Hier bekommt ihr einen Einblick in die Büroregale von Prof. Dr. Lisa von Stockhausen. [Foto: Rabea Jung]
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Im Büroregal: Was liest… Prof. Dr. Lisa von Stockhausen? 

22. Juli 2025

In diesem Artikel nehmen wir euch mit ins Büro von Lisa von Stockhausen, Professorin für Allgemeine Psychologie I mit dem Schwerpunkt Sprache & Kognition an der Fakultät für Bildungswissenschaften am Campus Essen. Die Psychologin erzählt von ihrer Forschung, Lieblingsautor:innen und Achtsamkeit. 

Beinahe eine ganze Wand nehmen die Regale im lichtdurchfluteten Büro von Prof. Dr. Lisa von Stockhausen ein. Ein runder Tisch zum Gespräch und ein Schreibtisch füllen den Raum.  Dekoriert hat die Psychologin mit Pflanzen, Geschenken und großen Prints selbst geschossener Fotos aus Edinburgh und Schweden, die sie „an schöne Urlaubsorte“ erinnern. Ihre Bücher sortiert die Psychologin in „thematische Cluster“ – jeweils ein Bereich ist ihren jeweiligen Forschungsinteressen zugeordnet. So sammelt sich Literatur zu verschiedenen Bereichen der Kognitionspsychologie neben Texten zu Philosophie und Wissenschaftstheorie, Statistik und Methodik, gereiht an Literatur zu Achtsamkeit und Meditation. „Vor 10 Jahren hätten Sie hier noch Papierstapel gesehen“, die heute größtenteils digitalisierten Quellen gewichen seien, sagt Stockhausen mit Blick auf ihren Schreibtisch. Auch zu ungewöhnlichen Themen hätte sie schon Stapel an Originalliteratur angesammelt, so beispielsweise für die Arbeit an einer Studie zur Pluralverarbeitung. Genau das sei für Stockhausen die Essenz wissenschaftlicher Arbeit: „Auch zu sehr spezifischen Themen hat schon jemand intensiv wissenschaftlich gearbeitet“, was dann die Weiterarbeit an der eigenen Forschung ermögliche. Daher könne sie nicht spezifische Werke benennen, die für ihre eigene Forschung unabdingbar gewesen seien, sondern eher „das intensive Lesen“ der „Vorarbeit“ anderer Wissenschaftler:innen. Grundsätzlich sei Stockhausen „in der Wissenschaft keine Frage zu spezifisch, um sie intensiv zu erforschen“. Aktuell forscht die Psychologin mit ihrer Mitarbeiterin Elena Vieth zu „Auswirkungen von Achtsamkeit auf Stereotypisierungsprozesse“ sowie zur „Entwicklung von Achtsamkeit als Kompetenz“ und erarbeitet mit einer ehemaligen Bachelorandin, Elena Lange, einen Überblicksartikel zu Studien zum Gebrauch geschlechtergerechter Sprache.

„Mein Eindruck ist, dass junge Leute mit viel Stress und Angst durchs Leben gehen.“

Ihre Forschungsschwerpunkte hat die Psychologin „nach den Fragen gewählt, die mich zutiefst interessiert und bewegt haben“. Ihre Diplomarbeit hat sie im Bereich Sprache und Geschlecht verfasst. Hierfür hat Stockhausen sich mit der Frage befasst, ob „es für die Repräsentation der Geschlechter in der Sprache und für das Sprachverstehen eine Rolle [spielt], ob man gendert oder nicht“. Die vorherigen linguistischen Positionen hierzu seien „entgegengesetzt“ gewesen. Dank der Möglichkeit der empirischen Forschung in der Psychologie konnte jedoch bestätigt werden, dass „generische Maskulina nicht generisch verstanden werden“, sondern tendenziell die Vorstellung von Männern evozieren. Hierzu gibt es mittlerweile – auch von Stockhausen selbst – „zahlreiche  experimentelle Studien mit sehr vielfältiger Methodik in ganz verschiedenen Sprachen“. 

