Ein Kommentar von Jonas Kahler
Die großflächige digitale Vermüllung mit billig produzierten KI-Inhalten erleben viele als zermürbende Zäsur. Denn obwohl das Internet auch immer ein Ort für das Abfällige war, fehlt dem heutigen ‚Trash’ die dezidierte Sichtbarkeit des Menschen.
Das Internet bewegt sich in ständigen Wiederholungsschleifen: Themen, Motive und Sujets alter Tage sind das Fundament des bald schon Neuzusammengesetzten. Prototypisch ist hierfür das Meme, das in seiner Bearbeitung von Kultur, Politik oder einstigen Privataufnahmen die Tradierung der digitalen Welt verkörpert. Gegenwärtig lässt sich allerdings diese Praktik zunehmend in der Sphäre künstlicher Intelligenz beobachten.
Öffnet man eine Social-Media-App seiner Wahl, wird es nicht lange dauern, bis man auf den ersten KI-generierten Inhalt stößt – sei es eine Banjo spielende Katze, Reality-TV mit sprechendem Obst und Gemüse oder Hymnen auf den gestrandeten Wal „Timmy“. Die Produktion jener Inhalte ist in den vergangenen Jahren so nutzer:innenfreundlich geworden, dass selbst die Technikfremdesten unter uns mit wenigen Prompts künstliche Bild- und Klangwelten erschaffen können. Einfache Bedienung, breite Zugänglichkeit sowie reges Interesse an neuer Technologie ergeben in Summe ein überflutetes Internet. Daher ist es nicht verwunderlich, dass seit geraumer Zeit ein Begriff die Runde macht, in dem die Abneigung gegen diese Entwicklung zum Ausdruck kommt: KI-Slop.
KI als Verschmutzung
Slop kann im Englischen eine Reihe an Dingen bezeichnen. Man begegnet dem Begriff beispielsweise häufig im semantischen Feld der Agrarbiologie. Slop bedeutet hier so viel wie Abfall von Lebensmitteln, der gelegentlich an Tiere verfüttert wird, weil er für den Menschen nicht mehr von Nutzen ist. Analog haftet den Unmengen an KI-Content etwas Schmutziges, Geringwertiges, ja sogar Degradierendes an – als seien sie insgeheim gar nicht des Menschen würdig. Von den lernkognitiven Bedenken, die aus aktuellen Studien zur Verwendung generativer KI hervorgehen, mal abgesehen, werden die Nutzenden in letzter Konsequenz – um in der Metaphorik der Landwirtschaft zu bleiben – selbst zum Viehbestand. Einzig und allein im Netzjargon wird noch mit einer bunten Begriffspalette – vom Brainrot bis hin zum Doomscrolling – Widerstand geleistet und dabei eine alarmierende Kulturdiagnose formuliert: Wir, die Nutzenden von KI, sind passive Wesen, die den Mist fressen, der uns vorgesetzt wird. Die Gedankenspielchen früherer Science-Fiction-Filme, in denen die künstliche Intelligenz als angsteinflößende Superinstanz auftritt und die Menschheit unterjocht, erscheinen heute als naive Fehleinschätzung. Es sind wohl eher die Menschen selbst, die mit der KI als Werkzeug bewaffnet, die grundlegenden Bedingungen für diesen Umsturz schaffen. Und dennoch: Vorwürfe von digitaler Verdummung sind ein wiederkehrendes Motiv.
Die neue YouTube Kacke?
Wer einen Blick in die Anfang der 00er-Jahre aufsteigende YouTube-Szene wagt, wird dort auf ein Format namens ‚YouTube Kacke‘ treffen, dem in seiner Entstehungszeit Ähnliches nachgesagt wurde. Dieser Slop avant la lettre, also “Vorgänger-Slop”, kennzeichnet sich dadurch, dass öffentliches Videomaterial nach allen Regeln der Schnittkunst verfremdet, entstellt und in einen neuen Kontext gerissen wird. Schnelle Cuts, desorientierende Zooms und ohrenbetäubende Soundeffekte. Die „Kacke“ ist sich für nichts zu schade. Auch scheut sie nicht vor Obszönitäten oder Menschenverachtung zurück – die Maxime: je vulgärer, je brutaler, je skurriler, desto lustiger. Es zählt eben alles, was sich aus dem ursprünglichen Material herausquetschen lässt. Die Ansammlung möglichst vieler Absurditäten und provokanter Taktlosigkeiten ist dabei das sinnstiftende Prinzip; verachtet und negiert wird hingegen die sowieso nur noch durch die digitalen Medien vermittelte Realität. Das Internet als virtuelle Müllhalde. Im Unterschied zum KI-Slop, der in seinem Begriff alle gedachten Ressentiments gegen KI-Inhalte vereint, genießt die YouTube Kacke aber damals wie heute den Status als kultiges Unterhaltungsformat. Woran liegt das?
Ein zentraler Unterschied dieser beiden Trash-Ausformungen mag die Sichtbarkeit des Menschen bzw. der menschlichen Arbeit sein. Der KI-Slop verdient seinen Namen, weil er die menschenlose und sich beinahe verselbstständigende Weiterführung medial standardisierter Darstellungsmuster verkörpert. Wir wissen um die Produktionsbequemlichkeiten solcher Inhalte und bekommen sie als glatte Oberfläche zurück ins Gesicht geklatscht. Nichts anderes als ein Zahnrädchen, das die kulturindustrielle Maschinerie am Laufen hält, wird mit der KI in diesem Sinn ausgedrückt. Die YouTube Kacke verfährt hingegen ganz anders: Wenn Til Schweiger etwa in einem Zusammenschnitt aus dem Jahr 2015 des YouTubers Stupido Vision über Geflüchtete herzieht, obwohl er sich seinerzeit über seine Stiftung für jene Gruppe engagierte, dann lachen wir auch, weil das Video durch das bewusst krude Editing zu keinem Zeitpunkt den Gedanken aufkommen lässt, dass Schweiger diese Aussagen wirklich getätigt hat. Wir erahnen in der Verfremdung also noch die menschliche Bearbeitung. Gelacht wird demnach über die evozierte Differenz aus Medium und Wirklichkeit, während uns zeitgleich die KI in Form von Deepfakes eine Illusion von Echtheit verkaufen will. Aber auch abseits fotorealistischer Bild- und Tonmanipulation, kann die KI uns nur homogenisierte Kulturware präsentieren. TikTok-Phänomene wie ‚Fruit Love Island‘, eine Reality-TV-Soap mit KI-generierten Früchten, übernehmen schlicht und ergreifend die Erzähl- und Darstellungslogiken der titelgebenden Vorlage und multiplizieren sie mit 100. Sie versuchen sich in allen Variationen in den bestehenden Kulturbetrieb einzugliedern – bis sie schlussendlich als natürlich angesehen werden. Eine Vorstellung, die der YouTube Kacke diametral entgegensteht.
Festzuhalten ist, dass die Mengen an KI-Content nicht allein deshalb abstoßen, weil sie in schierem Ausmaß das Internet erobern. Die überwältigende Anzahl ist eher ein Produkt einer algorithmischen Ästhetik, die sich jenseits des Menschen verselbstständigt – genau darin liegt ja auch der Zweck von KI. Die Seelenlosigkeit des KI-Slops wird dabei bestehen bleiben, wenn das menschliche Erschaffen vollkommen unsichtbar wird.
