Routine im Konsum: Einkaufswagen markieren für Verbraucher:innen den Beginn eines vertrauten Konsumzyklus. [Foto: Pixabay]
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Konsum im Kreis: Über das System hinter unserem Alltag und die Kraft des Innehaltens

5. August 2025

Kommentar von Cora Liebscher

Wir leben in Kreisläufen. Unser Denken, unser Konsumverhalten, der Umgang mit Ressourcen, Menschen und Dingen folgen wiederkehrenden Mustern. Dabei geht es längst nicht nur um Kleidung. Auch Ernährung, Körperpflege, Technik, Bildung – selbst Beziehungen – unterliegen denselben Logiken: kaufen, nutzen, verwerfen, ersetzen. Wer diesen Kreislauf durchbrechen will, muss ihn zunächst verstehen. Denn diese Wiederholung ist kein Zufall. Sie ist systemisch.

Meine eigene Auseinandersetzung mit meinem (Über)konsum begann, als ich kurz nach meinem Auszug aus dem Elternhaus auf dem Wohnzimmerboden saß und feststellte, zum wiederholten Mal in Geldnöten zu sein. Ja, mein Einkommen war gering. Doch ich musste mir eingestehen, dass nicht darin die eigentliche Ursache meiner Geldsorgen lag, sondern der letzte Kleidungseinkauf mich in finanzielle Bedrängnis gebracht hatte. Und schlimmer noch – er hatte das Gefühl von Unzufriedenheit, das ihm vorausging, nicht gelindert. Zumindest nicht nachhaltig.

Ich muss zugeben, bis sich mein Verhalten wirklich änderte, brauchte es weitere Rückschläge. Aber schon währenddessen begann ein Prozess: ein Nachdenken über meinen eigenen Konsum, aber auch über die strukturellen Zwänge dahinter.

Immer neu, immer gleich

Damals glaubte ich, Konsum sei ein Mittel zur Selbstverwirklichung, ein Ausweg aus Mangelgefühlen und Unsicherheit. Heute weiß ich: Er war Ausdruck eines Kreislaufs, der uns alle betrifft, ob wir es bemerken oder nicht. Was ich damals als persönliches Versagen empfand, entpuppt sich rückblickend als systemisches Muster. 

Dieser Zyklus beginnt mit einer Sehnsucht oder einem verheißungsvollen Versprechen nach Individualität, nach Glück, nach Anerkennung oder Fortschritt. Dann folgt der Kauf, der kurze Rausch und schließlich die Leere. Auf gesellschaftlicher Ebene setzt sich der Zyklus fort: Überproduktion, Sättigung, Entwertung. Das Begehrte verliert an Bedeutung. Neue Sehnsüchte entstehen: nach Handwerk, Tiefe, Qualität. Und auch diese werden vermarktet. Der Gegenentwurf wird zum Trend, landet in der Massenverwertung und verliert seine Substanz. Der Kreislauf beginnt von vorn. Beispiele dafür gibt es viele: Slow Fashion, Superfoods, die Sinnsuche im Sabbatical – was einst als Ausbruch galt, wird rasch vom Mainstream absorbiert.

Alles hängt zusammen

Dieser Mechanismus bleibt nicht auf Kleidung oder Lifestyle beschränkt, er zeigt sich überall. Konsum ist längst mehr als eine ökonomische Tätigkeit. Er dient nicht mehr nur der Bedürfnisbefriedigung, sondern ist zu kultureller Praxis geworden. Er dient der Produktion sozialer Zeichen. Wir kaufen nicht das Produkt, sondern das Image. Genau das verleiht dem Zyklus seine trügerische Attraktivität.

Wer glaubt, es gehe nur um Mode, irrt. Die Art, wie wir Kleidung kaufen, unterscheidet sich kaum von der Art, wie wir mit Nahrungsmitteln, Medien oder Beziehungen umgehen. Unsere Entscheidungen sind nie rein individuell, sie spiegeln soziale Verhältnisse wider.

Ein T-Shirt mit Aufschrift kommuniziert nicht nur Gruppenzugehörigkeit. Es erzählt – bewusst oder unbewusst – auch von Baumwollfeldern, von Näherinnen in Bangladesch, von globalen Lieferketten und Machtverhältnissen. Mit einem Kauf erschaffen wir vielleicht auch ein Bild von uns selbst, das uns gar nicht bewusst ist. Kleidung, Schmuck, Essen: Sie alle sind Teil desselben Netzes, das Ressourcen, Arbeit und Ungleichheit miteinander verknüpft. Wer diese Strukturen ignoriert, stabilisiert ein System, das er:sie womöglich ablehnt.

Ein Wandel, leise und beharrlich

Doch es gibt Brüche im System. Erste Risse. Ich kenne viele junge Menschen, die beginnen, diese Strukturen zu hinterfragen. Nicht immer aus moralischem Impuls, manchmal auch aus Frustration. Aus dem Bedürfnis, Sinn zu finden. Sie suchen keine neue Ästhetik, sondern ein anderes Verhältnis zur Welt. Sie wollen wissen, woher Dinge kommen, was sie bedeuten, wer daran verdient. Dieser Wandel ist kein Hype, sondern eine Haltung.

Widerstand beginnt im Alltag

Veränderung beginnt nicht im Großen, sondern im Konkreten. Kleine Gesten, die sich dem Immergleichen verweigern, haben politische Kraft. Ein reparierter Pullover. Ein Nein zum Sonderangebot. Ein Gespräch ohne Bildschirm. All das sind Zeichen eines anderen Denkens.

Es geht nicht um Verzicht, sondern um Selbstbestimmung. Um ein Leben jenseits industrieller Rhythmen.

Was helfen kann:

  • Wert statt Neuheit: Fragen, was wichtig bleibt und nicht nur, was gerade angesagt ist.
  • Mix statt Masse: Leihen, Tauschen und Kombinieren, denn nicht alles muss neu sein, um neu zu wirken.
  • Langsamkeit leben: Dinge pflegen, reparieren und umdeuten, statt sie sofort zu ersetzen.
  • Eigene Rituale schaffen: Offline-Zeiten und analoge Gewohnheiten als kleine Anker gegen die Dauerverfügbarkeit etablieren.
  • Medienkonsum filtern: Nicht alles, was klickbar ist, muss geklickt werden. Bewusst auswählen, verdauen und Pausen einbauen.
  • Nähe pflegen: Freundschaften jenseits von Likes, durch echte Begegnungen und Gespräche.
  • Produktbiografien kennen: Woher kommt das? Wer hat es gemacht? Wer profitiert? Was erzählt es?
  • Neugier kultivieren: Bildung nicht als Ziel, sondern als Weg – auch jenseits von Credits und Zertifikaten.

Und jetzt?

Natürlich konsumieren wir. Natürlich sind wir Teil des Systems. Aber wir sind nicht ohnmächtig. Wir können anders handeln, anders wählen und neue Geschichten erzählen. Denn dieser Kreislauf ist kein Naturgesetz. Er ist menschengemacht und was gemacht wurde, kann verändert werden.

Veränderung beginnt nicht immer mit Überzeugung. Manchmal beginnt sie mit Erschöpfung. Oder schlicht mit der Erkenntnis: Das Glück lag nie im nächsten Kauf.

Wenn wir also heute über Konsum sprechen, sollten wir weniger darüber reden, wie viel wir kaufen, sondern warum. Vielleicht beginnt der Ausweg aus dem Kreislauf mit der einfachen Frage: Was bleibt, wenn das Neue schon wieder alt ist?

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

Cora Liebscher

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

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