Überquellende Container, illegale Müllberge und verschwindende Sammelstellen: Altkleider werden in NRW zunehmend zum Problem. Seit Anfang 2025 gelten neue EU-Regeln für die Entsorgung von Textilien, doch gleichzeitig bricht das Sammelsystem vielerorts zusammen. Was zunächst wie ein lokales Entsorgungsproblem wirkt, erzählt eigentlich von einer globalen Krise: von Fast Fashion, überfüllten Sammelsystemen und den Folgen unseres Kleidungskonsums, weit über das Ruhrgebiet hinaus.
In ganz Nordrhein-Westfalen verschwinden immer mehr Altkleidercontainer aus den Stadtbildern. Eine WDR-Umfrage mit 153 Kommunen zeigt: 60 Städte und Gemeinden haben allein im vergangenen Jahr insgesamt 654 Container abbauen lassen. Gründe dafür sind vor allem Vermüllung, Vandalismus und wirtschaftliche Probleme. Was eigentlich als unkomplizierte Möglichkeit gedacht war, Kleidung weiterzugeben, entwickelt sich vielerorts zu einem dauerhaften Problem für Städte und Entsorgungsbetriebe.
Seit Anfang 2025 gilt es laut EU-Regelung, alte Textilien grundsätzlich getrennt zu sammeln. Viele Menschen wissen seitdem nicht genau, was überhaupt noch in die Container darf: Stark verschmutzte oder völlig kaputte Kleidung gehört in den Restmüll und tragbare Kleidung, Schuhe oder Textilien sollen gesammelt werden, was oft als Verbot der Entsorgung jeglicher Textilien im Hausmüll fehlinterpretiert wird. Genau diese Fehleinwürfe sorgen aber vielerorts dafür, dass ganze Containerladungen kaum noch verwertbar sind. Dieses Problem ist nicht neu, lediglich verstärkt worden.
Hinzu kommt ein wirtschaftliches Problem. Früher konnten Sammel- und Verwertungsbetriebe mit Altkleidern Geld verdienen. Gut erhaltene Kleidung wurde weiterverkauft oder exportiert, andere Stoffe zumindest weiterverarbeitet. Heute lohnt sich das Geschäft oft kaum noch. Die Qualität vieler Kleidungsstücke hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Immer mehr Kleidung besteht aus billigen Mischfasern, die sich nur schwer recyceln lassen, laut Greenpeace wird weniger als 1 Prozent der Altkleidung recycelt.
Der Grund dafür hat einen Namen: Fast Fashion. Marken wie Shein, Temu, Zara oder H&M bringen im Rekordtempo neue Kollektionen auf den Markt. Kleidung wird heute oft nicht mehr für Jahre gekauft, sondern für wenige (Micro-)Trends, einzelne Events oder TikTok-Ästhetiken. Gleichzeitig wird sie immer günstiger produziert. Ein T-Shirt kostet teilweise weniger als ein Mensa-Menü, ein kompletter Warenkorb weniger als ein Abend in einer Bar und hält dafür ungefähr genauso lange.
Die Folge: Menschen kaufen mehr Kleidung als jemals zuvor. Weltweit hat sich die Produktion von Kleidung in den vergangenen Jahrzehnten massiv erhöht. Expert:innen schätzen, dass jedes Jahr über 190 Milliarden Kleidungsstücke produziert werden, von denen viele kaum getragen werden.
Die globale Kleiderkrise
Durch die Kleiderspende entsteht der Eindruck, etwas Gutes getan zu haben. Viele Menschen stellen sich vor, dass ihre aussortierten Pullover direkt an Bedürftige weitergegeben werden oder in Second-Hand-Läden landen. Tatsächlich funktioniert dieses System nur für einen kleinen Teil der Kleidung. Lediglich ein Bruchteil wird in Europa selbst weiterverkauft, in Deutschland gerade einmal ein Prozent.
