Dr. Mertcan Usluer, Arzt in der Gynäkologie [Foto: Sascha Swiercz]
Posted in

„Medizin ist kein Wettbewerb, sondern Care-Arbeit.”

21. Oktober 2025

Der Gynäkollege kämpft auf Instagram und TikTok gegen Diskriminierung im deutschen Gesundheitswesen. Bei seinen Richtigstellungen von medizinischen Irrglauben und Takes zum Umgang mit Patient:innen schauen Millionen Leute zu. Sein Medizinstudium hat Dr. med. Mertcan Usluer in Essen absolviert und erzählt im Interview mit der ak[due]ll von den High- und Lowlights seiner Studizeit. 

ak[due]ll: Was sind deine beste und schlechteste Erinnerung an das Medizinstudium an der UDE?

Mertcan: Meine beste Erinnerung ist, dass ich dort Menschen getroffen habe, die mir gezeigt haben: Medizin kann auch menschlich und auf Augenhöhe sein; Studieren kann auch spaßig und inklusiv sein. Zwischen all dem Bulimie-Lernen und Konkurrenzdruck gab’s immer wieder kleine Inseln von Solidarität – Kommiliton:innen, die Skripte geteilt haben statt Geheimnisse. In Holsterhausen am Medi-Campus saßen wir alle im selben Boot.
Meine schlechteste Erinnerung? Das Gefühl, trotzdem Fehl am Platz zu sein, oder sich zumindest zu wundern „Warum haben die anderen Premium-Plätze?” Wenn du nicht aus einem Akademikerhaushalt kommst, keine Ärzt:innen in der Familie hast und nebenbei jobben musst, fühlst du dich oft wie ein Gast in einem System, das nicht für dich gebaut wurde…und die Uniklinik Mensa.

ak[due]ll: Wenn du einen Aspekt des Medizinstudiums in Deutschland ändern könntest – welcher wäre es und wie?

Mertcan: Ich würde den Leistungsfetisch rausoperieren. Statt „wer kann mehr auswendig lernen” oder „wer hält am meisten Stress aus“ müsste es heißen: „wer versteht am besten, was Patient:innen brauchen“. Ich würde psychosoziale Kompetenz, Kommunikation, Diskriminierungssensibilität und Teamarbeit genauso prüfen wie Anatomie und Biochemie. Medizin ist kein Wettbewerb, sondern Care-Arbeit.

ak[due]ll: Wo siehst du besonders viel Benachteiligung im Medizinstudium?

Mertcan Usluers Post zum bestandenen Medizinstudium an der UDE [Screenshot: Isntagram/instamerci]

Mertcan: An drei Stellen: Beim Zugang – Wenn du keinen 1er NC hast oder kein Geld für private Unis, fällst du durchs Raster. Während des Studiums – unbezahlte Praktika, teure Lehrmaterialien, kaum Zeit für Nebenjobs. Und im System selbst – Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Aussehen oder psychischer Gesundheit. Das Praktische Jahr ist das beste Beispiel: 40 Stunden Klinik und dafür in vielen Fällen kein Cent Lohn. Das ist kein Lernjahr, das ist Ausbeutung unter dem Deckmantel der Ausbildung.

ak[due]ll: Melden sich Medizinstudierende bei dir?

Mertcan: Fast täglich. Viele schreiben mir, dass sie sich in der Ausbildung verloren fühlen – zwischen Idealismus und Realität. Sie wünschen sich ehrliche Vorbilder, die zeigen: Du kannst gute Medizin machen, ohne dich selbst zu zerstören. Und, dass sie gerne in die Gyn möchten, worauf ich echt stolz bin. Bald gibt es dann eine Schar an hippen, aktivistischen Gyns, die sich nix mehr sagen lassen – lieben wir. 

ak[due]ll:  Für einige Studis steht bald das zweite Staatsexamen an, danach geht es für sie ins Praktische Jahr (PJ). Wie war der Übergang vom PJ zum Berufsalltag für dich?

Mertcan: Hart, ehrlich gesagt. Du gehst von einem Tag auf den anderen von „bitte nichts alleine machen“ zu „du bist verantwortlich für Leben“. Gleichzeitig war’s auch befreiend, endlich wirklich helfen zu dürfen. Die größte Herausforderung: nicht zynisch zu werden und mit dem krassen Druck, der Schlaflosigkeit und der Bürokratie klarzukommen. Die größte Erleichterung: merken, dass Patient:innen Menschlichkeit mehr schätzen als Perfektion. 

ak[due]ll: Du bist jetzt Preisträger eines Grimme-Online-Awards in der Kategorie Wissen und Bildung. Wie beeinflusst deine Aufklärungsarbeit auf Social Media deine Arbeit? Gibt es auch Kolleg:innen, die sich zu deiner Haltung und Verbesserungsvorschlägen zum Gesundheitssystem (z.B. in der Kommunikation mit Patient:innen) kritisch äußern? 

Mertcan: Ich kann es immer noch kaum fassen, nun Grimme-Preisträger zu sein. Noch vor knapp 2,5 Jahren gab es Gynäkollege nicht. Und am Anfang wurde ich echt belächelt. Ich bin aber durch Social Media, egal wie viele Preise oder Follower, ein besserer Arzt geworden, weil ich lerne, komplexe Dinge verständlich und respektvoll zu erklären. Natürlich gab es in Vergangenheit Kolleg:innen, denen das nicht gepasst hat, ich wurde sogar dafür gemobbt.
Aber wenn du einmal erlebt hast, wie eine Patientin sagt: „Durch dein Video habe ich mich das erste Mal ernst genommen gefühlt“ – dann weißt du, was echte Wirkung ist.

ak[due]ll: Was war dein Lieblingsort in Essen?

Mertcan: Der Niederfeldsee in Altendorf – ich habe quasi ums Eck gewohnt zu diesem gresslig-schönen, künstlichen See. Er verkörpert für mich das, wofür Essen steht. Ungeschönte Ehrlichkeit und ein Bestreben, das Beste aus dem zu machen, was man hat. Am Niederfeldsee habe ich zwischen Lernstress, Herzschmerz und Existenzkrisen immer ein Stück Ruhe gefunden. Und manchmal war das wichtiger als jede Vorlesung oder Party.

Carolin (25) schreibt seit April 2024 für die ak[due]ll. Als Redakteurin interessieren sie Themen wie intersektionaler Feminismus, das Campusleben in Essen und lokale Happenings. In der Redaktion ist sie als car bekannt.

Carolin Neumeier

Carolin (25) schreibt seit April 2024 für die ak[due]ll. Als Redakteurin interessieren sie Themen wie intersektionaler Feminismus, das Campusleben in Essen und lokale Happenings. In der Redaktion ist sie als car bekannt.

Mehr von Carolin Neumeier