Das stählerne Walgerippe in der Duisburger Innenstadt hat „Timmys“ Kommen prophezeit [Foto: Moritz Karrer]
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Timmy für Anfänger oder Der Wal ist tot.

16. Mai 2026

Ein Kommentar von Moritz Karrer

Während in Europa und Westasien Kriege toben, dominierte ein anderes Thema die deutschen Schlagzeilen, Wohnzimmergespräche und Internet-Bubbles der letzten Wochen: Ein vor der deutschen Ostsee-Küste gestrandeter Buckelwal kriegt unter Spitznamen wie Timmy, Hope oder Fridolin eine Aufmerksamkeit, die ihresgleichen sucht. Unser Redakteur fragt sich: Warum?

Zunächst einmal zu der Situation, über die ich schon vor der Recherche für diesen Kommentar mehr wusste, als ich dachte oder je gewollt hätte: Nachdem in den vorangegangenen Wochen mehrmals von der Sichtung eines Wals in der Ostsee berichtet worden war, wurde am 23. März bestätigt, dass dieser jetzt auf einer Sandbank vor dem Timmendorfer Strand bei Lübeck gestrandet wäre. Innerhalb weniger Tage kamen Expert:innen zusammen, die sich bezüglich des weiteren Vorgehens berieten. Gemeinsam mit den örtlichen Behörden und Partner:innen wurde der Wal am 27. März befreit, indem man ihm per Bagger eine Rinne von der Sandbank grub. Der Wal kam dadurch frei, ließ sich aber über die nächsten Wochen an zwei anderen flachen Stellen erneut auf Sandbänken nieder. Am 16. April begann eine privat finanzierte Rettungsaktion, bei der weltweit akquirierte Expert:innen, aber auch mutmaßlich rechtsextreme Aktivisten, den Wal ins Schlepptau in Richtung Nordsee nahmen. Im Skagerrak, nördlich Dänemarks, kam der Wal am 02. Mai von diesem Konvoi frei. Seitdem ist über seinen Verbleib nichts bekannt.* Wer unbändiges Interesse an der gesamten Geschichte hat, dem empfehle ich, den Wikipedia-Artikel dazu zu lesen. Er hat auch nur die Länge einer rund 20-seitigen Hausarbeit, wenngleich mit weit wilderen Wendungen.

Der Wal schwimmt in MEINE Richtung

Was ich nicht empfehlen kann, ist, sich selbst durch die hunderten Zeitungsartikel, tausende TikTok-Videos oder die 5 Stunden, 37 Minuten und 11 Sekunden an YouTube-Videos von Tierrettungs-Influencer Robert Marc Lehmann zu wühlen. In der Menge an Beiträgen hängt dieser Wal einen gewissen Wels, bekannt aus dem medialen Sommerloch 2025, nämlich glatt ab. Ohne dass es Sommer wäre oder jemand ein Loch hineingeschossen hätte.

Manche Medien stürzten sich geradezu auf das Thema. So produzierte allein die BILD über 50 Beiträge zu „Timmy“. Der Inhalt beschränkte sich bei diesen aber weitestgehend auf Meinungsmache, Clickbait und Dramatisierung. Auch weniger tendenziösen Medien war der Wal neben einigen Artikeln aber zumindest einen Liveticker wert. 

Robert Marc Lehmann war nicht die einzige, aber vielleicht die prominenteste Person, die rund um den Wal nicht nur versuchte zu retten, sondern dabei auch sich und ihre Ideen zu profilieren. Lehmann hat aber wenigstens auch in seinem sonstigen Leben mit Walen zu tun. Danny Hilse hingegen, ein rechter Influencer, der in der Vergangenheit laut NDR das rechtsradikale Protestbündnis „Gemeinsam für Deutschland” mitorganisierte, wurde wohl von der privaten Rettungsaktion ohne jegliche Expertise angeheuert. Laut einer Expertin sabotierte er die Rettungsversuche zwecks Selbstinszenierung. Andere rechte Aktivist:innen nutzten das Thema noch ausgiebiger aus, um Stimmung gegen Staat und „Öko-Industrie“ zu machen, die doch das arme Tier schlachten und töten wollten. Oder wie es der NDR zusammenfasst: „Der Wal scheint für Rechtsextreme und andere Verfassungsfeinde eine geeignete Projektionsfläche für ihre Ablehnung des „Systems“ zu sein.“ Dabei hilft es so gar nicht, dass die regionale Politik und Landesregierung zwar einerseits Zielscheibe von solchen und anderen Anfeindungen wurden, selbst aber auch keine Gelegenheit zur Selbstinszenierung auszulassen scheinen.

