Immer weiter optimieren, alles unter Kontrolle haben: so sehen die Denkmuster in unseren Köpfen oft aus. Aber was, wenn Loslassen kein Kontrollverlust ist, sondern ein Gewinn? Hier sind sieben Ideen, wie man den eigenen Druck ein bisschen minimieren kann – mal leise, mal laut, mal mit ganz viel Adrenalin.
Mit Ende 20, naja okay, 27, habe ich angefangen zu begreifen, dass Kontrolle oft nur eine Illusion ist. Manchmal hatte ich das Gefühl, mein Leben sei ein bisschen wie Autofahren mit Tempomat: Es läuft, aber man merkt erst im Nachhinein, wie krampfhaft man vorher am Steuer gezerrt hat. Kontrolle ist mein Sicherheitsgurt. Auch wenn ich diesen Rat schon seit etwa sechs Jahren Freundinnen mitgebe, verinnerliche ich selbst erst jetzt langsam, dass Loslassen nichts mit Aufgeben zu tun hat. Es ist eher wie das Fenster runterkurbeln bei 120 km/h: laut, befreiend und irgendwie ein bisschen hot. Jetzt merke ich, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn nicht alles nach Plan läuft und vor allem, wenn Leute, die einen nicht kennen, einen nicht mögen.
Hier sind sieben Übungen, die dabei helfen können, diese Leichtigkeit zu üben und sich herauszufordern (von Anfänger:in bis fortgeschritten):
1. Sorgen im Marmeladenglas

Ein leeres Marmeladenglas, einen Zettel und einen Stift: Mehr braucht es nicht. Immer wenn ein Gedanke mich nicht loslässt – ein Streit, eine Angst, ein Druck, den man nicht abschalten kann – einfach aufschreiben, zusammenfalten und ins Glas werfen. So gibt man es symbolisch ab an das Universum, ans Leben oder was auch immer. Und dann: bewusst etwas anderes tun. Es ist erstaunlich, wie befreiend dieser kleine, unscheinbare Akt sein kann.
2. Wellenreiten

Statt Stresswelle einfach mal die grüne Welle reiten! (Wie man im Surf-Jargon so sagt.) Ich dachte lange, Surfen sei etwas für Menschen mit perfekten Körpern und Instagram-Feeds. Aber als ich mich dann beim Besuch einer Freundin im Erasmus in Portugal überreden ließ, einen Surfkurs mitzumachen, habe ich etwas Essentielles verstanden: Wellen haben keine Regeln. Zumindest kannst du sie nicht beherrschen, sondern nur mit ihnen gehen. Du fällst, du schluckst Salzwasser, du fluchst, aber dann erwischst du eine Welle, stehst auf, lachst und merkst: Kontrolle war nie der Punkt. Es geht ums Mitgehen, ums Vertrauen, dass die Welle dich trägt.
3. Digital Detox

Ein Tag ohne Smartphone klingt harmlos, aber probier es mal: kein Scrollen, keine Nachrichten, keine ständige Erreichbarkeit. Am Anfang fühlt es sich an, als würde man etwas verpassen und dann merkt man, wie still der Kopf wird. Wie viel mehr Platz da ist für eigene Gedanken, für Gespräche, für echte Langeweile. Und die ist oft der Anfang von etwas Gutem.
4. Körper statt Kopf fragen

Manchmal weiß der Körper längst, was der Kopf nicht wahrhaben will. Statt noch eine To-do-Liste zu schreiben, einfach mal hinlegen, atmen, den Rücken spüren. Oder Yoga machen, oder Stretching. Es geht nicht um Leistung oder Flexibilität, sondern darum, zuzuhören. Manchmal steckt die Antwort auf die große Frage nicht im Kopf, sondern in den Schultern, die seit Wochen angespannt sind.
5. Sex and the Trapezsprung

Es gibt diese Szene in Sex and the City, Staffel 6, Folge 8: Carrie hängt an einem Trapez, lässt los und wird gefangen, wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Das ist genau das, was Trapezkurse versprechen: ein paar Meter über dem Boden die Kontrolle abgeben und merken, dass man fallen kann, ohne kaputtzugehen. Es kostet Überwindung (und bestimmt auch Geld), klar. Aber dieser kurze Moment im freien Flug, wenn man alles loslässt, bleibt.
6. To Karaoke (Or not to Karaoke)

Auf jedem zweiten Geburtstag werde ich konfrontiert mit der Frage: Bin ich wirklich so verklemmt? Karaoke scheint fast jede:r Spaß zu machen, außer mir. Es trennt die Spreu vom Weizen: Wer kann im Moment leben und wer ist im Kopf gefangen? Karaoke ist nämlich kein Hobby, es ist eine Übung in Selbstakzeptanz. Es gibt keinen perfekten Ton, keinen perfekten Auftritt. Nur du, ein Mikrofon und die Bereitschaft, dich nicht zu ernst zu nehmen. Wer einmal schief „Bohemian Rhapsody“ in ein übersteuertes Mikro geschrien hat, weiß, wie befreiend das ist!
7. Endgegner: Improvisationskurs

Seit jeher mein absolut größter persönlicher Albtraum: Ohne Skript, ohne Kontrolle, einfach in eine Szene springen und gucken, was passiert? Der Gedanke allein treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Aber vielleicht, irgendwann, wage ich es. Weil genau da, im völligen Kontrollverlust, das größte Potenzial liegt: zu merken, dass man auch ohne Drehbuch bestehen kann.
