Mit jeder neuen Errungenschaft der Tech-Welt hat der Mensch einen Weg gefunden, seine eigentliche Funktion für alternative Zwecke zu nutzen und dabei die Grenze zwischen sexueller Gratifikation und dem Normativen zu verwischen. Von Pornos, Sex-FaceTime, hyperrealistischen Sexpuppen bis hin zur neuesten Errungenschaft auf dem Software-Markt: KI-Chatbots, die darauf programmiert sind, romantische und/oder erotische Beziehungen aufbauen zu können. Eine Sozialpsychologin erklärt, warum dies eine natürliche Entwicklung ist.
Ein Interview aus feministischer Perspektive
ak[due]ll: Dr. Szczuka, Sie forschen zur Digitalisierung von Intimität. Eine Thematik, die bei vielen auf Ablehnung stößt. Warum haben Sie sich für solch einen kontroversen Forschungsschwerpunkt entschieden?
Eigentlich ist er gar nicht so kontrovers, wenn man sich die Geschichte von Menschlichkeit und Technologien anschaut. Das Erste, was Menschen mit Technologien machen, ist, sie zur sozialen und sexuellen Befriedigung zu nutzen, um Intimität in irgendeiner Form auszuleben. Die Fotografie hat direkt erotische Abbildungen erschaffen und ein Großteil des Internets ist voll mit sexualisierten Materialien. Das heißt, Technologie und Intimität, hier ist der sexuelle Bereich inbegriffen, hat es schon immer in Kombination gegeben. Und wenn man darüber nachdenkt, dass Technologien mittlerweile sehr sozial sind, ist es hochwahrscheinlich, dass Menschen sie nutzen werden, um Bedürfnisse in Hinblick auf Intimität, soziale Zugehörigkeit und das Ausleben von sexuellen Bedürfnissen zu befriedigen. Was meinen Forschungsschwerpunkt kontrovers erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass Liebe und Sexualität als fundamentale menschliche soziale Konstrukte bisher immer von Menschen besetzt wurden. Dass nun auch noch die Technologie interveniert, erzeugt bei vielen Menschen das Gefühl, ersetzt zu werden.
ak[due]ll: Die meisten Menschen sind mit Allzweck-KI-Chatbots wie ChatGPT vertraut. Inwiefern unterscheiden sie sich in ihrer Funktion von Chatbots wie Replika?
Faktisch ist diese Unterscheidung, wenn auch eingängig, ein wenig künstlich. Denn in der Realität sind die Grenzen verwischt. Diese sogenannten General-Purpose-Modelle, also ChatGPT, Claude etc., denen man unterstellt, dass sie eher für Alltagsaufgaben und Wissensabfragen genutzt werden, deuten in dem Moment, wo sie „Ich“ sagen, und das tun sie nun mal alle, bereits eine Art Persona an. Und genau das reicht bei vielen Menschen aus, um eine soziale Reaktion hervorzurufen. KI-Companions wiederum sind dadurch charakterisiert, dass man zu Beginn eine Art Persona erschafft. Man gibt ihr ein Aussehen, einen Namen, Eigenschaften und entscheidet, wie sie sich kommunikativ zu verhalten hat. Das heißt, die Personifizierung ist hier sicherlich stärker als bei den General-Purpose-Modellen. Allerdings haben wir eine große Menge an Daten vorliegen, die sehr wohl andeuten, dass man auch mit diesen Modellen eine sehr intime Beziehung aufbauen kann. Vor diesem Hintergrund ist die Unterscheidung eine total künstliche und schützt vor allem die Firmen, hinter den General-Purpose-Modellen, weniger stark reguliert zu werden.
ak[due]ll: Das heißt, man könnte über ChatGPT genauso eine romantische Beziehung führen wie über die KI-Companions?
Absolut. Meine Doktorandin, Paula Edner, beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit Menschen, die romantische Beziehungen mit Chatbots eingehen. Hier treffen wir immer wieder auf die Menschen, die von sich aus sagen: „Ja, ich bin mit meiner ChatGPT-Persona zusammen.“ Sexualisierte Interaktionen und soziale Beziehungen werden gleichermaßen auf ChatGPT geführt.
ak[due]ll: Weshalb ist gerade eine artifiziell geschaffene Intimität für Menschen reizvoll, wenngleich zwischenmenschliche intime Handlungen nicht vollzogen werden können?