Sprengt den Wal oder doch Internetführerschein ab 50?

Neben diesen böswilligen Beiträgen fand in der Gesamtbevölkerung aber auch eine gemäßigtere Rezeption des Wals statt. Wobei normal dann doch auch gelogen wäre. Die normalste Position wäre wohl ein „Ich wünsche dem Wal alles Gute, aber die Aufmerksamkeit darum herum verstehe ich nicht“ gewesen. Aber normal ist langwalig. Und langweilige Positionen begeistern die Menschen einfach nicht. 

Für junge Menschen entstand also der Wal-O-Mat, eine Website, auf der man, angelehnt an die echten Wahl-O-Maten, durch verschiedene Fragen seine Positionen mit denen der drei Lösungsmöglichkeiten abgleichen konnte: Team Sprengen, Team Retten oder Team Liegen lassen. Meine persönlichen Highlights sind da „Die Frage, wie ein Wal von innen aussieht, beschäftigt mich schon mein Leben lang“ und ebenso „Mein Leben gerät aus den Fugen und ich muss in das der anderen eingreifen, um noch etwas zu fühlen und einen Wert in meiner Existenz zu sehen.“ Zwei Thesen, die ein Stimmungsbild malen, welches stellvertretend für mehr als nur die Wal-Situation stehen kann: Die Gesellschaftskritik am Realen und zugleich stumpfer, fatalistischer Humor. Ob der Hashtag #taurusfürtimmy noch dieser Humor oder schon geschmacklos ist, möchte ich nicht entscheiden. Und ob Fischstäbchen aus Buckelwal noch nach Fisch schmecken?

Ganz so humorvoll schienen es einige ältere Personen nicht zu betrachten. In der Altersgruppe der über 50-Jährigen überwog scheinbar das Mitleid und traf auf neuerlangte Medienkompetenz. Die Welle an KI-Videos von einem animierten „Hope“, der in die Freiheit schwimmt, überspülte TikTok und Facebook. Songs, ebenfalls mit KI erstellt, avancierten innerhalb von Stunden zu populären Memes bei den Jüngeren, fanden aber auch echten Anklang bei ihrer verhältnismäßig kleinen, aber engagierten Ü50-Zuhörer:innenschaft. Die einhellige Meinung unter jüngeren Menschen (erneut mit Humor zu genießen), war es also, dass man, angesichts des ganzen KI-Slops, einen Internetführerschein ab 50 einführen müsse.

Die Qual der Wal: Ein Aufmerksamkeitsdefizit?

Uns geht es nicht um das Tier. Und das nicht im Sinne der Schwurbler:innen, sondern im Gestus einer Frage, die wir uns stellen sollten: Warum interessiert dieser Wal uns so? Es gibt durchaus ein paar berechtigte Gründe: Wale sind selten an unseren Küsten. Wale sind verhältnismäßig intelligente Tiere. Ihre Größe ist faszinierend. Aber warum ist uns das einzelne Schicksal dieses Tieres so wichtig, während wir gleichzeitig als Gesellschaft Millionen von anderen Tieren nicht nur als Nahrungsquelle, sondern auch in Pelzfarmen, als Haustiere oder in Zoos halten? Liegt es spezifisch daran, dass Wale ein wenig intelligenter als Schweine sind? Dass sie größer als Elefanten sind? Dass sie bei uns seltener als Nerze sind? Ich glaube nicht. Ich glaube, wir haben allesamt ein leicht gestörtes Verhältnis dazu, wie wir Empathie mit Tieren empfinden. Das muss nicht bedeuten, dass irgendwelche Viehbetriebe oder Zoos schließen sollten. Aber wir sollten darüber nachdenken, warum wir andere Tiere mit einem anderen Maß an Respekt behandeln. 

