So lautet das Statement auf einem Banner der Evangelischen Studierendengemeinschaft (ESG). Beim Sommerfest der UDE fallen uns der Slogan und die beiden roten Hähne, die rechts und links der Schrift Hakenkreuze „zerkacken”, ins Auge. Recht schnell kommt die Pfarrerin der ESG, Vera von der Osten-Sacken, auf uns zu und erklärt sich bereit, mit uns über ihre Rolle an der Uni und ihr Selbstverständnis als Antifaschistin zu reden.
Während derzeit im In- und Ausland immer öfter versucht wird, „gegen Faschismus zu sein” mit linkem Terrorismus gleichzusetzen, anstatt es als Selbstverständlichkeit einer wehrhaften Demokratie zu verstehen, ist Vera von den Osten-Sacken bekennende Antifaschistin. Für sie widerspricht Schweigen, während andere leiden, dem höchsten christlichen Gebot – der Nächstenliebe. „Wie kann ich einen Menschen lieben und an seinem Schicksal nicht Anteil nehmen? Oder ihn hängen lassen, wenn er in Bedrohung ist? Oder riskieren, dass etwas an die Macht kommt, was diesem Menschen die Freiheiten einschränkt?”

Diese Haltung trägt sie auch in die Öffentlichkeit: Mit dem Banner der ESG, auf Social Media und als Person. In der Auseinandersetzung mit Faschismus hebt sie eine Gemeinsamkeit mit Religion hervor: „Wenn ich mich frage, was macht Religion? Was ist das, wofür ich stehe? Und ich mich dann frage: Was macht Faschismus? Es gibt eine einzige Gemeinsamkeit. Beide zielen auf Gefühle.” Der Unterschied liegt jedoch in der Art der Gefühle. Religion arbeite mit sehnsuchtsvollen, tragenden Gefühlen. Faschist:innen arbeiten mit Gefühlen der Angst, der Wut oder des Hasses. Das sieht Vera als Strategie, mit der Faschist:innen „die Menschen vor ihren Karren spannen” wollen.
„Deswegen versuchen auch alle Faschisten, von denen ich irgendwie was weiß und ich kenne längst nicht alle – Gott sei Dank, sonst würde ich hier den ganzen Tag nur kotzen – zuerst das Gefühl der Menschen zu packen, um sie dann zu manipulieren und für ihre Sache entweder zu gewinnen oder auszubeuten. Am Ende läuft es immer auf Ausbeutung aus. Faschismus will Gewaltherrschaft und Territorium erweitern.”
Aber wie gehen Religion und Politik zusammen?
Als wir über die Trennung von Kirche und Staat sprechen, sagt Vera: „Das Christentum hat immer mitgeredet, politisch.” Gleichzeitig ist ihr bewusst, dass es Christ:innen gibt, die in der Glaubensgemeinschaft zusammenkommen und sagen, dass Politik sie nicht interessiert. „Das kann ich respektieren, auch wenn es mir persönlich schwerfällt. Ich bin etwas anders erzogen.” Vera sieht sich eher in der Tradition der Aufklärung. „Ich sehe mich immer, egal was ich religiös empfinde, als Teil unserer Gemeinschaft und auch als eine Person, die – um es mal religiös auszudrücken – von Gott mit Gaben ausgestattet wurde, die ich gefälligst nicht nur für mich selbst behalten soll.”
Ihre Privilegien reflektiert sie und zieht daraus Rückschlüsse: „Ich lebe im Vergleich zu Studis in echter Sicherheit. Ich bin Beamtin, ich habe ein Gehalt, das mich ernährt. Ich habe eine ganze Kirche hinter mir. Ich habe ja echt was, das mich schützt. Wenn sogar ich feige bin, warum sollte ich dann erwarten, dass andere mutig werden?”
„Heimat auf Zeit”
Natürlich kann Vera nicht allein für 40.000 Studierende verantwortlich sein, aber sie macht Angebote: „Von Seminaren zu seelsorgerlichen, psychologischen Themen bis hin zur Open Stage oder der Hidden Artist Society. Man kann richtig Party mit uns machen und man kann sich auch richtig vertieft Seelsorge geben lassen.” Das Thema Kirche an der UDE wird also etwas weniger traditionell angegangen – ohne Sonntagsgottesdienst und Kirchturm. „Das gibt es, das ist auch eine wunderschöne Sache, aber an der Uni ergibt es wenig Sinn, schon allein deshalb, weil die Uni sonntags zu ist.” Die Gemeinde an der UDE soll eher eine Art „Heimat auf Zeit” sein.
Dabei spielt die Religion der Studierenden eine weniger große Rolle als vielleicht erwartet: „Wir fragen nicht danach, ob jemand christlich ist oder überhaupt interessiert an Religion, sondern wir sind da und bieten an.” Für Vera ist Christin sein etwas Wichtiges, aber nur deshalb muss es das für andere nicht sein. „Das ist für mich ein ganz tiefer Sinn von Religion, das nicht von anderen zu verlangen, sondern da zu sein, es anzubieten, wenn man gut ist, es glaubwürdig vorzuleben.”
In der Seelsorge gibt es kein Thema, das nicht besprochen werden kann. Vera ist sich über die Mehrfachbelastung von Studierenden bewusst, aber steht auch bei Schicksalsschlägen oder Gewalterfahrungen als Ansprechpartnerin bereit. „Ich bin immer jemand, der auch weiterhilft und vermittelt, also Kontakt zu psychologischen Einrichtungen, zu juristischen Einrichtungen, wenn es wirklich Not tut, auch zur Polizei.” Dass diese Gespräche vertraulich stattfinden, ist selbstverständlich. Sie selbst sagt: „Ich stehe unter der härtesten Schweigepflicht, die es in Deutschland gibt.”
„Erklärbär-Seelsorger-Kuschelmädchen”
Seit drei Jahren macht sie es sich nun zur Aufgabe, die Sichtbarkeit der ESG zu erhöhen. Mit der Zeit hat sie Mitstreiter:innen gewonnen und Kontakte am Campus geknüpft, mit denen sie gemeinsam nach außen wirkt. Manche Events sind sehr erfolgreich und gut besucht, andere weniger. Die Zurückhaltung der Studierenden, die oft einfach nichts vom Angebot des ESG wissen, versteht sie auch: „Ich bin auch erstmal nur eine Fremde. Ich bin ja nicht eingeführt als, ‘Hallo, hier ist dein Erklärbär-Seelsorger-Kuschelmädchen, du kannst dich hier wohlfühlen!’ Das weiß doch keiner.”
Auch mit dem Stereotyp des faulen Studierenden geht sie nicht mit: „Ich glaube nicht, dass die Studis lahm oder schlapp sind. Ganz und gar nicht. Ich glaube, dass einfach wahnsinnig viel auf der Generation liegt, die jetzt ein Studium beginnt oder in der Mitte ist.” Deshalb setzt sie sich z.B. für die Ehrung von Abschlussarbeiten ein, damit Studierende am Ende ihrer Ausbildung etwas Wertschätzung erfahren. Bisher ist so etwas hauptsächlich in den Theologien geplant, Vera ist aber offen für die Ausweitung dieses Angebotes auf Nachfrage. Generell freuen sich Vera und die ESG über Anstöße und Mitwirken der Studierenden. Sie unterstreicht außerdem, dass sich jede:r bei ihr melden kann und bei den Events der ESG willkommen ist.
Ihr könnt jederzeit mit Vera in Kontakt treten: vera.osten-sacken@ekir.de
Das aktuelle Programm für das WiSe 25/26 findet ihr hier.
