Im Dortmunder U steht gerade alles im Zeichen der Sonne und zugleich der Zukunft. Zwischen Kunst, Klang und Klima entfalten sich zwei Ausstellungen, die Licht auf sehr unterschiedliche Weisen begreifen: als Energiequelle, als Hoffnungssymbol, als Auslöser von Wandel. „Genossin Sonne“ und „Solarpunk“ zeigen, wie Kunst Fragen nach Energie, Gemeinschaft und Verantwortung greifbar machen kann. Eine begleitende Fotostrecke fängt Eindrücke und Atmosphären des Rundgangs ein.
Auf mehreren Etagen sind zwei Ausstellungen zu sehen, die sich thematisch berühren, aber sehr unterschiedlich erzählen. Im oberen Bereich, auf Etagen 3 & 6 wird „Genossin Sonne“ präsentiert, eine erzählerische Gruppenschau über Energie, Revolution und Kosmos. Eine Ebene darunter, in der uzwei, lädt „Solarpunk“ zum gemeinsamen Träumen von einer besseren Zukunft ein. Zusammen entsteht ein Dialog über Licht, Wandel und Verantwortung.
Genossin Sonne
„Genossin Sonne“ ist eine Ausstellung, die Zeit verlangt. Schon beim Betreten der abgedunkelten Räume spürt man die besondere Atmosphäre: gedämpftes Licht, vereinzelte Projektionen, Stimmen, die aus unsichtbaren Quellen flüstern. Besucher:innen erhalten Kopfhörer, die sich automatisch mit den jeweiligen Stationen verbinden. So entsteht eine ganz eigene akustische Choreografie – jede Bewegung durch den Raum verändert, was man hört.
Das Spektrum der Arbeiten reicht von großformatigen Video-Installationen bis zu zarten, fast dokumentarischen Tonstücken. Im Mittelpunkt steht die Sonne als Sinnbild für Energie, Macht und Kreislauf. Sie erscheint nicht als romantisches Naturphänomen, sondern als politische Mitspielerin: Lebensspenderin, Überwacherin, Zeugin von Revolutionen.
Eine Arbeit, die hängen geblieben ist, ist das Video „I Only Wish That I Could Weep“ von The Atlas Group. Gezeigt wird die Strandpromenade von Beirut im Abendlicht. Menschen laufen vorbei, Autos ziehen ihre Spuren, und allmählich rückt der Blick immer näher an die untergehende Sonne heran. Hinter den Aufnahmen steckt die Geschichte eines Geheimdienstoffiziers, der eigentlich die Küste während des Bürgerkriegs beobachten sollte und sich eines Tages entschied, lieber den Sonnenuntergang zu filmen. Eine kleine, fast stille Geste der Selbstbestimmung, die leider auch zur Entlassung führte. In dieser Entscheidung steckt viel: der Wunsch nach Schönheit inmitten von Kontrolle, der Blick auf etwas, das bleibt, während alles andere zerfällt. Das Video wirkt ruhig und unspektakulär, und vielleicht genau deshalb so bewegend, weil es zeigt, wie Sehnsucht manchmal einfach nur der Versuch ist, weiterzuschauen.
Viele der gezeigten Werke arbeiten mit rhythmischen Wiederholungen, Überblendungen und wechselnden Perspektiven. Manche erzählen von der Kraft der Sonne als Motor von Arbeit, Landwirtschaft und Industrie, andere von ihrer symbolischen Bedeutung für Hoffnung und Aufbruch. Immer wieder verschränken sich wissenschaftliche und emotionale Zugänge, Theorie und Erfahrung.
Bemerkenswert ist, wie präsent das Team des Museums Ostwall bei dieser Ausstellung ist. Die Mitarbeiter:innen sind sehr wilkommen, freundlich und engagiert. Sie helfen beim Umgang mit der Technik, erklären Hintergründe und sorgen dafür, dass sich auch weniger kunstaffine Besucher:innen zurechtfinden. Diese Offenheit trägt stark dazu bei, dass man sich als Teil der Ausstellung fühlt und nicht bloß als Beobachter:in.
Insgesamt entsteht in „Genossin Sonne“ ein konzentrierter Erfahrungsraum: ruhig, fast meditativ, und doch voller Bewegung. Die vielen Video- und Audioebenen erzeugen ein Gefühl von Umkreisung, als würde man selbst in einer Bahn um ein unsichtbares Zentrum kreisen.
Solarpunk
Im Gegensatz dazu wirkt „Solarpunk“ wie ein heller, luftiger Gegenpol. Hier geht es weniger um kosmische Dimensionen, sondern um irdische Visionen. Farben, Materialien und Ideen sprühen förmlich vor Energie. Junge Künstler:innen und Kollektive entwerfen Zukunftsbilder, in denen Technologie, Gemeinschaft und Natur nicht im Widerspruch stehen, sondern miteinander wachsen.
Die Ausstellung versteht sich als offener Prozess. Besucher:innen können sich beteiligen, schreiben, zeichnen, experimentieren. Es gibt Workshops, Diskussionen und kleine Werkstätten, in denen Zukunftsentwürfe konkret werden, etwa in Form von Pflanzeninstallationen, 3D-Drucken oder improvisierten Stadtmodellen. Das Ergebnis ist ein Raum, der weniger fertige Kunst zeigt als vielmehr Möglichkeiten.
„Solarpunk“ meidet die großen Worte von Utopie oder Weltrettung und setzt stattdessen auf Nahbarkeit: Was können wir heute tun, um das Morgen ein Stück gerechter zu gestalten? Dabei steht Gemeinschaft im Vordergrund: ein Denken, das Energie nicht nur als Strom oder Strahlung versteht, sondern als soziale Kraft.
Zwischen Kosmos und Kollektiv
Spannend wird der Besuch, wenn man beide Ausstellungen hintereinander erlebt. Von der Dunkelheit und Dichte der „Genossin Sonne“ führt der Weg hinunter in das helle, partizipative „Solarpunk“. Das wirkt wie eine Bewegung vom Nachdenken ins Handeln. Oben kreist alles um das große Ganze – um Planeten, Strahlen, Kreisläufe. Unten wird das große Ganze in den Alltag übersetzt: in gemeinsames Tun, in nachhaltige Ideen, in Kunst, die anfasst statt abbildet. Beide Ausstellungen ergänzen sich zu einem dichten, aber zugänglichen Panorama über Energie und Gesellschaft. Sie erinnern daran, dass Licht nicht nur etwas ist, das fällt, sondern etwas, das verbindet.
Zusammen ergeben sie ein überzeugendes Bild davon, wie Kunst heute auf die Herausforderungen unserer Zeit reagieren kann: mit Aufmerksamkeit, Offenheit und einem Schimmer Hoffnung. Und wenn man schließlich wieder ins Tageslicht tritt, bleibt dieser Gedanke: Die Sonne, die draußen über Dortmund scheint, ist dieselbe, die drinnen zum Denken, Fühlen und Handeln anregt.
Die Etage 2 & 3 sind kostenlos, eine Karte für Ebene 6 kostet regulär 9 Euro und ermäßigt 5 Euro.