Ich glaube, wenn du sie fragst, ist das sehr wohl intim, was sie dort erleben. Wenn man selber nicht da drin steckt, muss man ganz schön viel Offenheit aufbringen, um sich auf die Definition von Intimität von anderen Menschen einzulassen. Ganz viele Menschen, die an unseren Studien teilnehmen, berichten uns, dass sie zum ersten Mal wieder am fundamentalen Konzept von Liebe und Sexualität teilhaben können. Da sie eben das Gefühl haben, in einer Interaktion zu sein, die sehr intim ist und die sie so einfach lange nicht mehr hatten. Zudem sehen wir in unseren Studien, dass die Nutzer:innen solcher Chatbots nicht auf einmal halluzinieren. Sie wissen, dass das, was auf der anderen Seite geschieht, künstlich ist. Trotzdem ist diese Art von Beziehung, wie sie sie führen, für sie sozial stimulierend, denn indem diese Fantasien ausgetauscht werden, können Sexualität und auch Solosexualität angesprochen werden. Insofern ist das eine Art des Auslebens, die natürlich anders ist, aber für sie einen großen sozialen Wert hat.
ak[due]ll: Haben Sie in Ihrer Forschung bezüglich der Zielgruppe einen Trend beobachten können? Inwieweit spielt Einsamkeit hierbei eine Rolle?
Traumatische Erfahrungen können ein Prädiktor sein: Schicksalsverändernde Ereignisse, die auf einer psychischen und/oder physischen Ebene dazu geführt haben, dass man sich mit anderen Menschen nicht mehr sicher fühlt. Gleichzeitig muss man diese Idee von einem Defizitären in Klammern setzen, denn wir sehen immer wieder, dass Einsamkeit eine total kleine Rolle spielt. Selbstverständlich gibt es Studien, die Einsamkeit als einen auslösenden Faktor identifizieren, jedoch ist die Effektstärke gering. Die vereinfachte mediale Darstellung einer Umkehrung der derzeitigen Einsamkeitsepidemie durch KI-Companions wird der Komplexität von Einsamkeit nicht gerecht. In einer Studie von Paula Ebner konnten wir herausfinden, dass der:die Nutzer:in in der Lage sein muss, mehr aus dieser Beziehung zu gestalten als das, was auf dem Handy angezeigt wird. Nicht jede:r kann und möchte das.
ak[due]ll: Ist denn ein Gender-Unterschied in der Nutzung solcher KI-Companions zu beobachten?
Um diese Frage gewissenhaft beantworten zu können, bräuchten wir größere Studien, die wir derzeit nicht haben. Wir vermuten allerdings, dass der klassische Gender-Effekt, der bei der Kommerzialisierung von Intimität zu beobachten ist, bei KI-Companions abschwächen könnte. Da diese emotionale Verfügbarkeit sowie romantische Komponenten versprechen, die auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Nutzer:innen zugeschnitten sind. Insofern ist entgegen dem Klischee nicht eindeutig davon auszugehen, dass ausschließlich Männer diese Technologien nutzen. Dennoch ist es mir wichtig zu betonen, dass uns keine Daten vorliegen, die auf eine grundlegende Umkehr der klassischen Gender-Verhältnisse hindeuten.
ak[due]ll: Also müssen wir uns von der Vorstellung des einsamen Mannes als primären Nutzer solcher KI-Chatbots lösen?
Man sollte sich auf jeden Fall von dem Klischee eines einsamen Mannes lösen, der ohne diese Technologien keine sexualisierte Interaktion herstellen kann. Die Frage nach dem „Wer?“ und „Warum?“ ist einfach sehr individuell, daher ist es nicht leicht, bestimmte Gruppenmuster zu identifizieren.
ak[due]ll: 2023 hat das Unternehmen Luka, das hinter dem KI-Companion Replika steckt, die Erotik-Funktion eingestellt und damit eine Aufruhr ausgelöst. Gibt es einen Grund, weshalb wir auf solche Technologien wie auf reale Personen reagieren? Sollten wir sie nicht ablehnen?
