Posted in

Braucht Europa die Mentale Zeitenwende?

23. November 2025

Dr. Claudia Major wurde am 19. November 2025 die Mercator-Professur der UDE verliehen. Frau Major zählt zu den wichtigsten Stimmen europäischer Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Die Politikwissenschaftlerin studierte in Berlin und Paris, promovierte an der University of Birmingham und arbeitete unter anderem für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik und das EU Institute for Security Studies der ETH Zürich. Seit 2025 verantwortet sie beim German Marshall Fund als Senior Vice President die transatlantischen Sicherheitsinitiativen.

Mit der Verleihung der Mercator-Professur war auch ein öffentlicher Vortrag verbunden. Major beginnt ihren Vortrag “Sicherheitspolitische Zeitenwende: Herausforderungen und Handlungsoptionen für Deutschland und Europa” mit einer eindrücklichen Szene aus diesem Frühjahr: der feierlichen Indienststellung der deutschen Panzerbrigade 45 in Litauen. Es rollen deutsche Panzer durch Vilnius, eine Stadt, die in den 40er-Jahren von der Wehrmacht besetzt war. Dazu marschierende Soldat:innen mit Preußens Gloria. “Viel preußischer geht’s eigentlich nicht”, Major dazu. Während die deutschen Offiziere sich damit sichtbar unwohl fühlen, sah man bei den litauischen Gastgebern vor allem Erleichterung und Dankbarkeit. Für sie waren die 5.000 deutschen Soldat:innen keine historische Zumutung, sondern eine Lebensversicherung. Erst als die Soldat:innen merken, wie willkommen sie sind, wich auch die Irritation auf deutscher Seite. Major nutzt diese Episode, um eindrücklich zu zeigen: Politische Entscheidungen wie das Entsenden einer Panzerbrigade lassen sich zwar schnell treffen, aber die mentale Zeitenwende, also ein sicherheitspolitisches Umdenken und das Ankommen in einer neuen Realität, brauche viel länger. Diese neue Realität gliedert die Wissenschaftlerin in drei große Fragen: Was kommt auf uns zu? Mit wem oder wie reagieren? Und wie endet der Krieg?

Was kommt auf uns zu?

Hier fällt Majors Diagnose ernüchternd aus. Sie beschreibt ein Spannungsfeld zwischen sogenannten „revisionistischen Staaten“ wie Iran, Russland und China und den „Status-quo-Mächten“ wie der EU und den Vereinigten Staaten. Europa sei mit einer ganzen Reihe sich verschärfender Bedrohungen konfrontiert – von einem aggressiven Russland über ein zunehmend selbstbewusstes China, das geoökonomisch etwa über Lieferketten Druck ausübt, bis hin zu politischer Instabilität an den Rändern Europas und den Folgen des fortschreitenden Klimawandels.

Darüber hinaus werde Gewalt wieder offen als Mittel politischer Gestaltung eingesetzt. Russland stelle sich systematisch auf einen langfristigen Konflikt mit dem Westen ein und könnte Expert:innen, wie dem deutschen Verteidigungsminister und dem Generalinspekteur der Bundeswehr (quasi der oberste Soldat) zufolge, bereits 2029 waffenfähig sein. Für Europa bedeute dies: Die Phase relativer sicherheitspolitischer Komfortzone sei vorbei.

Hinzu komme, so Major, dass Russland nicht nur mit militärischen, sondern auch mit nichtmilitärischen Mitteln angreife. Dazu zählen gezielte Destabilisierung, politische Einflussnahme oder Cyberoperationen. Major betont eine wachsende Grauzone zwischen Krieg und Frieden, die sie als „Konflikt“ bezeichnet – andere sprechen von „hybriden Angriffen“.

Major betont, dass diese Art von Auseinandersetzung für liberale Demokratien besonders herausfordernd sei. Offene Gesellschaften seien verletzlich gegenüber Desinformation, Einflussnahme und Angriffen auf kritische Infrastruktur, gerade weil sie auf Transparenz, Pluralismus und öffentlichen Diskurs angewiesen sind. 

Mit wem und wie reagieren wir?

Die zweite Frage führt Major zur Rolle der Partner Europas und vor allem zur unsicher gewordenen transatlantischen Beziehung. Die USA blieben militärisch der wichtigste Garant europäischer Sicherheit, doch politisch sei Washington unter Präsident Trump weniger verlässlich. Die Abhängigkeit Europas ist enorm: Von Aufklärung über Luftverteidigung bis hin zur nuklearen Abschreckung stellen die USA zentrale Fähigkeiten. Aus NATO-Plänen ließe sich ablesen, dass in einem Bündnisfall 40% der Verteidigung der Europäischen Union von den USA geleistet würde – zumindest auf dem Papier. Gleichzeitig forciere die US-Regierung eine Neuordnung, die Europa zwinge, schneller eigenständiger zu werden, vielleicht zu schnell.