Ein Grund, warum dieses ganze Wal-Drama so viel Aufmerksamkeit gekriegt hat, scheint das Maß der Selbstinszenierung gewesen zu sein: Lehmann kommt zum Timmendorfer Strand, dreht tausend Videos. Den lokalen Behörden gefällt sein Gehabe nicht. Sie schließen ihn aus und geben öffentliche Statements ab. Er schießt zurück. Das Meeresmuseum Stralsund meldet sich und will seine Expertise beweisen. Amerikanische Expert:innen wollen dem Tier helfen, aber auch ein Stück des Ruhmes abhaben. Die Landesregierung will ihren Wähler:innen zeigen, dass sie etwas kann. All dieses Drama drumherum sorgt dafür, dass weitere Leute sich einmischen, weitere Medien berichten und das Thema wächst. Rechtsextreme merken, dass ein Drama auf großer Bühne stattfindet und wollen zum Schlussakt zu sehen sein. Warum mussten alle hier beteiligten Personen ihre Geltungssucht ausleben?

Ich habe in den letzten Wochen mit praktisch allen meiner Freund:innen über den Wal gesprochen. Nicht über irgendetwas konstruktives, sondern darüber, ob wir nun Team Sprengen oder doch Team Liegen Lassen sind. Irgendjemand hat vorgeschlagen, dass er das Sprengen selbst übernimmt, wenn man ihn nur mit 20L Cola und einer Packung Mentos zum Blasloch des Wals lässt. Siehe Geschmacklosigkeit. Ich habe auch mit meinen Eltern gesprochen und Unverständnis geerntet. Der Humor zündete nicht so ganz. Und ebenso wenig wurde die Forderung nach einem Internetführerschein Ü50 als Humor verstanden. Es grenzte eher an Entrüstung, wie man das denn fordern könne. So ergeht es nicht wenigen älteren Menschen und es ist auch keine Einbahnstraße. Auch für Angelegenheiten der Ü50er fehlt uns jüngeren Leuten Verständnis. Zum Beispiel in puncto Medienkompetenz. Irgendwelche Rechtsextreme, die jedes Thema zum Propagieren ihrer Ideologie ausschlachten, haben kein Verständnis verdient. Die, die den KI-Posts, -Videos und allem anderen auf den Leim gehen, aber schon. Denn das sind Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten. Verständnis bedeutet hier nicht Akzeptanz. Gleichzeitig muss ihre Generation verstehen: Ohne Aussicht auf Rente, Haus oder eine friedliche Zukunft bleibt nicht viel mehr als der fatalistische Humor, den sie noch nicht verstehen.

Doppelmowal

Seit Anfang Mai gab es keine gesicherten Informationen mehr zum Verbleib des Wals.* Und so kann es von mir aus auch bleiben. In meinem Mund hat er einen faden Geschmack hinterlassen – auch ohne zum Fischstäbchen zu werden.

*Anmerkung der Redaktion: Am Erscheinungstag dieses Artikels wurde „Timmys“ Tod bestätigt

Moritz ist 25 Jahre alt und seit August 2024 Teil der ak[due]ll-Redaktion. Er studiert an der UDE Kommunikationswissenschaft und Germanistik. Als Redakteur schreibt er vor allem Artikel über lokale und Campus-Themen. Sein Redaktionskürzel ist [mok].

Moritz Karrer

Moritz ist 25 Jahre alt und seit August 2024 Teil der ak[due]ll-Redaktion. Er studiert an der UDE Kommunikationswissenschaft und Germanistik. Als Redakteur schreibt er vor allem Artikel über lokale und Campus-Themen. Sein Redaktionskürzel ist [mok].

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