Stell dir vor, es ist kurz nach 19 Uhr und du sitzt in der fast leeren Unibib. Du liest einen Text für dein Seminar am nächsten Tag. Im Augenwinkel bemerkst du wiederholt einen Typen, der nach etwas Ausschau hält, auf und ab läuft und in verschiedenen Gängen die Tischreihen scannt. Bis er dann vor deinem Tisch stehen bleibt und dir sein Handydisplay zeigt. Die Notizen-App ist geöffnet und dort steht ein Satz: „Geb mir deine Nummer!” [sic] Verwirrt antwortest du „Nein” und bittest ihn, zu gehen.
Genau in dieser Situation fand sich Vanessa* letzte Woche in der GeiWi-Bib wieder. Nachdem sie den Mann wegschickt, muss sie sich kurz erstmal fangen, ihre Atmung kontrollieren und überlegen, was sie macht. Sie beschließt, den Vorfall beim UB-Personal zu melden. Fälle von Belästigung gab es in den UDE-Bibliotheken im Jahr 2025 fünf Stück, im Januar 2026 wurden bereits zwei Vorfälle gemeldet – einer in Duisburg und einer in Essen. Im Vergleich zu den hohen Besucher:innenzahlen, die bis zu mehrere Tausende im Jahr umfassen, sei die Anzahl der Konflikte sehr klein, erklärt uns Dr. Andreas Sprick, stellvertretender Bibliotheksleiter. Trotzdem betont er: „Jeder Konflikt, der sich in der Bibliothek ereignet, ist ein Konflikt zu viel.”
Im letzten Jahr beobachtete ein Student einen ähnlichen Vorfall, bei dem ein Mann sogar noch etwas bedrängender wurde. Der Mann habe sich als Dozent ausgegeben und eine Studentin beim Lernen in der Bib unterbrochen und in ein Gespräch verwickelt, sie mit der Information, er sei Dozent, immer wieder verunsichert. Obwohl sie mehrfach verneinte, forderte er sie weiterhin auf mit ihm abseits des Campus einen Kaffee trinken zu gehen. Als der Student sich in die Situation einmischte, wurde der Mann merklich aggressiv, ging aber schließlich weg.
Pick-up-Artists
Solche Männer, die gezielt vor allem nach jungen Frauen suchen, um diese anzusprechen und mit rhetorischen Mitteln und verfälschten Situationen zu einem Treffen oder der Weitergabe von privaten Daten zu überreden, kann man als Pick-up-Artists beschreiben.
Der Duden definiert Pick-up-Artists als „männliche Person, die durch bestimmte (erlernte) Verhaltensweisen und Äußerungen andere Personen gezielt sexuell zu verführen sucht.”
Das Problem ist dabei nicht, dass Männer Frauen ansprechen, sondern die belästigende Art und Weise und dass sie an einem Ort der Konzentration, der für jede:n ein Safe(r) Space zum Lernen sein soll, für Verunsicherung sorgen und Grenzen überschreiten.
Was macht die UB?
Dr. Andreas Sprick teilt uns mit, dass es sich bei beiden Meldungen im Januar um Studentinnen handelt, die von männlichen Personen angesprochen wurden. „In diesen Fällen schreitet in der Regel der in der Bibliothek anwesende Wachdienstmitarbeiter ein, klärt den Sachverhalt, nimmt, falls möglich, die Personalien auf, protokolliert den Vorfall und leitet ggf. weitere Maßnahmen ein.” Das UB-Team ist auf solche Situationen vorbereitet, kann aber nur helfen, wenn es über problematisches Verhalten informiert wird oder es selbst beobachtet. In den Fachbibliotheken herrscht, auch wenn dort vor allem einzeln gearbeitet wird, ein soziales Miteinander: „Man ist eigentlich nirgends in der Bibliothek allein. Dunkle, leere Ecken gibt es im Prinzip nicht”, so Sprick.
Vielleicht sind euch auf den Toiletten der UB auch schon die Poster zu „Wo ist Luisa?” aufgefallen. Sprick verweist auf diese Kampagne gegen Belästigung, die im Sommer 2025 auch in der Unibib eingeführt wurde. Besucher:innen können sich „sich in allen Fällen von erlebten Belästigungen direkt an die Mitarbeiter:innen der UB oder an den Wachdienst wenden.”
Die Meldungen beim Personal der Bibliotheken sind höher als in den Jahren zuvor, betreffen aber auch andere Vorfälle wie „Konflikte um Arbeitsplätze” oder auch Wortgefechte über die Lautstärke von Mitstudis.
Was tun?
Gerade jetzt sind die Bibs wieder rappelvoll. Falls ihr selbst belästigt werdet oder mitbekommt, wie jemand anderes sichtlich eingeschüchtert oder verbal bedrängt wird, seid solidarisch. Fragt die angesprochene Person, ob sie sich mit der Situation wohlfühlt oder ob sie Hilfe braucht. Danach könnt ihr den Vorfall beim Bib-Personal am Eingang melden. Die Mitarbeiter:innen dort wissen Bescheid und können nur durch die Meldungen aktiv werden und Ausschau halten.
„Jede dieser Meldungen wird von uns protokolliert. Hierbei nehmen wir auch Hinweise zur Identifikation der Personen auf, z. B. eine Personenbeschreibung”, so Sprick. Nur durch die Meldung solcher Vorfälle können die Security-Mitarbeitenden einschreiten, zukünftige Vorfälle verhindern und in schlimmeren Fällen auch einen Platzverweis aussprechen. Vanessa war schlussendlich froh, dass sie den Vorfall gemeldet hat.
Sprick ist wichtig, dass „insbesondere Besucherinnen wissen, dass sie in Konfliktsituationen nicht allein sind, sondern sich jederzeit an die Mitarbeiter:innen der UB oder den Wachdienst wenden können.” Für die Täter gilt: Wer in der Uni flirten will, kann das am Campus außerhalb der Lernbereiche, in Bars oder Cafés auf respektvolle Art machen. Aber bitte lasst lernende Studis in der Bib in Ruhe.
*Name von der Redaktion geändert.
