Das kanadische Duo Angine de Poitrine macht zurzeit eine große Welle um das Thema Mikrotonalität. [Foto: Anna Olivia Böke]
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Die wundersame Welt der mikrotonalen Musik

18. Juli 2026

Vielleicht hat euch euer Algorithmus in letzter Zeit auch dieses flippig gepunktete Duo aus Kanada in den Feed gespült: Angine de Poitrine reiten zurzeit einer Welle in den Mainstream, die schon seit einiger Zeit am Anrollen ist. Was mikrotonale Musik ist und wieso die Welt sie genau jetzt so gut gebrauchen kann, lest ihr hier.

Angine de Poitrine wirken wie zwei Wesen, die versehentlich aus einer anderen Galaxie in unseren Instagram-Feed gefallen sind. Zwischen gepunkteten Ganzkörperanzügen und surrealen Bühnenbildern erschaffen sie Klanglandschaften, die sich jeder vertrauten Einordnung entziehen. Ihre Songs schweben in Tonhöhen, die unseren Ohren gleichzeitig fremd und erstaunlich vertraut vorkommen. Genau darin liegt ihr Reiz: Statt sich an den Regeln der Popmusik festzuhalten, entwerfen sie eine eigene visuelle und klangliche Welt. Dass ausgerechnet dieses ungewöhnliche Konzept gerade ein Millionenpublikum erreicht, ist kein Zufall. Denn mikrotonale Musik erlebt derzeit einen kleinen, aber bemerkenswerten Moment.

Was ist mikrotonale Musik?

Die allermeiste Musik, die wir im Westen hören, basiert auf einem System aus zwölf Tönen pro Oktave. Zwischen C und dem nächsten C liegen genau zwölf gleich große Halbtonschritte. Dieses Raster prägt praktisch alles, von Mozart bis Charli XCX.

Mikrotonale Musik verlässt dieses starre Gerüst. Hier werden die Zwischenräume interessant: Zusätzliche Tonstufen teilen die Oktave in deutlich mehr als zwölf Abschnitte auf. Dadurch entstehen Intervalle, die in der klassischen westlichen Musik gar nicht vorkommen. Für viele Ohren klingt das zunächst schräg oder sogar verstimmt. Es handelt sich aber einfach um ein anderes Ordnungssystem mit eigenen harmonischen Möglichkeiten.

Doch wie spielt man mikrotonale Musik? Mit einem gewöhnlichen Klavier stößt man schnell an Grenzen, denn dessen Tasten sind fest auf das Zwölftonsystem ausgelegt. In der mikrotonalen Musik kommen oft speziell angepasste Instrumente zum Einsatz, z.B. Gitarren mit verschiebbaren oder zusätzlichen Bünden, Keyboards mit alternativer Tastenbelegung oder digitale Synthesizer, bei denen sich die Tonabstände frei programmieren lassen. Auch die Notation muss erweitert werden. Neben den bekannten Kreuzen und Bs verwenden Komponist:innen zusätzliche Vorzeichen, die Töne um Viertel-, Sechstel- oder noch kleinere Intervalle anheben oder absenken. Das wirkt auf den ersten Blick kompliziert, eröffnet Musiker:innen aber eine erstaunlich große klangliche Freiheit. 

Neu ist diese Idee keineswegs. Viele Musikkulturen arbeiten seit Jahrhunderten mit Tonsystemen, die weit über unsere zwölf Töne hinausgehen. In der türkischen, arabischen oder persischen Musik etwa gehören feinere Tonabstufungen selbstverständlich dazu. Mikrotonale Musik ist also keineswegs eine Erfindung, sondern vielmehr eine Erweiterung des westlichen Hörverständnisses. Dass das Thema inzwischen auch hierzulande mehr Aufmerksamkeit bekommt, zeigt unter anderem das Festival Untwelving in München, das sich vollständig Musik jenseits des Zwölftonsystems widmet. Dort treffen Instrumentenbauer:innen, Komponist:innen und experimentelle Pop-Acts aufeinander und zeigen, wie vielfältig diese Klangwelt inzwischen geworden ist.

Zu den bekanntesten Namen der Szene gehört der türkische Gitarrist Tolgahan Çoğulu. Er entwickelte eine Gitarre mit verschiebbaren Bünden, auf der sich unterschiedlichste Tonsysteme spielen lassen. Seine Instrumente haben die mikrotonale Gitarrenszene nachhaltig geprägt und ermöglichen Musiker:innen, Skalen zu spielen, die auf einer herkömmlichen Gitarre schlichtweg unmöglich wären.

Auch die australische Band King Gizzard & the Lizard Wizard brachte das Thema mit Alben wie Flying Microtonal Banana (2017) in die Rockmusik. Statt komplizierter Theorie gibt es hier psychedelische Gitarrenriffs, die plötzlich ungewohnte Richtungen einschlagen und den vertrauten Sound einer Rockband auf faszinierende Weise weiterdenken. Inzwischen hat die Bewegung längst auch TikTok erreicht. Musiker:innen wie Maddie Ashman teilen dort ungewöhnliche Musik, erklären mikrotonale Harmonien in kurzen Clips, demonstrieren alternative Tonsysteme auf dem Keyboard und machen aus einem vermeintlichen Nischenthema leicht verständlichen Content. Millionen Aufrufe zeigen, dass die Neugier auf neue Klänge groß ist. 

Neue Wege?

Mikrotonale Musik fordert unser Gehör heraus, ohne elitär sein zu müssen. Sie erinnert daran, dass selbst etwas so Grundlegendes wie eine Tonleiter ein menschliches Konstrukt und eine kulturelle Entscheidung ist. Sobald man dieses Raster verlässt, öffnet sich ein Raum voller neuer Farben, Spannungen und Emotionen. Zudem kann KI, zumindest aktuell, noch keine mikrotonalen Songs erstellen, da das Training sehr aufwendig wäre. Somit ist die Klangwelt für viele Musiker:innen eine Option, nicht ausgebeutet werden zu können – zumindest bis die KI letztlich doch trainiert wurde.

Vielleicht erklärt das auch, warum Projekte wie Angine de Poitrine gerade jetzt einen Nerv treffen. Sie machen Eskapismus tanzbar. In einer Zeit, die von KI, Krisen, Kriegen und einem spürbaren Rechtsruck geprägt ist, wächst das Bedürfnis nach Orten, an denen andere Regeln gelten. Wie geht das besser, als mit Musik, die klingt, als käme sie von einem anderen Planeten, und in Bildern, die unsere Vorstellung spielerisch davon ablenken, wie unsere Zukunft aussehen könnte? Das Erfinden neuer Klang- und Bildwelten scheint deshalb wie eine logische Reaktion auf die Gegenwart. Plötzlich erscheint der Traum von einem Leben irgendwo weit draußen im All gar nicht mehr so fern… zumindest für die Dauer eines Songs.