Mit dem Release laden Turnstile auch mittels eines visuellen Albums in ihr cinematisches Universum ein. [Foto: Anna OLivia Böke]
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Album des Monats: Turnstile – Never Enough

1. Juli 2025

Es ist Turnstile-Summer – wie Charli XCX am Ende ihres Coachella Auftritts mitverkündete. Vier Jahre nach dem stilbildenden Glow On melden sich die Baltimore Hardcore-Rocker mit einem neuen Album zurück. Never Enough heißt das gute Stück, und was der Titel zunächst andeutet, eine gewisse Unzufriedenheit, entpuppt sich schnell als künstlerisches Statement: Dieses Album will, wie sein Vorgänger, mehr sein als bloß eine weitere Hardcore-Platte. Genau dieser Ansatz macht Turnstile heute zu einem der versprechendsten Alternative-Acts. 

Gleich zu Beginn mit dem Titeltrack Never Enough lassen Turnstile keinen Zweifel daran, dass sie sich weiterentwickelt haben. Der Song beginnt zwar gewohnt wuchtig, bricht aber nach und nach auf, lässt Raum für elektronische Flächen, Hall, Stille. Dieser Auftakt ist weniger ein Sturm, als ein offenes Tor in ein Album, das ständig in Bewegung bleibt.

Mit Sole und I Care folgen zwei Stücke, die zeigen, wie man Energie in Form bringt, ohne sie einzusperren. Die Songs wirken zugänglich, aber immer mit dem nötigen Nachdruck. Wo I Care fast wie ein nostalgischer Indie-Track klingt, blitzt bei Sole eine neue rhythmische Offenheit auf, die Turnstile früher eher gescheut hätten. Und das steht ihnen gut.

Dreaming ist dann ein fast träumerischer Moment. Passenderweise mit zurückgenommenem Tempo und einer leicht jazzigen Note. Es sind diese kleinen Experimente, die Never Enough so besonders machen: Man merkt der Band an, dass sie sich Freiheiten nimmt und sich nicht mehr von Genregrenzen einsperren lässt. 

Diese Freiheit prägt auch die nächsten Songs. Light Design und Dull sind beide kurz und kompakt, aber voller Ideen. Die Band schichtet hier Gitarrenriffs auf ungewöhnliche Synthflächen, experimentiert mit Pausen und Brüchen. Alles wirkt roh, aber nicht unfertig. Turnstile verzichten bewusst auf Glätte, ohne an Ausdruck zu verlieren.

Mit Sunshower und Look Out For Me steigert das Album seine emotionale Bandbreite. Sunshower startet aggressiv, verliert sich aber gegen Ende in einer fast meditativen Stimmung, als würde man in einem Moment der Ekstase plötzlich auf eine weite Fläche hinaustreten. Look Out For Me geht noch weiter: Der längste Song des Albums ist eine Art Mini-Epos, das von kräftigem Hardcore-Groove in weite, fast cinematische Klanglandschaften führt. Hier spürt man den Willen zur Größe, ohne dass sich die Band dabei verliert.

Danach wirkt Ceiling wie ein kurzer Aufatmer – ein Zwischenmoment, der Platz schafft für das nächste Kapitel. Seein’ Stars bringt mit Gesang von Hayley Williams (Paramore) und Devonté Hynes (Blood Orange) frischen Wind in Form von tanzbarem Post-Punk, bei dem man fast vergisst, dass Turnstile einst für krachende Moshpits standen. Doch auch das gehört jetzt zu ihrem Sound. 

Mit Birds kehrt für einen Moment der alte Hardcore zurück. Direkt, ungeschönt, energiegeladen. Hier zeigen Turnstile, dass sie ihre Wurzeln nicht vergessen haben. Sie haben sie nur weitergedacht. 

Slowdive nimmt das Tempo wieder raus, ganz bewusst. Ein Song wie ein Blick nach innen, ruhig, aber nicht schwach. Ihm folgt mit Time Is Happening ein kleiner Befreiungsschlag: melodisch, positiv, fast hymnisch. Der letzte Song, Magic Man, bringt schließlich alles zusammen. Es ist ein Stück, das sowohl zurückblickt als auch nach vorne geht. Gitarren, Synths, Stimmen:  alles verschmilzt zu einem Sound, der weniger ein Abschluss ist, als ein neuer Anfang. Und das passt: Never Enough wirkt wie ein Album, das nie fertig sein will. 

Was Turnstile mit Never Enough schaffen, ist bemerkenswert. Sie verlassen die engen Grenzen des Hardcore, ohne sich von ihrer Energie zu verabschieden. Stattdessen übersetzen sie ihre Kraft in neue Formen: in Groove, in Atmosphäre, in Emotion. Die Band bleibt laut, aber nicht nur im wörtlichen Sinn. Sie ist präsent, sucht Nähe, erzählt Gefühle – ohne auf Klischees zurückzugreifen.

Dabei hilft, dass die Produktion offen und mutig wirkt. Statt alles auf maximalen Druck zu trimmen, lässt man Platz für Luft und Reibung. Die Songs dürfen atmen und sich entfalten. Immer wieder tauchen ungewöhnliche Klangfarben auf: Flöten, Streicher, elektronische Elemente, aber nie wirkt es zu bemüht. Es scheint, als sei hier nichts hinzugefügt worden, was nicht auch gefühlt wurde.Never Enough ist dadurch kein Konzeptalbum, aber ein geschlossenes Werk. Es erzählt keine Geschichte, aber es hat ein Gefühl und dieses Gefühl bleibt haften. Es ist ein Album, das gleichzeitig fordernd und zugänglich ist. Turnstile gelingt damit etwas, das vielen schwerfällt: Sie wachsen, ohne sich zu verbiegen. Sie öffnen Türen, ohne sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Und sie zeigen, dass Intensität viele Formen haben kann – auch leise, auch langsam, auch schön.