Poet in Residence feiert 50-jähriges Jubiläum an der UDE [Foto: Sofie Bayer]
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50 Jahre Poet in Residence – Ein Besuch der Poetikvorlesung „Schreiben in Zeiten des Krieges und Völkermordes“ von Karosh Taha

12. November 2025

Sprache als Macht, Diktatur als männliches Prinzip, Schreiben als Verantwortung: Mit diesen Themen eröffnet die Autorin Karosh Taha das 50-jährige Jubiläum von Poet in Residence an der UDE – und zeigt, wie Literatur politisch sein kann, ohne ihre Poesie zu verlieren.

Alles an Karosh Taha strahlt eine gewisse Ernsthaftigkeit aus. Ihre rauchige Stimme, mit der sie aus ihrem Roman vorliest, die Zeit, die sie sich lässt, um zwischen zwei Absätzen einen Schluck Wasser zu trinken, ihr unaufgeregter Blick, der währenddessen durch das Publikum schweift. Auch Richard Kämmerlings, der sie 2018 nach Erscheinen ihres Debütromans Beschreibung einer Krabbenwanderung für Die Welt interviewt, schreibt sie „lacht ihr ganz ernstes Lachen“. Diese Beobachtung deckt sich mit dem Eindruck, den die Schriftstellerin vergangenen Dienstag, den 4. November, bei ihrer Poetikvorlesung im Rahmen von Poet in Residence vermittelt. Hier macht sie den Auftakt der diesjährigen Veranstaltungsreihe.

Das Konzept Poet in Residence kommt ursprünglich aus den USA und wird dort nach wie vor an den renommiertesten Institutionen praktiziert. Lyriker:innen sind für begrenzte Zeit – mal eine einzelne Veranstaltung, mal einen längeren Arbeitsaufenthalt – zu Gast an einer Universität, um dort mit Studierenden und der Öffentlichkeit über Literatur, Schreiben und Lesen ins Gespräch zu kommen. Während ihrer einleitenden Worte zur Lesung von Karosh Taha betont Veranstalterin Prof. Dr. Corinna Schlicht, Poet in Residence lebe von der Autor:in UND dem Publikum. Die Veranstaltungsreihe fand an der UDE (bzw. der damaligen Universität-Gesamthochschule Essen) erstmals im Jahr 1975 statt. Damals war Martin Walser als Poet in Residence zu Gast. Ein halbes Jahrhundert später feiert Poet in Residence nun 50-jähriges Jubiläum. Dieses besondere Jahr steht unter dem Titel „Wo kommen wir her, wo wollen wir hin? Schreiben und Identität in der Gegenwart“. Prof. Dr. Corinna Schlicht erklärt, es geht den Veranstalterinnen darum, „lebendige Literatur an die Hochschule und nicht zuletzt ins Ruhrgebiet zu bringen“. So sind für dieses Jubiläumsjahr drei Autor:innen eingeladen, die einen persönlichen Bezug zum Ruhrgebiet haben.

Eine Stimme haben. Eine Stimme geben. 

Karosh Taha hat selbst ihren Abschluss an der UDE gemacht und kommt für ihre Poetikvorlesung nun nach zehn Jahren wieder zurück an die Uni. Sie liest aus ihrem dritten, noch unveröffentlichten Roman Gulistan.Nachdem sich Tahas erste zwei Romane Beschreibung einer Krabbenwanderung (2018) und Im Bauch der Königin (2021) vor allem mit Fragen der Identität, mit dem Aufwachsen migrantischer Personen in Deutschland und gesellschaftlichen Konventionen befassen, geht es in diesem neuen Buch, laut der Autorin, primär um Körper und Sprache. Gulistan erzählt von der namensgebenden kurdischen Hauptfigur, deren Mann unter dem Regime von Saddan Hussein entführt und als Doppelgänger des Diktators inszeniert wird. Es geht um die Rolle der Erzählung, die das Fundament eines jeden Regimes bildet, und um die Rolle der Frau. „Diktatur ist nicht weiblich, sie ist immer männlich“, so Taha. Am Ende des Romans findet Gulistan ihren Mann, erkennt ihn im Körper des Diktators. Nähe und Entfremdung, Tyrannei und Körperlichkeit treffen aufeinander.