Einrichtungen und Second-Hand-Shops können die riesigen Mengen an Kleidung gar nicht verkaufen, die täglich in Containern landen. Ein erheblicher Teil der Textilien wird deshalb exportiert, in Länder wie beispielsweise Chile, Ghana oder Kenia. In Ghana kann nur etwa die Hälfte der importierten Altkleider überhaupt weiterverkauft oder genutzt werden, denn viele exportierte Kleidungsstücke sind zu beschädigt, qualitativ zu schlecht verarbeitet oder schlichtweg für das warme Klima ungeeignet. Jede Woche erreichen rund 80 Container voller aussortierter Kleidung aus Europa, Asien und Nordamerika das Land.
Weil auch dort die notwendige Entsorgungsinfrastruktur fehlt, landen die unbrauchbaren Kleidungsberge auf illegalen Deponien, in der Natur oder in Flüssen und werden schließlich bis ins Meer gespült. Deutschland gehört inzwischen zu den größten Exportländern von Altkleidern weltweit. Damit wird ein Problem, das in europäischen Städten entsteht, schlicht verlagert. Die Altkleider verschwinden nicht wirklich, sie verschwinden nur aus unserem Blickfeld.
Gleichzeitig fehlt es weiterhin an strengen Regelungen für große Modekonzerne. Bislang tragen die Kosten vor allem Kommunen, Entsorgungsbetriebe und am Ende die Gesellschaft und die Umwelt. Das eigentliche Problem ist also nicht, dass Menschen ihre Kleidung falsch entsorgen. Das Problem ist die enorme Menge an Kleidung, die überhaupt produziert und gekauft wird.
Was nun?
Wenn ihr eure Kleidung spenden wollt, könnt ihr sie beispielsweise bei gemeinnützigen Sammelstellen abgeben, die über den Dachverband FairWertung e.V. organisiert sind. Dort werden die gespendeten Textilien von zertifizierten Partner:innen gesammelt, sortiert und möglichst verantwortungsvoll weiterverwendet oder weitergegeben. In Dortmund plant die EDG beispielsweise mittlerweile einen kostenlosen Abholservice für Altkleider. Das zeigt, wie sehr Städte inzwischen versuchen, auf die wachsenden Mengen an Textilien zu reagieren. Gleichzeitig löst das natürlich nicht das eigentliche Problem, deshalb beginnt nachhaltiger Umgang mit Kleidung schon deutlich früher als beim Entsorgen. Natürlich wird niemand von heute auf morgen komplett nachhaltig leben oder nie wieder neue Kleidung kaufen. Gerade für Studierende mit kleinem Budget wirken ultra-günstige Angebote oft verlockend. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, bewusster mit Kleidung umzugehen.
Plattformen wie Vinted, Flohmärkte oder Kleidertauschpartys erleben seit einigen Jahren einen Boom. Gerade im Ruhrgebiet gibt es regelmäßig Trödelmärkte, Uni-Veranstaltungen oder kleine Pop-up-Flohmärkte, bei denen Kleidung verkauft oder getauscht werden kann. (Haltet nach unserem wöchentlichen Top of the Week Ausschau!) Vielleicht reicht manchmal schon ein Nachmittag mit Freund:innen und zwei aussortierten Taschen Kleidung zum Tausch oder Leihen.
Eine weitere Möglichkeit: Kleidung verändern statt ersetzen. Alte Jeans abschneiden, Patches auf kaputte Jacken nähen, T-Shirts einfärben oder oversized Hemden umstylen. Vielleicht hilft am Ende schon eine einfache Frage vor dem nächsten Kauf: Werde ich dieses Teil wirklich (oft) tragen? Manche Nachhaltigkeitskampagnen empfehlen mittlerweile die sogenannte „30-Wears-Regel“: Kleidung sollte idealerweise mindestens 30 Mal getragen werden. Klingt simpel, macht aber deutlich, wie sehr sich unser Konsum verändert hat.
Die Krise der Altkleidercontainer zeigt letztlich nicht nur ein Entsorgungsproblem. Sie zeigt, wie selbstverständlich das Kaufen von Kleidung inzwischen geworden ist und wie schwer ein System kollabiert, das auf immer mehr Konsum ausgelegt ist.
