Das dritte Studioalbum der amerikanischen Künstlerin Sasami erschien am 07. März 2025. [Foto: Anna Olivia Böke]
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Album des Monats: Blood On A Silver Screen

Mit ihrem am 07. März 2025 erschienen dritten Album wagt Sasami Ashworth erneut einen radikalen Schritt – wieder weg von der wuchtigen Härte des zweiten Albums hin zu einer fast cineastischen Popkulisse, die mal ironisch, mal zerbrechlich, mal überdreht wirkt. Blood on the Silver Screen ist ein stilistisch offenes, teils dramatisch inszeniertes Werk, das sich zwischen Pop-Appeal, emotionaler Ehrlichkeit und kalkulierter Überzeichnung bewegt. 

Eröffnet wird das Album von „Slugger“, einem Stück, das sofort die neue Richtung markiert. Mit seinem luftigen Refrain, eingängigen Gitarren und fast schon sonnigem Drive klingt es wie eine zuckrige Mischung aus Powerpop und Softrock, die sich trotz allem nie ganz in Sicherheit wiegt. Sasamis Gesang ist präsent, aber nicht dominant – es geht mehr um den Gesamtklang. Direkt im Anschluss kommt mit „Just Be Friends“ ein Song, der das Thema Beziehung auf eine ambivalente Weise verhandelt: bittersüß, leichtfüßig, aber mit einer leisen Verzweiflung unter der Oberfläche.

„I’ll Be Gone“ schraubt den Ton dann deutlich herunter. Die Produktion ist zurückhaltender, der Song lebt von einer Art inneren Spannung – fast wie ein stilles Eingeständnis eines Abschieds, der längst beschlossen ist. Gleichzeitig bleibt eine gewisse Kühlheit spürbar – als wolle Sasami sich in diesem Moment selbst nicht ganz trauen. „Love Makes You Do Crazy Things“ bringt das Album in eine andere Richtung. Der Titel wirkt verspielt, der Song beginnt sanft, bricht aber in einen dramatischen, fast theatralischen Refrain aus. Es geht um emotionale Überforderung, Kontrollverlust, aber auch um das paradoxe Gefühl, darin fast Genuss zu finden. Hier zeigt sich besonders deutlich Sasamis Fähigkeit, Popstrukturen zu nutzen, um Emotionalität zu transportieren.

Zwischen Soundtrack und Selbstinszenierung

„In Love With A Memory“ bringt mit einem Gastauftritt von Clairo einen ruhigen, fast träumerischen Moment ins Album. Die Stimmen beider Künstlerinnen verschmelzen zu einem melancholischen Duett, das mehr fragt als beantwortet. Der Song fühlt sich an wie eine Rückblende – als würde man durch die Erinnerung an eine vergangene Liebe gleiten. Dann kippt die Stimmung: „Possessed“ ist ein Song, der sich steigert, aufbaut, mit verzerrten Sounds arbeitet und fast manisch wirkt. Die klare Popstruktur wird hier verlassen, stattdessen dominiert ein Gefühl der Überforderung – akustisch und emotional. Sasami schreit nicht, aber ihr Gesang trägt eine Dringlichkeit, die spürbar macht, dass es hier um Kontrollverlust geht.

Mit „Figure It Out“ folgt ein Stück, das auf den ersten Blick fast harmlos wirkt, aber in seiner Struktur voller kleiner Brüche ist. Immer wieder wechseln Tempo, Stimmung, sogar das Klangbild verändert sich subtil – als würde sich der Song selbst noch nicht ganz sicher sein, wohin er will. Dieses Changieren macht viele der Tracks auf dem Album aus: Sie bewegen sich zwischen Genres, zwischen Stimmungen, zwischen Nähe und Distanz.

„For The Weekend“ bringt einen fast klassischen Indiepop-Vibe zurück, wirkt dabei aber nie nostalgisch. Der Song thematisiert das Warten auf etwas, das nicht kommt – oder das nur kurz da ist. Musikalisch bleibt er leichtfüßig, was den Widerspruch zwischen Text und Sound umso interessanter macht. „Honeycrash“ ist einer der auffälligsten Songs der zweiten Hälfte. Mit seinem übersteuerten, beinahe chaotischen Refrain wirkt er wie ein Kurzschlussmoment. Es fühlt sich an wie eine Welle, die über einem zusammenstürzt, wie Pop auf Noise, Romantik auf Zerstörung. Der Song ist im besten Sinne fordernd, intensiv und überdreht.

Persönlicher Abgrund hinter poppiger Fassade

Mit „Smoke (Banished from Eden)“ wird die Symbolik plötzlich religiöser. Der Titel lässt biblische Motive anklingen, der Song selbst bleibt aber offen interpretierbar. Es geht um Schuld, um Verbannung, um das Gefühl, aus etwas ausgeschlossen zu sein, ohne ganz zu verstehen, warum. Die Produktion ist düsterer, schwerer, beinahe sakral. „Nothing But A Sad Face On“ bildet einen der emotionalen Mittelpunkte des Albums. Der Song ist ruhig, getragen, schlichter arrangiert als viele andere – gerade deshalb wirkt er umso direkter. Sasami singt von emotionaler Erschöpfung, vom Versuch, sich ein Lächeln aufzusetzen. Das klingt verletzlich, aber auch sehr kontrolliert – ein Moment der Klarheit inmitten eines ansonsten eher opulenten Albums.

„Lose It All“ führt diese Stimmung fort, wirkt dabei aber fast versöhnlich. Der Song hat etwas Akzeptierendes, als würde sich die Protagonistin endlich damit abfinden, dass man nicht alles retten kann – und dass das auch okay ist. Der Song wirkt nicht wie ein Tiefpunkt, sondern wie ein Loslassen. Den Abschluss bildet „The Seed“, ein Stück, das wie eine Art Ausblick fungiert. Der Song ist ruhiger, aber nicht sentimental. Es geht um einen Neubeginn, um das, was vielleicht noch wachsen kann. Musikalisch bleibt der Track reduziert, die Melodie trägt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es ist ein passendes Ende für ein Album, das ständig zwischen Exzess und Stille pendelt – zwischen Ausbruch und Rückzug.

Blood on the Silver Screen ist kein leichtes Album – aber ein lohnendes. Sasami gelingt es, aus vertrauten Pop-Elementen etwas Eigenes zu machen: ein Werk über Selbstinszenierung, Sehnsucht, Überforderung und das, was zwischen den großen Gefühlen liegt. Es ist nicht alles eingängig, nicht alles auf den ersten Blick verständlich – aber genau darin liegt seine Stärke.