Tahas Handschrift ist ihr poetischer Stil. Die dichten, nicht enden wollenden Sätze springen zwischen Zeiten, zwischen Gedanken und Gesagtem, zwischen Ich-Erzählung und dritter Person. Man liest sich in einen tranceartigen Zustand. Tahas Worte werden zu den eigenen Gedanken und trotzdem versteht man nur einen Bruchteil. „Ein Muttersprachler soll das Gefühl haben, dass es sich hier nicht mehr um seine Muttersprache handelt“, sagt die Autorin. Dass ihr das gelingt, steht außer Frage. Taha will vermitteln, wie es sich als migrantische Person anfühlt, abhängig zu sein von Worten, die man nicht hundertprozentig erfassen kann. Sie selbst erlebt das als Kind, als sie für ihre kurdischen Eltern deutsche Briefe übersetzen muss. Die Tragweite ihres Sprachverständnisses prägt sie und das lässt sie nun – zumindest für die Zeit des Lesens – auch deutsche Muttersprachler:innen spüren. Taha erwartet nicht, dass sich den Leser:innen jeder Satz erschließt, es ist ihr Anspruch, das Gegenteil zu erreichen. Ihr Ziel ist es nicht, dass weiße, deutsche Personen ihre Werke verstehen oder sich mit Figuren identifizieren können. Dennoch möchte sie Verbindungen schaffen und Emotionen auslösen. Es geht ihr um den einen guten Satz, den man wochenlang mit sich herumträgt. Auch wenn das Verstehen für Taha nicht entscheidend ist, traut sie es ihrer Leserschaft trotzdem zu. Schließlich geht es ihr selbst mit Lyrik oft ähnlich: „Auch wenn ich ein Gedicht nicht verstehe, kann ich ein Gedicht verstehen, weil es ein Gefühl berührt.“

Nach der Lesung und Tahas Einordnung des Romans nutzt das Publikum die Gelegenheit, mit der Autorin ins Gespräch zu kommen. Neben Fragen zur deutschen Literatur- und Verlagsbranche und zum Prozess des Schreibens interessiert vor allem: Wem kann und darf ich eine Stimme geben? Dieses Thema treibt Taha lange um – insbesondere im Hinblick auf ihren neuen Roman. Ist es übergriffig oder anmaßend, über etwas zu schreiben, das man so nie selbst erlebt hat? Ist es verantwortungslos, sich dieser Aufgabe nicht anzunehmen? Für Taha beantwortet sich diese Frage, als sie während der Vorbereitung auf dieses Buch in Kurdistan mit Frauen spricht, die unter Saddam Hussein im Gefängnis waren. Das Aufatmen dieser Frauen darüber, dass sich jemand für ihre Geschichte interessiert, löst in Taha ein solches Gefühl von Dringlichkeit und Verantwortung aus, dass für sie klar ist: „Ich muss jetzt diese Geschichte erzählen. Wer erzählt sie sonst?“ Ein guter Punkt. Kurdische Autorinnen in der deutschen Literaturlandschaft sind rar – ebenso wie die Wortgewalt, die Karosh Taha besitzt.

Dieser gut besuchte Auftakt der Veranstaltungsreihe ist politisch und poetisch zugleich – und macht Lust auf die weiteren Poet in Residence-Gäste, ihre Werke, Perspektiven und Impulse.

Die weiteren Veranstaltungen im Rahmen des 50-jährigen Poet in Residence Jubiläums:

Am 11. November kommt Dincer Gücyeter für eine Poetikvorlesung und anschließendes Gespräch unter dem Titel „Zwei Asylsuchende in einer Brust“ an die UDE.

Am 18. November folgt Ralf Rothmann mit einer Lesung aus seinem neuen Erzählband „Museum der Einsamkeit“.

Beide Veranstaltungen finden jeweils um 16 Uhr in R11 T00 D03 am Essener Campus statt, sind öffentlich und kostenlos.

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

Sofie Bayer

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

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