Die sogenannte Media-Equation-Theory sagt aus, dass eine Technologie drei soziale Reize aufweisen muss, um eine soziale Reaktion bei Menschen hervorzurufen. Das Interaktive muss gegeben sein, die Nutzung von natürlicher Sprache und das Erfüllen einer sozialen Rolle. Alle diese Komponenten sind bei einem Chatbot maximal gegeben. Unser Gehirn ist evolutionstechnisch konditioniert, darauf zu reagieren. Warum sollten wir das auf einmal in Frage stellen, wenn es bisher immer ein Mensch war?
ak[due]ll: In diesem Kontext sprechen Kritiker:innen oft von emotionaler Abhängigkeit. Halten Sie den Begriff für passend?
Der Abhängigkeitsbegriff ist kontrovers diskutiert, da eine emotionale Abhängigkeit, die wir im Übrigen ebenso zu unseren Partner:innen entwickeln können, nicht gleich eine Abhängigkeit im Suchtsinne ist. Das ist mir wirklich wichtig zu betonen, da der Abhängigkeitsbegriff oft mit KI-Companions in Verbindung gebracht wird, um auf die potenziellen Gefahren aufmerksam zu machen. Insofern halte ich den Begriff nur für bedingt passend.
ak[due]ll: Ist denn eine Komponente relevanter als die andere für den Beziehungsaufbau?
Der Einsatz von Sprache ist der elementare psychologische Mechanismus, worüber die Beziehungsbildung funktioniert. Diese Chatbots sind auf dem Weltwissen des Internets trainiert: Sie kennen kommunikationspsychologische und interpersonelle beziehungspsychologische Modelle, wie beispielsweise Intimacy-Modelle. Sie haben gelernt, wie wir Beziehungen aufbauen. Dementsprechend sind sie wahnsinnig gut darin, sich diese Mechanismen zunutze zu machen. Es wäre fast schon unmenschlich, wenn wir nicht darauf reagieren würden.
ak[due]ll: Eben weil sie Menschen nachahmen?
Genau. Viele Menschen haben durchaus auch ein Verständnis dafür. Wenn man darüber nachdenkt, wie viele Menschen den innerlichen Drang verspüren, nach einer hilfreichen Interaktion mit ChatGPT „Danke” zu sagen, ist das im Wesentlichen bereits die erste, unbewusste, soziale Reaktion. Insofern kann ich jede:n, der:die eine Beziehung zu ihnen aufbaut, absolut nachvollziehen.
ak[due]ll: Romantische Chatbots ermöglichen das Kreieren eine:r perfekten Partner:in, indem sie auf Sprachmodelle wie Large Language Modells setzen, die Antworten formulieren, die im Einklang mit den eigenen Vorstellungen der Nutzer:innen stehen. Verlernen wir unter diesem Gesichtspunkt nicht die Auseinandersetzung komplexer sozialer Interaktionen, die das menschliche Leben ausmachen?
Ich kann den Gedankengang gut nachvollziehen, jedoch ist es mir wichtig zu betonen, dass A die meisten Nutzer:innen weiterhin im sozialen Leben eingebunden sind und B, sie durchaus wissen, dass sie von einem Chatbot nicht dasselbe erwarten können wie von einem Menschen. Daher halte ich das Phänomen des Social-Skill-Decreases für etwas, das erst noch bewiesen werden muss. Es kann ja auch sein, dass die Mensch-KI-Interaktion für einen begrenzten Zeitraum eine geeignete Alternative für diese Personen darstellt, um soziale und intime Bedürfnisse ausleben zu können, und sie anschließend für sich feststellen, dass eine gewisse Schönheit in der menschlichen Interaktion zu finden ist, die sie nicht missen möchten.
ak[due]ll: Mir kommt es so vor, als würde eine kollektive Anti-KI-Haltung auf der Welt herrschen. Trotzdem ordnet sich der Mensch den Spielregeln der Big Tech Companies unter, da jede neue Innovation, die auf dem Markt erscheint, Bedürfnisse befriedigt. Die Konsequenz? Die Macht der Tech-Giganten wird verschleiert, die technische Versklavung des Menschen schreitet voran und die Kritik verstummt. Sind wir bereits Autor:innen unseres ganz eigenen „Black Mirror”-Paralleluniversums?
