Tischtennis gibt es auch im Park, vielleicht braucht man nur einen draußen-Ball. [Foto: pixabay]
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Ganz Großes Tennis

19. Mai 2026

Ein Kommentar von Volker Strauß

Auf den einschlägigen Instagramkanälen, oder beim Rü-Flanieren werden es die Essener Studis vielleicht schon gesehen haben: Rüttenscheid goes Marty Supreme. Seit einigen Wochen hat Ding Dong Ping Pong an der U-Bahn-Station Martinstraße geöffnet. 

Hier stehen im Innenraum drei farblich an den wechselnden Sportboden angepasste Tischtennisplatten, an denen ihr mit euren Freund:innen Tischtennis zocken könnt. Kostenpunkt: 10 Euro pro halbe Stunde, Schläger und Bälle inklusive. Das Konzept stammt aus Berlin und wurde dort von Einhorn-Kondom-Gründer Waldemar Zeiler aus den USA importiert. Rüttenscheid ist die erste Dependance außerhalb der Hauptstadt.

Der Unique Selling Point – wie es in der Startup-Welt heißt? Eine Kamera filmt euer Spiel und ihr könnt euch eure Ballwechsel auf einem Flatscreen anschauen. Die ersten zehn Replays sind kostenlos, danach kostet jedes weitere 50 Cent. Ein nettes Gimmick, dass sich die Betreiber dann doch noch vergolden lassen. Und wer sich den Raum in Größenordnung Turnhalle, oder Fitnessstudio vorstellt, der liegt falsch. Das ganze ist eher eng, vor allem wenn man zu viert spielt, kommt man den Menschen an den anderen Platten in die Quere.

Versteht mich nicht falsch: ein bisschen cool ist es schon. Windstill, gute Schläger, gute Bälle und einfach mal in Ruhe ein bisschen Tischtennis zocken. Ich verstehe den Reiz, zu jeder Zeit inmitten Rüttenscheids Tischtennis zu spielen. Aber vielleicht liegt genau hier das Problem.

Während Hype-Premium Sportarten wie Padel, Squash, Bouldern und Co. immer beliebter werden, sehen sich einer DOSB-Studie zur Folge 17,5 Prozent aller deutschen Sportvereine mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert. Es fehlt an Ehrenamtlichen und die deutschen Sporthallen sind meistens marode.

Was hier passiert ist die Verdrängung des Allgemeinen durch das Besondere: die kostenlose Tischtennisplatte im Park und das Training im Verein werden ersetzt durch Tischtennis in bester Lage mit automatisiertem Einlass und Replay-Funktion oder Padel als Afterwork-Event. Für den Soziologen Andreas Reckwitz ist das die „Logik der Singularitäten“: Das Einzigartige und Kuratierbare verdrängt das Standardisierte und für alle Gleiche. Im Tourismus, im Konsum und eben auch im Sport. Diese Art von Premium-Sporterlebnissen sind solche kuratierten Singularitäten. Auf der Strecke bleibt die „soziale Logik des Allgemeinen“ also solche Strukturen, die nicht für ein zahlungskräftiges oder -williges Publikum inszeniert werden, sondern eben einfach für alle da sind. Und das Verschwinden solcher Strukturen hat Folgen, die weit über den Sport hinausgehen.

Was Vereine mit Demokratie zu tun haben 

Das hat schon 1995 der US-amerikanische Soziologe Robert Putnam beobachtet. Zwischen 1980 und 1993 stieg die Zahl der Bowlingspieler:innen in den USA um zehn Prozent. Die Zahl der Menschen, die in Vereinsligen spielten, sank im selben Zeitraum um 40 Prozent. Die Menschen spielten also vermehrt allein, „Bowling alone“, heißt Putnams Buch dazu. Der Soziologe nennt das den Rückgang des Sozialkapitals: Die Netzwerke, Normen und das gegenseitige Vertrauen, die entstehen, wenn Menschen regelmäßig und verbindlich miteinander Zeit verbringen und zwar nicht als Konsumenten, sondern als Mitglieder. Was verloren geht, sind nicht nur die gemeinsamen Stunden Sport, sondern die Gespräche danach, die Leute, die man sonst nie treffen würde, weil sie nicht in denselben sozialen Kreisen sind, die kleinen Verbindlichkeiten, die eine Gemeinschaft zusammenhalten. Für Putnam ist das keine Kleinigkeit: Gesellschaften mit hohem Sozialkapital haben funktionsfähigere demokratische Institutionen. Wer nicht mehr gemeinsam Sport treibt, wählt seltener, vertraut weniger und engagiert sich weniger politisch. Der Vereinssport, so banal er klingt, ist für ihn ein Fundament der Demokratie. Automatisierte Tischtennisplatten, Padelhallen und Bouldertreffs treten hier nicht als zerstörerische Kraft auf, sie sind eine Antwort auf das, was der:die Konsument:in möchte. Aber sie sind ein Symbol dafür, wohin die Reise geht: Sport als buchbares Erlebnis, Gemeinschaft als Dienstleistung, Sozialkapital tritt in den Hintergrund.

Tischtennis für alle

Übrigens: Falls ihr nach öffentlich zugänglichen Tischtennisplatten sucht, findet ihr auf der Website https://pingpongmap.net/ eine hilfreiche Übersicht, oft sogar mit Fotos der Platten. Und: Vielleicht könnte man sich auch für eine Tischtennisplatte an unseren Campussen einsetzen.

Volker (25) schreibt seit September 2023 für die Ak[due]ll. Er studiert Wirtschaftsinformatik an der UDE. Sein Redaktionskürzel ist [vos].