig waren. Das war ein weiterer Grund dafür, dass Studierende im Labor oft eher Arbeitskräfte als Lernende waren. Manchmal ging es um 18 Uhr nach Hause, manchmal um 22 Uhr, unabhängig davon, wann der Arbeitstag begonnen hatte. Entscheidend war allein, dass die Daten geliefert wurden. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf wissenschaftliche Veröffentlichungen nachhaltig verändert. Wie viel Vertrauen kann man Ergebnissen schenken, wenn Geschwindigkeit wichtiger ist als Qualität? Vielleicht wäre es an der Zeit, Studierenden systematisch beizubringen, wie man wissenschaftliche Paper kritisch hinterfragt, statt sie als unantastbare Wahrheiten zu behandeln.
Informelle Macht und soziale Kontrolle
Toxische Laborkultur entsteht nicht nur durch Professorinnen oder Professoren. Häufig geht sie von Personen auf mittleren Hierarchieebenen aus, etwa von Postdocs oder Laborleitungen. Diese Personen verfügen oft über informelle Macht, ohne offiziell als Führungskraft benannt zu sein. Sie entscheiden, wer Zugang zu Ressourcen hat, wer Unterstützung bekommt und wer als „Teil des Labs“ gilt.
Besonders problematisch ist diese Dynamik in Laboren, in denen der:die Haupt‑PI (Principle Investigator) selten präsent ist. In diesem Machtvakuum setzen sich jene durch, die am lautesten auftreten. Für neue oder weniger vernetzte Mitglieder bedeutet das, dass sie nicht nur wissenschaftlich arbeiten müssen, sondern ständig soziale Minenfelder navigieren. Forschung wird so zur Nebensache, während mikropolitische Absicherung und Konfliktvermeidung den Alltag bestimmen.
Nicht alle Labore, aber leider zu viele
Sicherlich ist das nicht in allen Laboren der Fall. Vielleicht hatte ich schlicht Pech, zwei Arbeitsgruppen mit ähnlichen Strukturen zu erleben. Dennoch existieren diese Muster an vielen Orten. Studierende sollten darauf vorbereitet sein, ihre Stimme früh zu nutzen und ihre Erwartungen klar zu formulieren.
Zu Beginn eines Projekts sollten Betreuende gemeinsam mit Studierenden einen realistischen Plan festlegen, der Arbeitszeiten, Lernziele und Meilensteine umfasst. Niemand sollte Angst haben, eigene Forderungen zu stellen, nur weil er oder sie eine Praktikums‑ oder Werkstudierendenstelle innehat. Eine Ausschreibung bedeutet nicht automatisch, dass Ausbildung im Vordergrund steht. Häufig wird schlicht zusätzliche, „günstige“ Arbeitskraft benötigt.
Fazit und Appell
Wissenschaft lebt vom Enthusiasmus der Menschen, die sie betreiben. Wenn Strukturen wie die beschriebenen bestehen bleiben, wird dieser Enthusiasmus schneller verbrennen, als er nachwachsen kann. Dieser Text soll kein Einzelfall bleiben. Wenn ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt, in Essen oder anderswo, schreibt mir an zara.mohseni@stud.uni-due.de. Ich möchte diese Berichte sammeln, anonymisieren und als Fortsetzung veröffentlichen. Nur wenn diese Erfahrungen sichtbar werden, lassen sich Strukturen hinterfragen und verändern, die Nachwuchs und Wissenschaft gleichermaßen schädigen.
