„Frech und keck, schamlos, zündelnd.” @ichwillnurficken bleibt seinem Namen auf Instagram treu – zumindest in seinen Videos. Wir haben mit dem Mann hinter den ralligen Reels über seine DMs, schwule Männer im besten Alter und OnlyFans gesprochen.
„Auf meinem Instagram-Kanal @ichwillnurficken teste ich die Grenzen des sozialen Miteinanders”, deklariert der Content Creator der besonderen Art. Den Insta-Handle hat sich Jurek, derzeit Student in Baden-Württemberg, ohne einen Plan, den Kanal wirklich zu bespielen, gesichert. Ein Hobby, das er auf Instagram und mit Webdomains regelmäßig betreibt. „Immer wenn mir ein dummer Name eingefallen ist – random Geistesblitze könnte man schon fast sagen – habe ich einfach geguckt, ob dieser Name verfügbar ist. So habe ich einfach voll viele Accounts mit irgendwelchen dummen Namen.”
Über einen Monat nach Erstellung des Accounts „an einem verheißungsvollen Tag” dachte er sich: „Ich könnte dieser Person, diesem leeren Namen, dieser leeren Hülle doch mal eine Persona geben und schauen, was passiert.” Also lädt er sein erstes Video als @ichwillnurficken hoch und beendet es mit den Worten „also, wenn jemand will…” Der ausschlaggebende Impuls, dort „Content zu machen und dann auch wirklich schamlos in die Kamera zu brabbeln, war ein Sommer in Berlin.” Mit Erfolg: Sein erstes Reel hat mittlerweile über 700.000 Views.
Daraus entstanden ist eine Persona, mit der er in kurzen Reels zur Interaktion aufruft. Es geht um Sex auf dem Uniklo, Fesselspielchen und seinen Typ. Seine Takes sind frech, direkt, schamlos und ein gutes bisschen schmierig. Mit der Privatperson Jurek hat sie aber nur bedingt etwas zu tun: „So notgeil, wie ich mich auf dem Account gebe, bin ich im echten Leben tatsächlich nur einen sehr, sehr geringen Anteil meiner Zeit.” Probleme oder Zurückhaltung, sich so auf Instagram zu präsentieren, empfindet er jedoch nicht. Vielmehr handelt es sich um ein Experiment, mit dem er versucht, seine eigenen Grenzen zu erkunden. „Ich habe nicht so eine hohe Schamgrenze oder überhaupt… Ich weiß gar nicht, ob da eine Grenze existiert.”
„Es ist sehr viel effektiver als Dating-Apps”
Natürlich rufen seine Videos Reaktionen hervor. Meistens fordert er Interessierte sogar auf, eine DM zu schreiben oder Bilder zu schicken. „Man könnte jetzt vielleicht denken, dass mit einem so plumpen, sehr oberflächlichen Content keine ordentliche Konversation zustande kommen würde. Dem ist aber nicht so – ich hatte schon echt coole Gespräche.”
Als selbst bezeichneter „undiagnosed ADHD-Potential-Instagram-Süchtiger” freut er sich über die vielen Interaktionsmöglichkeiten auf Instagram: „Ich kann den ganzen Tag auf Instagram verbringen und ich muss nicht mal mehr Reels scrollen. Ich kann nur mit Leuten interagieren, die mit mir interagieren wollen.” Es ist wie Hinge und Co., nur ohne swipen zu müssen. Weniger einkalkuliert war die Demographie seiner Zuschauerschaft: „Also, von Anfang an kriege ich DMs von hauptsächlich älteren Herren, die sich definitiv direkt adressiert empfinden durch meine Ansprache.”
Nacktbilder statt Hate-Kommentare
Nacktbilder und anzügliche Nachrichten gehören dabei zum Alltag in seinen DM-Anfragen. Die Bezeichnung sexuelle Belästigung wäre hier falsch, denn @ichwillnurficken fordert Bilder und Nachrichten explizit in seinen Reels. Was die Instagram-Persona gefordert hat, muss sich Jurek dann aber anschauen. Vor allem schwule Männer im mittleren Alter folgen diesen Aufforderungen und kommentieren fleißig unter neuen Reels. „Das Bild, das ich abgebe, bewirkt es halt.” Zuschauer:innen in ähnlichem Alter wie er selbst melden sich bei ihm häufig eher auf der Metaebene, deklarieren, wie lustig sie den Account finden. Er meint: „Da ist schon ein bisschen mehr Substanz dabei gewesen.”
Neben den positiven und anzüglichen Rückmeldungen fehlt ihm aber noch etwas. Dass er noch keine Hater hat, enttäuscht Jurek etwas: „Ich denke mir immer, bis man keinen Hater hat, ist man nicht relevant genug und ich schaffe es einfach nicht. Guck mal, wie weit ich schon gegangen bin.” Mit einem Lächeln auf den Lippen beschwert er sich: „Ich suche Validation und anstatt Hate zu bekommen, kriege ich Nacktbilder, Mann.”
Das Engagement seiner Community hat aber auch unerwartete Folgen auf sein Privatleben: „Die ersten beiden Wochen habe ich nur auf Instagram verbracht. Also für meine Freunde – selbst wenn ich [physisch] da war, war ich mental nicht da.” Deshalb waren mehrere Vorfälle, als @ichwillnurficken von Instagram gesperrt wurde, eine Art Aufatmen für Jurek. Bisher konnte er seinen Account, genauso wie kurzzeitig gesperrte Reels, immer wieder freischalten. Der Vorwurf von Instagram lautet dann „Aufruf zu sexuellen Handlungen.” Jureks Antwort: „Mein Content ist ein Witz.” Im schlimmsten Fall hat Jurek aber immer noch seinen Backup-Account @suchegothbaddie oder er belebt einfach einen der zahlreichen anderen Insta-Handles, die er sich gesichert hat, um weiterhin seine Community zum Cringen oder Schmachten zu bekommen.
Eine Zukunft auf Only-Fans?
Die Zukunft des Kanals könnte für Jurek in mehrere Richtungen gehen. Die Nachfrage nach einem OnlyFans-Account scheint zu bestehen. Bevor er jedoch damit anfangen würde, könnte er sich eher vorstellen, getragene Unterwäsche zu verkaufen. „Da bin ich jetzt in den Genuss gekommen, dass Anfragen erschienen sind in meinen Nachrichten. Eigentlich eine gute Idee, auch einfach mal die Gewässer zu testen. Also ich glaube, das wird mein nächstes Video.” Eine weitere Idee wären Amazon-Wishlists, von der ihm Supporter:innen dann Items bestellen können.
Von OnlyFans hält ihn bisher noch eine weitere Sache ab. Gegenüber der potenziellen Kund:innen sieht er sich in einer moralischen Verantwortung. Da er selbst weiß, welchen Einfluss pornografische Inhalte auf die Psyche haben können, zögert er. „Ich will ungerne meine Reichweite nutzen, um Einsamkeit in dieser Welt zu befeuern, was ich durch Pornografie auf jeden Fall sehe.”
Jureks moralischer Kompass funktioniert anscheinend einwandfrei, egal wie lustig, cringe oder gar verwerflich man seinen Content auch finden könnte. Selbst sagt er dazu nur: „Tja, es gibt schon echt komische Dudes auf dieser Welt. Ich bin einer davon, aber ich versuche schon, mich irgendwo von meinem Gewissen leiten zu lassen.”
