Ein Ort, der zum Studienalltag dazugehört – ob man will oder nicht. [Foto: Derya Amira Eulenbach]
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Zwischen Papierkram und Krankenhaus: Studieren mit chronischer Krankheit

20. Mai 2026

Ein Kommentar von Derya Amira Eulenbach

Spontaner Raumwechsel, aufstehen, um Kommiliton:innen in die Reihe zu lassen, Anwesenheitspflicht bei Veranstaltungen, Vorlesungssäle ohne Belüftung.  Das alles sind nervige, aber durchaus machbare Aspekte des Studiums… denkt man jedenfalls.  Für chronisch kranke Menschen ist das nicht immer einfach. Im neuesten Kommentar könnt ihr über die Erfahrungen einer chronisch erkrankten Studentin lesen.

Als ich mein Studium begonnen habe, steckte ich mitten im Prozess, mit POTS (einer chronischen Kreislauferkrankung) diagnostiziert zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht ganz verstanden, dass ich mich für Abwesenheit in einer Vorlesung nicht persönlich bei den Dozierenden abmelden muss und lief nach der Veranstaltung nach vorne, um meine Abwesenheit bei den nächsten beiden Terminen anzukündigen. Ich erklärte offen, dass der Grund für meine Abwesenheit wichtige Termine im Krankenhaus waren.

Da der Dozent offen gelegt hatte, dass er die Inhalte des Kurses nicht auf Moodle oder anderen Plattformen mit uns teilen würde, fragte ich ihn, ob er mir die Inhalte auf anderem Wege mitteilen könnte, damit ich den verpassten Stoff zuhause nachholen kann.

„Dann kann ich ihnen auch nicht helfen. Wer es nicht für nötig hält, teilzunehmen, hat eben Pech gehabt”, hieß es prompt von ihm. Das war nur das erste, aber nicht das einzige Mal, dass ich im Studium wegen meiner chronischen Erkrankung gegen eine Wand gerannt bin. Durch sehr nette Kommiliton:innen kam ich dann zwar noch an den Stoff, der mir fehlte, ein ungutes Gefühl blieb aber trotzdem zurück. 

Und genau dieses unangenehme Gefühl ist immer wieder da, wenn ich mich überwinden muss, eine E-Mail zu schreiben, in der ich erkläre, dass ich POTS oder einen Migräne-Anfall habe und nicht in der Lage bin, zu einer Übung oder einem Tutorium zu kommen. Abgesehen von der offensichtlichen Problematik einer Anwesenheitspflicht (oder vergleichbaren Veranstaltungs-Formaten) gibt es viele kleine Aspekte des Studiums, die es Menschen mit chronischen Erkrankungen erschweren, am Universitätsalltag teilzunehmen. Natürlich sind diese Hürden für jede:n individuell. In meiner Erfahrung sind es besonders die kleinen Dinge, die sich summiert zu einem großen Berg türmen, der an manchen Tagen dann unüberwindbar wirkt. 

So ist es an sich keine große Sache, wenn mir an manchen Tagen durch das wiederholte Aufstehen zum Durchlassen von anderen Studierenden in den Hörsaalreihen so schwindelig wird, dass ich einige Minuten lang der Vorlesung nicht folgen kann. Es ist keine große Sache, dass ich in manchen Vorlesungssälen aufgrund der schlechten Belüftung nur am Rand sitzen kann, weil ich im Laufe der Veranstaltung mehrfach den Raum verlassen muss, um einen Migräneanfall zu vermeiden.  Es ist auch keine große Sache, wenn ich durch einen spontanen Raumwechsel dazu gezwungen bin, mit einer Gruppe von Leuten in einer Geschwindigkeit über den Campus zu hetzen, die bei mir zu Herzrasen, Schwindel oder sogar Ohnmachtsanfällen führt. Für das alles habe ich Strategien und Möglichkeiten, durch die ich dennoch durch den Tag komme. 

Wenn das Kleine zu viel wird

Was jedoch eine große Sache ist, ist dass die Anhäufung dieser kleinen Sachen Studieren für mich manchmal einfach nicht in dem Rahmen möglich macht, wie es bei gesunden Menschen der Fall ist. Mit dieser Realität bin ich nicht alleine. Von anderen Studierenden mit chronischer Erkrankung höre ich Berichte von uneinsichtigen Lehrpersonen, von unrealistischen Erwartungen, die die (körperlichen) Möglichkeiten der Studierenden überschreiten. Von unzureichender Solidarität des studentischen Umfelds. Für jeden Menschen mit einer chronischen Erkrankung ist die Realität des Studiums eine andere. Für Jede:n gibt es unterschiedliche Hürden und Mauern. Was sich aber allgemein sagen lässt: Die Erfahrungen, die man im Studium mit einer chronischen Erkrankung sammelt, sind von unsolidarischem Verhalten und einem Gefühl der Isolation geprägt. 

Ein besonders großer Faktor, der meinen Umgang und meine Offenheit mit dem Thema im universitären Rahmen prägt, ist die Sorge, ein Bild von mir zu vermitteln, das nicht der Realität entspricht.. Ich möchte nicht, dass meine Bedürfnisse, die durchaus von der Norm abweichen, mich wie jemanden wirken lassen, der sich für etwas Besseres hält oder ich als wehleidig und Mitleid suchend verstanden werde. So zögere ich oft, Menschen von meinen Diagnosen zu erzählen, werde aber im Kontext des Studiums der Wahl, diese Information für mich zu behalten, zu oft beraubt.

Natürlich gibt es an der UDE Anlaufstellen für Studierende mit chronischen Erkrankungen. Vor Ort habe ich mich zwar ernst genommen und auch gut beraten gefühlt, aber leider sind die Möglichkeiten auch hier begrenzt. Für mich fühlt es sich oft an, als wäre der Weg zu einem für chronisch Kranke angepassten Studienalltag gepflastert mit Papierkram und Anträgen, eine bürokratische Hürde vor den echten Hürden des Alltags. 

Auf der Suche nach einem Weg, alle Aspekte in Einklang mit der Möglichkeit chronisch krank zu studieren zu bringen, verliert man gerne mal den Blick für positive Aspekte: Ich bin froh, studieren zu können. Ich bin froh, in der privilegierten Situation zu sein, dass ich trotz meiner chronischen Erkrankungen und den damit einhergehenden Problemen die Möglichkeit habe, das Studium so gut ich kann zu absolvieren. 

Ich wünsche mir, dass es einfacher wird, dass offener über die Hürden des Studiums mit chronischer Erkrankung gesprochen wird und dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss, wenn ein Raumwechsel, Anwesenheitspflicht oder Kommunikation mit der Universität anstehen. Ich wünsche mir, dass Studierende mit chronischer Erkrankung ernst genommen werden.