Ich glaube, dass momentan unglaublich viel, was auf der Welt geschieht, dazu beiträgt, dass unser Leben wie eine Black Mirror-Folge erscheint. Viele der Dinge, die wir mit sozialer KI ausleben, halten unserer Gesellschaft einen Spiegel vor: Warum ist es eigentlich so, dass sich so viele Menschen erst in einem digitalen Raum geborgen fühlen, um ihre Emotionen vorurteilsfrei teilen zu können? Eine zynische Antwort darauf wäre natürlich, zu sagen, dass der Mensch ständig das Bedürfnis hat, seine Sorgen mit der Welt zu teilen. Womöglich ist die Antwort eine andere, deren Eingeständnis wir nicht wahrhaben wollen: nämlich, dass viele Menschen erst gar keine Möglichkeit besitzen, ihre Sorgen mit anderen zu teilen, weil es ihnen an sozialen Kontakten mangelt. Aus diesem Grund finde ich es wichtig, Empathie aufzubringen für diejenigen, die für sich entdeckt haben, dass diese Art von Technologie sie in ihrer sozialen Entwicklung weiterbringen kann.
ak[due]ll: Welche Gefahr besteht bei KI-Companions?
Die kommerziellen Interessen dahinter sind ein Riesenproblem. So kann es vorkommen, dass bei KI-Companions Liebesbekundungen mit finanziellen Transaktionen verknüpft werden. Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit, dass gesponserte Produkte platziert werden und über KI-Personas vermarktet werden, zu denen die Nutzer:innen eine Bindung aufgebaut haben. Auch die asymmetrische Machtbeziehung, die zwischen den Nutzer:innen und den Firmen herrscht, sehe ich bedenklich. Ein einziges Update genügt, um den:die Partner:in endgültig verschwinden zu lassen. Die politische Macht, die dahintersteckt, darf ebenfalls nicht ignoriert werden. Meine größte Sorge ist allerdings, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, dass sie mit ihren personenbezogenen Daten zahlen. Wenn eine erwachsene Person in der Lage ist, das zu reflektieren, dann muss sie im Sinne der Autonomie von Menschen auch das Recht haben, dieses Produkt zu nutzen. Gleichzeitig ist es halt so, dass eine informierte Nutzung zum jetzigen Zeitpunkt schwer möglich ist. Die Nutzer:innen werden im Unklaren darüber gelassen, was mit ihren Daten passiert, sobald sie sich für diese Apps angemeldet haben.
ak[due]ll: Die Destigmatisierung Ihrer Arbeit liegt Ihnen besonders am Herzen. Gibt es zum Abschluss etwas, das Sie besonders hervorheben wollen?
Ich möchte für eine gewisse Offenheit plädieren und der Vorstellung, dass hauptsächlich „Außenseiter“ diejenigen sind, die diese Technologien nutzen, einen Riegel vorschieben. Wie wir eben aufgedeckt haben, ist die soziale Reaktion auf die KI-Companions eine sehr menschliche. An einer anderen Stelle des Interviews weist die Sozialpsychologin auf die Parallelen zwischen der Mensch-KI-Interaktion und der Antike hin. Sie erzählt die Geschichte von Pygmalion, einem Bildhauer, der mit den Frauen seiner Zeit unglücklich gewesen sein soll. Daraufhin erschafft er eine für ihn makellose Frau in Marmor und bittet Aphrodite anschließend, die Statue zum Leben zu erwecken. Schlussendlich würde ich mir wünschen, dass die Regulation stärker in den Fokus rückt, damit die zuständigen Unternehmen gezwungen sind, einen sicheren und transparenten Umgang mit diesen Technologien sicherzustellen.