Im Bereich soziale Kognition interessiere sie unter anderem Fragen zur Vorbeeinflussung durch (Geschlechts-)Stereotypen und die Bekämpfung dieser. Auch aktuelle Forschung bestätige, dass Menschen immer noch „sehr“ nicht nur durch Geschlechtsstereotype, sondern auch durch die Faktoren „Ethnizität, Herkunft, Alter“ beeinflusst werden. Aktiv gegen diese Bias arbeiten könne man durch die „Bewusstmachung und Reflexion“ dieser, so Stockhausen. Das neueste ihrer Forschungsinteressen sei der Bereich Achtsamkeit und Meditation. Hier beschäftigt sie sich vor allem mit der Frage, „wie wir die Zeit, die wir wach, konzentriert und unaufgeregt sind, ausdehnen können“. Faktoren wie innere Klarheit und Konzentration könnten demnach durch Achtsamkeitsübungen positiv beeinflusst werden. 

„Bücher finden eine:n, wenn die Zeit reif ist.“ 

Aktuell liest Stockhausen Königsallee (2013) von Hans Pleschinski. Der Roman befasst sich mit einem Deutschlandbesuch Thomas Manns im Jahr 1954, in dem unter anderem „fundamentale Fragen zur Nazi-Vergangenheit“, aber auch zu Manns familiären Beziehungen und seiner romantischen Beziehung zu Klaus Heuser aufgegriffen werden. Zu ihren liebsten Autor:innen zählt Stockhausen Christa Wolf, spezifisch die Werke Kindheitsmuster (1976) und Stadt der Engel (2010), sowie Siegfried Lenz, Max Frisch, Truman Capote, vor allem seine Essays, und JD Salinger – „nicht nur Catcher in the Rye, sondern auch seine Kurzgeschichten“. Ebenfalls ist Stockhausen Fan von Krimis, aber solchen, die nicht sehr gewalttätig sind. Hier mag sie die Romane von Josephine Tey: „sehr ungewöhnlich, sehr unterhaltsam.“ Retrospektiv könne Stockhausen keine Bücher benennen, die sie gerne früher gelesen hätte – „Bücher finden eine:n, wenn die Zeit reif ist“. Als besonders prägend empfand sie Kindheitsmuster von Wolf, Franziska Linkerhand (1974) von Brigitte Reimann, Portraits and Observations (2007) von Capote, Montauk (1975) von Frisch, The Power of Now (1997) von Eckhart Tolle und die Kurzgeschichten von Salinger. Generell lege Stockhausen mehr Wert auf „eine psychologische Perspektive“ mit komplexen Charakteren als den Plot. „Ich bin eine große Wiederleserin“, so die Psychologin – bei bereits gelesenen Büchern könne sie sich besser auf die sprachliche Ebene fokussieren. 


„Mir ist aufgefallen, dass junge Menschen mit sehr viel Angst und Stress durchs Leben gehen“, so die Psychologin. Aus diesem Grund würde sie nicht nur die grundsätzliche Inkorporation von Achtsamkeit, sondern auch spezifische Literatur empfehlen, die den Effekt von Achtsamkeit wissenschaftlich fundiert darlegen: Meditation für Skeptiker (2016) von Ulrich Ott und Full Catastrophe Living (1991) von Jon Kabat-Zinn. Durch ihre Lehre, besonders in einem Seminar zur Stressregulation, konnte Stockhausen den oft positiven Effekt von Achtsamkeit auf ihre Studierenden beobachten. „Ich habe den Eindruck, dass Achtsamkeit und Meditation für viele Menschen hilfreich sein kann, um klarer, bewusster und mit weniger Angst durch den Alltag zu gehen.“

Rabea (25) ist seit September 2023 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Anglophone Studies und Germanistik an der UDE.

Rabea Jung

Rabea (25) ist seit September 2023 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Anglophone Studies und Germanistik an der UDE.

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