Wie endet der Krieg?

In der dritten Leitfrage richtet Major den Blick auf den Krieg in der Ukraine und antwortet mit: „Ich weiß es nicht!” Die Forschung unterscheide drei Wege, wie Kriege enden: Sieg der einen Seite (20%), Patt ohne Sieger (30%) und Intervention von außen (50%). Ein Waffenstillstand wäre zwar ein wichtiger Schritt, bedeute aber noch keinen stabilen Frieden. Solange Russland nicht von seinen Kriegszielen abließe, bleibe die Ukraine gefährdet. Entscheidend könnte deshalb sein, wie mögliche Abkommen abgesichert werden können und ob Europa bereit ist, Verantwortung für diese Sicherheit zu übernehmen. Ohne glaubhafte Mechanismen könne der Konflikt jederzeit erneut aufflammen und auch ein Wiederaufbau sei nur erschwert möglich, so Major.

Europas Antwort müsse deshalb ein Dreiklang sein: militärische Abschreckung, robuste Verteidigung und gesellschaftliche Resilienz gegen hybride Angriffe. Viele Länder seien dazu aber noch nicht ausreichend bereit, weder finanziell noch mental. Genau hier setzt Majors Gedanke der „mentalen Zeitenwende“ an. Sie bedeute, so Major, dass Gesellschaften aus ihrer sicherheitspolitischen Komfortzone heraus müssten: weg von der Annahme, dass Frieden und Stabilität selbstverständlich seien, hin zu der Einsicht, dass sie aktiv geschützt werden müssen. Dazu gehöre nicht nur militärische Stärke, sondern auch eine kritische Wachheit im Alltag – durch die konsequente Anwendung eines Zwei- oder Dreiquellenprinzips beim Konsum politischer Informationen, um Desinformation und Manipulation erkennen zu können.

Letztlich, so Major, stehe Europa vor der Frage, ob es den politischen Willen habe, einen langen Abnutzungskonflikt auszuhalten – nicht zwingend militärisch, aber politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Ohne diesen Willen würde Europa schnell zur Verhandlungsmasse anderer Mächte werden. Mit ihm jedoch könne Europa seine Interessen selbstbewusst behaupten. „Es lohnt sich“, so Majors Fazit. „Es ist attraktiver, Spieler zu sein als Spielball.“

Auch die Forschung spiele dabei eine entscheidende Rolle: Sie müsse Orientierung bieten, Entwicklungen einordnen und frühzeitig auf Risiken hinweisen – gerade in Zeiten, in denen Wissen fragiler, Debatten polarisierter und Fakten umkämpfter werden. Wissenschaft könne den politischen Prozess nicht ersetzen, aber sie könne ihn belastbarer machen. 

Auch die Frage eines jungen Zuhörers zeigte, wie präsent die sicherheitspolitische Zeitenwende für die nächste Generation bereits ist. Er wollte wissen, ob angesichts niedriger Verteidigungsbereitschaft in den Umfragen eine Rückkehr zur Wehrpflicht überhaupt sinnvoll sei oder ob nicht vielmehr die Motivation gestärkt werden müsse, das eigene Land überhaupt verteidigungswürdig zu finden. Major widersprach der Idee einer rein militärischen Pflicht deutlich: Eine Wehrpflicht für nur eine Altersgruppe sei weder gerecht noch ausreichend, da die Bedrohungen weit über das Militärische hinausgingen. „Gegen ein DHL-Paket, das explodiert, hilft kein Bundeswehrsoldat“, sagte sie – und machte damit klar, dass viele der aktuellen Gefahren in einer Grauzone zwischen Krieg und Frieden liegen. Statt einer einseitigen Wehrpflicht plädierte sie deshalb für ein breiteres Modell eines gesellschaftlichen Dienstes. In einer Welt, in der Angriffe in Form von Cyberattacken, Sabotage, Desinformation oder kritischer Infrastruktur erfolgen, brauche es nicht nur mehr Soldat:innen, sondern eine Gesellschaft, die insgesamt handlungsfähig sei. Es gehe darum, aus einer Haltung der Ohnmacht herauszukommen und Verantwortung gemeinsam zu tragen.

Mit langem Applaus und wenig Widerworten ging der Abend zu Ende. Claudia Major machte deutlich, dass Sicherheitspolitik nicht fern oder exklusiv militärisch ist, sondern unseren Alltag, unsere Debatten und unsere Demokratie betrifft. Mit der Mercator-Professur wurde also nicht nur eine Expertin ausgezeichnet, sondern auch ein Denkanstoß gesetzt, der weit über diesen Abend hinausreichen dürfte.

Volker (23) schreibt seit September 2023 für die Ak[due]ll. Er studiert Wirtschaftsinformatik an der UDE. Sein Redaktionskürzel ist [vos].