Die Skyline von Singapur - Janas Zuhause auf Zeit während ihres Auslandspraktikums (Foto: Jana Jovanovic)
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Heimweh unter Palmen – Wie ich im Ausland gelernt habe, mit Einsamkeit umzugehen

1. November 2025

Ein Gastbeitrag von Jana Jovanovic

Ein Auslandsaufenthalt – das klingt nach Aufbruch, nach Mut, nach Geschichten, die man später einmal erzählen wird. Neue Gesichter, fremde Gerüche, unbekannte Sprachen: alles scheint aufregend und voller Möglichkeiten. Doch zwischen der Begeisterung über das Neue und dem Vermissen des Vertrauten kann eine stille Leere entstehen – die Einsamkeit, über die kaum jemand spricht.

Mein Arbeitsplatz war das Boarding House des United World College South East Asia (UWCSEA) – ein Ort, der auf den ersten Blick wie ein zweites Zuhause für die Schülerinnen und Schüler wirkte. Ich war dort in erster Linie für organisatorische Aufgaben und die Betreuung der Jugendlichen zuständig, die aus der ganzen Welt kamen, um gemeinsam zu leben und zu lernen. Das Internatsleben war geprägt von Vielfalt: Überall hörte man unterschiedliche Sprachen, Kulturen trafen aufeinander und dennoch herrschte ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Besonders beeindruckt hat mich, wie viel Wert auf Zusammenhalt gelegt wurde. Ob beim gemeinsamen Abendessen, bei Wochenendaktivitäten oder einfach beim Gespräch auf dem Flur – man spürte, dass das Boarding House mehr war als nur eine Unterkunft. Es war ein soziales Gefüge, das von gegenseitigem Respekt und Offenheit getragen wurde.

Meine Arbeitszeiten fielen überwiegend in den Nachmittag und Abend. Während die meisten ihren Arbeitstag beendeten, begann meiner oft erst richtig. Wenn das Boarding House nachts langsam zur Ruhe kam und die Stimmen der Schüler verstummten, blieb nur die Stille zurück – anfangs wohltuend, später aber beklemmend. Zum Glück war ich nicht ganz allein: Es gab noch einen weiteren Intern, mit dem ich im Vorfeld bereits gut befreundet war. Wir unternahmen viel zusammen – mal einen Ausflug in die Stadt, mal ein gemeinsames Abendessen oder einfach Gespräche nach Feierabend. Diese Momente waren wertvoll und halfen, den Alltag aufzulockern.

Trotzdem gab es Phasen, in denen sich der Alltag etwas einseitig anfühlte. Ab und zu spürte ich das Bedürfnis nach Abwechslung – nach Begegnungen außerhalb des Campus, nach einem anderen Umfeld. An manchen Wochenenden blieb ich bewusst im Zimmer, um zur Ruhe zu kommen, an anderen zog es mich hinaus, um neue Eindrücke zu sammeln. Diese Balance zwischen Rückzug und Aktivität war nicht immer leicht, aber sie hat mir geholfen, meinen eigenen Rhythmus zu finden. So blieb am Ende kein negatives Gefühl, sondern eher die Erkenntnis, wie wichtig es ist, aktiv für Ausgleich zu sorgen, und dass selbst kleine Begegnungen im Alltag einen großen Unterschied machen können.

Einsamkeit im Ausland zu erleben, ist kein ungewöhnliches Phänomen und doch wird kaum darüber gesprochen. Viele möchten die Erfahrung als rundum positiv darstellen, schließlich ist ein Auslandsaufenthalt etwas Besonderes. Aber die Realität ist komplexer. Ich musste lernen, dass Einsamkeit kein Zeichen von Schwäche ist, sondern eine natürliche Reaktion auf Distanz, Überforderung und den Verlust vertrauter Strukturen. Mir wurde bewusst, dass es Mut braucht, diese Gefühle zuzulassen. Sie zu ignorieren oder wegzudrücken, macht die Situation nur schwerer. Erst als ich begann, offen damit umzugehen – auch mit Kolleginnen zu sprechen oder Freundinnen daheim ehrlich zu sagen, dass es mir nicht immer gut ging – wurde es leichter.

Was ich anderen mitgeben möchte

Wer ins Ausland geht, sollte sich bewusst machen, dass die schönsten Erlebnisse oft Hand in Hand mit Momenten der Einsamkeit gehen. Beides gehört dazu. Wichtig ist, sich nicht von unrealistischen Erwartungen leiten zu lassen und offen über die eigenen Gefühle zu sprechen.

Jana in Singapur.
Jana in Singapur (Foto: Jana Jovanovic)

Ich habe gelernt, dass Verbindung nicht nur durch Nähe entsteht, sondern auch durch den Mut, sich verletzlich zu zeigen – sei es gegenüber neuen Kolleginnen oder anderen Menschen, die man gerade erst kennengelernt hat. Rückblickend hätte ich früher aktiv nach Kontakt suchen sollen – außerhalb der Arbeit. Singapur bietet viele Möglichkeiten: Sprachgruppen, Sportclubs, Kochkurse oder es gibt eine Vielzahl von Apps oder Webseiten, wo man sich mit anderen Reisenden verlinken kann. Trau dich, allein loszugehen. Die Wahrscheinlichkeit, dort Menschen zu treffen, die in einer ähnlichen Situation sind, ist groß. Außerdem helfen feste Routinen, den Tag zu strukturieren – etwa regelmäßige Spaziergänge, Kaffee am Morgen in einem Cafe, ein Tagebuch oder feste Anrufe mit Familie und Freunden.

Mit der Zeit lernte ich, mich selbst besser zu verstehen. Ich merkte, dass Einsamkeit nicht nur schmerzhaft, sondern auch lehrreich sein kann. Sie zwingt einen, über die eigenen Bedürfnisse nachzudenken – darüber, was einem wirklich wichtig ist und welche Menschen, Orte oder Routinen Halt geben. Trotz mancher schwieriger Momente blicke ich dankbar auf die Zeit in Singapur zurück. Ich durfte nicht nur Kinder unterrichten und in einem internationalen Umfeld arbeiten, sondern auch viel über emotionale Stärke lernen. Ich habe gesehen, dass Gemeinschaft nicht immer selbstverständlich ist – aber dass man sie selbst aktiv schaffen kann.

Allen, die mit dem Gedanken spielen, ein Praktikum im Ausland zu absolvieren, kann ich es nur empfehlen – gerade dann, wenn man bereit ist, sich neuen Erfahrungen zu öffnen und aus seiner Komfortzone herauszutreten. Die Arbeit im Boarding House der UWCSEA ist vielseitig und unglaublich wertvoll – sowohl fachlich als auch menschlich.

Heute weiß ich: Das Alleinsein in Singapur war eine meiner wertvollsten Erfahrungen. Es hat mich unabhängiger gemacht, sensibler für andere und offener für das, was echte Begegnung bedeutet.

Übrigens: Die Bewerbungsphase für das nächste Praktikum an der UWCSEA läuft gerade. Wer Lust auf interkulturelle Erfahrungen, pädagogische Arbeit und ein lebendiges internationales Umfeld hat, sollte die Gelegenheit nutzen und sich bewerben. Es lohnt sich! 

Kontakt zu den Auslandslots:innen der UDE:

Instagramm: @ude.auslandslotsen

E-Mail: auslandslotsen@uni-due.de 

Website: www.heimatdiezweite.de