Mit guten Kopfhörern lässt sich das Album besonders gut wertschätzen.[Foto: Nikita Verbitskiy]
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Album des Monats: Dave – The Boy Who Played the Harp

19. November 2025

Vier Jahre hat der UK-Rapper Dave kein neues Album mehr veröffentlicht. Diesen Oktober war es endlich soweit und woran der gebürtige Londoner so lange gearbeitet hat, finden wir jetzt heraus. 

Ich habe eine lange Autofahrt vor mir. Fast 9 Stunden dauert es mit Pausen, Stau und der ein oder anderen verpassten Ausfahrt aus dem Ruhrgebiet nach Luzern. Umso mehr freue ich mich über die spontane Empfehlung, das neue Dave Album mal anzuhören. Also, Noise-Cancelling Kopfhörer an, Welt aus – oder so ähnlich. 

Wer eine Ansammlung an Chart-Hits a lá Sprinter, der Single zusammen mit Central Cee, erwartet, wird bitterlich enttäuscht. Stattdessen verbirgt sich hinter dem Album ein spirituelles, meditatives Gespräch. Uns wird ein Blick ins Innerste des Künstlers ermöglicht. Anstelle von Catchy Hooks und Zeilen über Dolce Vita bietet Dave eine erfrischende Nacktheit. 

Gott und die Welt

Geschichten aus seinem Leben reihen sich zwischen Überlegungen zu – buchstäblich – Gott und der Welt. Die Kunst ist dabei allerdings, dass es zu keinem Zeitpunkt zu grandios, selbstgerecht oder beweihräuchernd wird. Ohne zu verherrlichen oder zu verdammen, wird das Geschehen trocken Revue passieren gelassen. Und das, bei einem Album, das mit dem Satz „This is God’s plan, he said to me“ beginnt. Scheint Kanye-esk – wird es aber zum Glück nicht. 

Was wiederum  erfreulicherweise an Kanye erinnert, ist das Niveau der Produktion. Hier hat unter anderem der britische Sänger, Songwriter und Produzent James Blake seine Hand mit im Spiel gehabt. Seine Handschrift zieht sich durch das ganze Album. Unter anderem bei den nachdenklich-melancholischen Klavierpassagen wie auf Selfish, einem der Tracks auf denen er auch selbst als Feature vertreten ist. Oder auch in den sanften, hirnmassierenden Drum-Samples, die den introspektiven Inhalten die perfekte Soundkulisse bieten. 

Ein weiteres Highlight bietet das gebetartige Prosper mit den von Jim Legxacy gesungenen Passagen, die selbst mich als bekennenden Atheisten den Vibe fühlen lassen. Mit der UK-Grime Kultur vertraute Hörer:innen werden sich besonders über das auf Chapter 16 vertretene Feature Kano freuen, ein absolutes Urgestein der Kultur und einer der Väter von Grime. Der Track wurde übrigens nach Kapitel 16 des Buch Samuel benannt, in dem Samuel David als seinen Nachfolger und König ernennt. Kano darf hier das Zepter nun an Dave übergeben. 

Londoner Geschichten

Beide Rapper sind übrigens auch bekannt aus der britischen Serie Top Boy, in der die Straßen und der Drogenhandel Londons thematisiert werden. Dave selbst ist auch abseits der Serie inmitten dieser Welt aufgewachsen und greift sie auf dem Album thematisch auf, unter anderem im Standout-Track Marvellous. In sanfte Akustikgitarren und warme Bässe gekleidet, erzählt der Rapper die Geschichte vom 17-jährigen Josiah, der Schusswaffen der Lohnarbeit vorzieht. Wir erfahren, wie man bereits in jungen Jahren in diesen Sog gezogen wird und auch, dass Dave selbst dabei eine Vorbildfunktion hatte, die er nun bereut. Auch hier zieht sich die Metapher der biblischen Namen weiter durch: Josiah war ein König von Juda im alten Testament, der nach dem Vorbild von David lebte. 

Der zehnte und letzte Track verlässt mich mit einem sanft pulsierenden Klavier, auf dem der Rapper noch einmal vergangene Szenarien, eine mögliche Zukunft und seine Rolle in dem Ganzen rekapituliert. Es bildet eine thematische, aber auch musikalischen Abschluss des Albums. Ein perfekter Track zum aus dem Fenster in die vorbeifahrende Landschaft schauen und grübeln. Auf einmal waren ein paar Stunden rum.